Ein wenig überfordert war Travis Hunter, als sich alle Augen nur auf ihn richteten.
Einen wie ihn gab es seit über 60 Jahren nicht
Eine absolute Seltenheit
Mit breitem Grinsen stand er auf der Bühne in Green Bay vor tausenden Fans, sichtlich nervös. Kurz nachdem er im NFL-Draft an zweiter Stelle von den Jacksonville Jaguars ausgewählt wurde, sollte er direkt in einem Interview seine Gefühle ausdrücken - doch der 21-Jährige hatte noch gar nicht richtig erfasst, was gerade passiert war.
Draft-Schachzug überrascht auch Hunter
Die Jaguars gaben für Hunter kurzfristig insgesamt drei Picks für 2025 und einen Erstrundenpick für 2026 an die Cleveland Browns ab, um von Position fünf auf zwei vorzurücken.
Vom unerwarteten Schachzug der Jaguars wurde auch Hunter völlig überrascht: Er verriet, dass er seit dem Combine, bei dem sich die Draft-Talente in verschiedenen Übungen bei den Teams vorstellen, keinen Kontakt mehr zu den Jaguars hatte. „Ich weiß also gar nicht, was sie erwarten“, gab Hunter zu: „Ich wollte eben weinen, aber ich konnte es nicht. Ich war einfach viel zu aufgeregt.“
Hunter zog beim Draft nicht nur aufgrund seines auffällig leuchtenden rosa Jacketts die Blicke vieler Experten und Zuschauer auf sich. Das besondere sportliche Profil des Talents hatte schon länger für viel Gesprächsstoff gesorgt - und ihn auch einen Platz auf dem Cover der Sports Illustrated eingebracht.
Das neue „Einhorn“ der NFL
Hunter ist das, was in der US-Sportsprache gern „unicorn“ genannt wird, Einhorn: Jemand, der etwas ist, was es eigentlich gar nicht geben kann.
Was Hunter besonders macht: Er ist einerseits in der Defensive als Cornerback ständig im Einsatz und liefert andererseits in der Offensive als Receiver ab, als Passempfänger der Quarterbacks. Und das macht er wohlgemerkt nicht auf einem durchschnittlichen Level.
Im Trikot der University of Colorado war er auf beiden Positionen der beste im gesamten Land: Hunter wurde als bester Wide Receiver und als bester Defensivspieler des Jahres ausgezeichnet. Doch damit nicht genug: Das Multi-Talent gewann auch prestigeträchtige Heisman Trophy für den besten College-Spieler in den USA.
Normalerweise sind Football-Spieler - und gerade die Profis - Spezialisten für eine Position und werden höchstens noch in den Special Teams gelegentlich eingesetzt. Doch ein Spieler wie Hunter kommt in den Rastern nicht mehr vor.
„Niemand hat es bisher getan - aber ich bin anders“
So verlockend es klingt, dass ein Spieler gleich zwei herausragende Begabungen mitbringt, es bringt praktische Probleme mit sich: Wer auf zwei Positionen agiert, braucht während einer Partie Pause zur Erholung und auch das Teamtraining ist eine planerische Herausforderung.
Für Hunter allerdings war das alles bis jetzt kein Thema: Während normale Spieler in einer Partie bei gut 70 Spielzügen auf dem Platz steht, waren es bei Hunter im Durchschnitt 118 pro Spiel.
Für ihn selbst steht auch schon fest, dass es so weitergehen wird. „Ich würde lieber mit Football aufhören, als nur noch eine Position zu spielen“, meinte er vor dem Draft: „Niemand hat es bisher getan. Aber ich bin anders. Mein Körper hält viel aus.“
Vorbilder Bednarik und - mit Abstrichen - Deion Sanders
In der modernen NFL gab es ein Multi-Talent seit Jahrzehnten nicht mehr. Nur Chuck Bednarik, zweimaliger Meisterspieler der Philadelphia Eagles, hatte zwischen 1948 und 1962 in der Offensive als Center und in der Defensive als Linebacker gespielt. Allerdings war vor mehr als 60 Jahren die Intensität noch eine ganz andere.
Danach gab es zwar noch „Neon” Deion Sanders, der in den Neunzigern genau wie Hunter als Cornerback und als Receiver gespielt hatte. Allerdings fing Sanders in seiner gesamten Laufbahn nur 60 Bälle und fokussierte sich fast nur auf die Verteidigung.
Kurios: Sanders trainierte Hunter am College bei den Colorado Buffaloes - zusammen mit seinem in der ersten Draft-Runde überraschend ignorierten Sohn Shedeur Sanders.
„Er wird den Sport verändern“
Die Frage ist nun aber auch: Darf Hunter, in seiner Freizeit leidenschaftlicher Angler, überhaupt so durchstarten, wie er selbst es möchte? Die Antwort ist ja, wenn man den Verantwortlichen der Jaguars Glauben schenken darf.
„Natürlich muss er noch viel lernen, wenn er in die NFL kommt, aber wir betrachten ihn als etwas Einzigartiges und freuen uns sehr, jemanden in unsere Organisation aufnehmen zu können, der, indem er einfach er selbst ist, die Umgebung aufwertet“, sagte General Manager James Gladstone in einer Live-Übertragung während des Drafts bei YouTube.
Gladstone erwartet Großes, ganz Großes von dem Fang, den seine Franchise gemacht hat: „Es gibt Spieler, die man gezielt verpflichten kann und die den Verlauf eines Spiels verändern. Es gibt Spieler, die man gezielt verpflichten kann und die den Verlauf eines Footballteams verändern. Es gibt nur sehr wenige, und es ist selten, einen Spieler zu rekrutieren und zu priorisieren, der den Sport selbst verändern kann. Und Travis ist jemand, von dem wir glauben, dass er das Potenzial dazu hat.“