Graf war Agassis Rettung nach dem Absturz

Graf war Agassis Rettung nach dem Absturz

Tennis-Star Andre Agassi macht in seiner glanzvollen Karriere eine erstaunliche Wandlung durch. Ehefrau Steffi Graf brachte ihn zurück in die Spur.
Die Haare waren eine Perücke: Andre Agassi in den frühen Neunzigern
Die Haare waren eine Perücke: Andre Agassi in den frühen Neunzigern
© Getty Images
Tobias Wiltschek
von Tobias Wiltschek
am 4. Juli

“Wenn du keinen Respekt hast, dann hast du keinen Herzschlag, dann hast du keinen Kampfgeist. Und den brauchst du, um überleben zu können.”

Worte, die fesseln, die mahnen, die motivieren.

Gesagt von einem Sportler, dem man diese Ernsthaftigkeit gar nicht abnehmen mag, zumindest nicht dem jungen Paradiesvogel.

So betrat einst Andre Agassi als 16-Jähriger die Tennisbühne: mit zerrissenen Jeans, unangepasst, mit langen Haaren (die eine Perücke waren, wie er später enthüllte). Von Respekt hielt der Junge aus Las Vegas zunächst nicht viel.

André Agassi war Boris Becker "suspekt"

Das kam vor allem bei seinen Kollegen nicht gut an. "Als du damals im Profi-Tennis auftauchtest, konnte ich mit dir zunächst nicht viel anfangen", schrieb Boris Becker in einem offenen Brief via Bild am Sonntag an Agassi vor dessen 50. Geburtstag im Frühjahr 2020.

Er habe die zerrissenen Jeans und die gefärbten Haare nicht ernst nehmen können, schrieb Becker weiter: "Du hast dein Image gepflegt und agiert, als sei dir wichtiger, wie du bei den anderen ankommst und nicht, wie du wirklich bist. Das war mir suspekt."

Boris Becker und Andre Agassi bei den French Open 1991
Boris Becker und Andre Agassi bei den French Open 1991

Das wiederum war Agassi egal. Mit seinem Power-Tennis stieg er unaufhaltsam zu einem der besten Spieler aller Zeiten auf. Sein Return gilt bei Experten als der beste, den die Welt je gesehen hat.

Mit 17 gewann er sein erstes Turnier, mit 18 triumphierte er erstmals in Deutschland beim Turnier in Stuttgart, mit 20 gewann er an der Seite von Michael Chang den Davis-Cup mit den USA.

Bei den Grand-Slam-Turnieren aber wollte es zunächst nicht richtig klappen. Dreimal stand er im Finale, musste sich aber immer geschlagen geben.

Australia's Nick Kyrgios hits the ball during his Mexico ATP Open 500 men's singles tennis match against France's Ugo Humbert in Acapulco, Guerrero State, Mexico on February 25, 2020. (Photo by PEDRO PARDO / AFP) (Photo by PEDRO PARDO/AFP via Getty Images)
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1992: Agassi triumphiert in Wimbledon

Das änderte sich erst, als Agassi 22 war - in Wimbledon. Ausgerechnet! Dieses Turnier, bei dem die Spieler nur in weiß antreten dürfen, war dem bunten Vogel so sehr verhasst, dass er es drei Jahre lang boykottierte.

Andre Agassi (mit seiner damaligen Freundin Wendi Stewart) gewann 1992 Wimbledon
Andre Agassi (mit seiner damaligen Freundin Wendi Stewart) gewann 1992 Wimbledon

1992 aber wurde der noble Londoner Stadtteil zum Schauplatz seines bis dato größten Erfolgs. Nach Siegen über Becker und John McEnroe gewann er auch das Finale in einem legendären Fünfsatzkrimi gegen Goran Ivanisevic.

Bis 1996 folgten Siege bei den US Open (1994 erstmals mit Michael Stich als Finalgegner), den Australian Open und den Olympischen Spielen in Atlanta, wo er Sergi Bruguera im Endspiel bezwang.

Schon 1995 hatte der Sohn eines iranischen Boxers erstmals die Spitze der Weltrangliste erobert, begeisterte mit legendären Rivalitäten gegen Becker, Chang und vor allem “Pistol” Pete Sampras, seinem Gegner in fünf Grand-Slam-Finals - wobei nur das der Australian Open 1995 an Agassi ging.

1996: Große Krise nach Olympiasieg

Nach dem Olympiasieg durchlebte Agassi jedoch die schwerste Zeit seines Berufslebens: Er zog sich häufig Verletzungen zu, konsumierte Chrystal-Meth und wollte nichts mehr mit Tennis zu tun haben. Ja, er hasste den Sport, der ihn berühmt gemacht hatte. In diese Zeit fiel auch die kurze und turbulente Ehe mit Schauspielerin Brooke Shields.

Andre Agassi und Brooke Shields waren von 1997 bis 1999 verheiratet
Andre Agassi und Brooke Shields waren von 1997 bis 1999 verheiratet

Was damals noch niemand ahnen konnte, wurde nur wenig später Gewissheit. Agassi befreite sich aus dieser tiefen Krise mit Hilfe einer Frau, die in ihrer bodenständigen Art genau das Gegenteil von Hollywood-Diva Shields darstellte: die deutsche Tennis-Ikone Steffi Graf.

2001: Steffi Graf wird Agassis Frau

Beide heiraten 2001 und bekamen kurze Zeit später zwei Kinder, erst Jaden Gil, dann Jaz Elle. "Ich war wie vom Donner gerührt, absolut hingerissen von ihrer bescheidenen Anmut, ihrer natürlichen Schönheit", schrieb Agassi in seiner Autobiografie "Open" über seine große Liebe.

Andre Agassi und seine Frau Steffi Graf 2018
Andre Agassi und seine Frau Steffi Graf 2018

Mit dem privaten Glück fand Agassi auch den sportlichen Erfolg wieder. Schon 1999 feierte er mit seinem ersten Sieg bei den French Open einen historischen Erfolg. Seitdem ist er nur einer von sehr wenigen Spielern, die alle vier Grand-Slam-Turniere und das Tennisturnier bei Olympia gewannen.

Mit kahlgeschorenem Haupt strebte er dann dem Ende seiner sportlichen Karriere entgegen, das er bei den US Open 2006 vollzog. Den letzten Major-Titel hatte er sich 2003 in Melbourne gegen Rainer Schüttler geholt, bei den US Open 2005 hatte Agassi gegen den jungen Roger Federer sein letztes Grand-Slam-Finale bestritten und verloren. Federers späterem Rivalen Novak Djokovic diente er später kurz als Trainer.

Glücksfall für benachteiligte Kinder

Schon vor seinem eigenen Abschied schuf Agassi noch die Voraussetzungen für das Leben danach. In dem Jahr, in dem er Steffi Graf heiratete, gründete er auch die Andre Agassi College Preparatory Academy in Las Vegas.

Dort werden nun schon seit fast 20 Jahren benachteiligte Kinder in den Klassen eins bis zwölf unterrichtet - von exzellenten Lehrern, mit hochmoderner Ausstattung. Das anfangs erwähnte Zitat von ihm ist eines der Leitsätze, die er den Kindern mit auf den Weg gibt.

"Die Schule ist eine Oase in einer Welt, die von Gewalt und Unruhe geprägt ist. Ein Ort, der den Kids die Ruhe und den Frieden geben soll, den jedes Kind verdient hat", wird Agassi in der Zeitung Die Welt zitiert.

Aus dem rebellischen Exzentriker von einst ist längst ein Mensch geworden, für den das Wohl anderer mindestens genauso viel wert ist wie die eigenen Erfolge als Tennis-Profi.

Respekt, Andre Agassi!

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