Felix Lepper steht vor der mit Sicherheit größten Chance seines Lebens. Der 23-Jährige, der eigentlich nur zum American Football kam, weil er in der Zeit nach seinem Abitur eine Sportart zum Abnehmen gesucht hatte, darf sich ernsthafte Hoffnungen auf die NFL machen.
NFL: Nächster deutscher NFL-Star? „Was gerade abgeht, ist wirklich überwältigend“
Er kämpft um die Chance seines Lebens
Als eines von weltweit 13 Talenten wurde Lepper für das International Player Pathway Program (IPP-Programm) der NFL ausgewählt, bei dem die talentiertesten Spieler aller Kontinente für den Sprung in die beste Football-Liga der Welt vorbereitet werden sollen.
Nach Stationen bei den Berlin Thunder, den Leipzig Kings und bis zuletzt den Hamburg Sea Devils in der European League of Football will der 2,06 Meter große und 150 Kilogramm schwere Offensive Lineman, der als Left Tackle den Quarterback beschützt, den Sprung ins große US-Geschäft schaffen.
„War den ganzen Tag überwältigt“
Im SPORT1-Interview spricht der sympathische Hesse über die „einmalige Chance, die jetzt nur noch genutzt werden muss“, sein Studium als Plan B, den er aktuell ruhen lässt, und seine ersten Erfahrungen mit Sport allgemein – auch wenn Lepper diese heute nicht als „Sport“ bezeichnen würde.
SPORT1: Herzlichen Glückwunsch, Herr Lepper, wie geht es Ihnen? Als eines der weltweit vielversprechendsten 13 Talente von der NFL ins IPP-Programm aufgenommen zu werden, hört sich schonmal nicht so schlecht an, oder?
Felix Lepper (lacht): Genau so ist es. Vor allem, wenn man das jetzt so laut ausgesprochen hört oder den Verlauf des Tages der Verkündung sieht. Ich wusste es natürlich schon ein bisschen länger. Ich habe Anfang November den Anruf bekommen, als es hieß: ‚Herzlichen Glückwunsch.‘ Da war ich natürlich den ganzen Tag über komplett überwältigt. Aber das ist kein Vergleich zu dem, was jetzt gerade medial abgeht, mit der ganzen Aufmerksamkeit. Das ist wirklich überwältigend.
SPORT1: In den sozialen Medien gibt es unzählige Gratulanten, mit unter anderem Björn Werner auch ziemliche Football-Prominenz. Sie kennen sich unter anderem aus der Zeit bei den Berlin Thunder. Hat er sich bei Ihnen auch persönlich gemeldet?
Lepper: Ja, ich bin mit Björn eigentlich immer ganz gut im Kontakt, gerade durch meine Zeit in Berlin und die Anfänge. 2020 habe ich bei einem Camp von Gridiron Imports (Organisation, die internationalen Football-Spielern hilft, in den USA High-School- und College-Stipendien zu bekommen, Anm. d. Red.) von ihm mitgemacht und bin dadurch dann nach Fork Union an die Military Academy gekommen. Seitdem ist eigentlich immer Kontakt da.
Lepper: Aus Deutschland in die NFL?
SPORT1: Im Januar geht es für Sie los nach Florida zum Trainingscamp. Wie kann man sich das vorstellen – und sieht ihre Reiseplanung aus?
Lepper: Genau, am 17. Januar geht der Flieger nach Florida. Bis dahin bin ich noch in Deutschland und verbringe die Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie. Dann geht es dort direkt los mit dem zehnwöchigen Camp bis zum 31. März. Wir werden verschiedene Meetings und natürlich auch sehr viel Training auf und neben dem Feld haben. Uns wird erklärt, wie das Leben in der NFL ist. Dazu geht es natürlich auch darum, Spielzüge und Spielverständnis zu lernen. Das Ganze gipfelt dann eben am Ende in einem Pro Day, wo Coaches beziehungsweise Scouts der NFL-Teams vorbeikommen und sich uns angucken. Und danach geht es für mich dann erstmal wieder nach Hause. Im Idealfall kriege ich dann im April einen Anruf (grinst).
SPORT1: Fliegen Sie allein, oder begleiten Sie Freunde oder Familie?
Lepper: Erstmal allein. Und wenn es funktioniert, kommt meine Freundin zu Besuch.
SPORT1: Seit der Einführung des IPP-Programms 2017 hat das Konzept stetig an Relevanz gewonnen. Insgesamt 70 internationale Spieler haben seitdem Verträge in der NFL unterschrieben. Derzeit stehen 22 IPP-Spieler in NFL-Kadern, elf standen bereits im aktiven Spieltagskader. Und auch bei Coaches und Scouts ist das Ansehen über das IPP-Program angewachsen. Wie nehmen Sie das wahr?
Lepper: Ja, das glaube ich auch. Gerade wenn man sich ansieht, wie viele Leute es allein aus Deutschland über das IPP in die NFL geschafft haben. Angefangen mit Jakob Johnson, dann David Bada, Chris Ezeala, Max Pircher, Leander Wiegand und Lenny Krieg, Marcel Dabo… die Liste hört nicht auf, und das waren nur die deutschsprachigen in den letzten Jahren. Uns wurde auch im Oktober beim Combine in England (Sichtungscamp der NFL vom 9. bis 12. Oktober, Anm. d. Red.) gesagt, dass das IPP immer mehr Aufmerksamkeit und auch immer mehr Ansehen innerhalb der NFL bekommt. Das ist einfach eine einmalige Chance, die jetzt nur noch genutzt werden muss.
Lepper: Jakob Johnson als Vorbild
SPORT1: Haben Sie Vorbilder, was Ihren Weg in die NFL aus Deutschland oder insbesondere über das IPP-Program angeht?
Lepper: Auf jeden Fall Jakob Johnson. Er ist ein großes Vorbild, weil er der erste Deutsche war und wie eine Bombe eingeschlagen ist. Wie lange der jetzt schon mit dabei ist… Und egal, wer über ihn berichtet, man hört und sieht nur Gutes. Leander Wiegand und Max Pircher sind aber natürlich auch starke Vorbilder für mich.
SPORT1: Aus dem IPP-Programm könnte man auch auf Jordan Mailata kommen. Der kam ursprünglich aus Australien vom Rugby und ist inzwischen nicht nur einer der besten Spieler auf Ihrer Position, sondern auch schon Super-Bowl-Champion.
Lepper (lacht): Ja! Aber natürlich. Ich war jetzt ein bisschen im deutschen Kosmos unterwegs, aber auf jeden Fall. Jordan Mailata ist international das Aushängeschild für dieses Programm. Gerade auch auf meiner Position als Offensive Lineman. Da ist es schon das Ziel, der nächste Mailata zu werden.
SPORT1: In welchen Bereichen des Spiels sind die Unterschiede zwischen der ELF, wo Sie in den letzten Jahren aktiv waren, und der NFL am größten? Gibt es bestimmte Aspekte, in denen Sie sich besonders weiterentwickeln möchten – und müssen?
Lepper: Die Spielgeschwindigkeit und die Vielseitigkeit, was zum Beispiel Spielzüge und das Playbook angeht, sind meiner Meinung nach die größten Unterschiede. Es passiert einfach alles viel schneller. Das ist das, was man sofort sieht – und was ich auch als Feedback bekomme, wenn ich mit Max (Pircher) oder Leander (Wiegand) spreche. Das ist krass.
Lepper hat einen Plan B
SPORT1: Wir wünschen Ihnen aus deutscher Sicht natürlich das Beste. Aber falls alle Stricke reißen. Haben Sie einen Plan B?
Lepper: Ja, ich studiere noch Lehramt, auf Sport und Geografie. Der Plan B ist zwar da, aber der wird aktuell komplett ausgeblendet (lacht).
SPORT1: In der aktuellen NFL-Saison startet gerade die heiße Phase. Haben Sie ein Team, dem Sie die Daumen drücken?
Lepper: Ich habe nicht unbedingt ein einzelnes Team, dem ich die Daumen drücke. Ein Lieblingsteam habe ich nicht wirklich. Ich drücke einfach immer allen deutschen Jungs die Daumen, jetzt vor allem Jakob (Johnson), der mit den Texans in den letzten Wochen einen richtigen Run hingelegt hat.
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SPORT1: Wie kam Ihr erster Kontakt zum American Football zustande?
Lepper: Als es mit der deutschen Übertragung losging, habe ich ab und zu eingeschaltet. Ich hatte nachts mal ein Spiel gesehen und absolut keine Ahnung, was da passiert, aber es sah auf jeden Fall cool aus. Zu der Zeit, als ich gerade mein Abitur gemacht habe, habe ich schlichtweg nach einer Sportart gesucht, bei der ich abnehmen kann. Dann bin ich irgendwie auf Football gekommen und habe dann da angefangen und es hat mega Spaß gemacht. Und dann kam auch noch der Ehrgeiz dazu und ich habe nicht mehr damit aufgehört.
SPORT1: Haben Sie davor andere Sportarten gemacht?
Lepper: Nicht wirklich. Football war mein erstes großes Ding. Früher bin ich Kart gefahren und Motorsport schaue ich auch heute noch sehr gerne. Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Auf dem Niveau war das bei mir nur Motor – und nichts mit Sport (lacht)
SPORT1: Bei Ihrer Körpergröße mit deutlich über zwei Metern kommt man wahrscheinlich auch nicht mehr so entspannt in ein Kart, oder?
Lepper: Das war zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz so schlimm. Die Wachstumsschübe kamen erst in der Abi-Zeit und danach.
SPORT1: Wie geht es Ihnen aktuell körperlich? Am Anfang der ELF-Saison haben Sie sich eine Syndesmosenruptur im Sprunggelenk zugezogen.
Lepper: Ja, leider direkt im dritten Spiel der Saison. Zu dem Zeitpunkt war das absolut niederschmetternd. Zum Glück habe ich genau zu der Zeit, als ich im Krankenhaus lag, die Nachricht vom NFL-Scout bekommen, dass ich auf deren Radar bin. Und dass ich, wenn ich rechtzeitig wieder fit bin, zum Combine kommen kann. Das war ein immenser Ansporn. Für‘s Combine hat es auf jeden Fall gereicht und jetzt bin ich inzwischen auch wieder bei 100 Prozent. Da gibt es keine Bedenken mehr.
SPORT1: Wie schätzen Sie die Chancen ein? Das Traumziel wäre natürlich, gedraftet zu werden. Aber auch abseits davon stehen die Chancen eigentlich ganz gut, gerade weil die Liga das IPP fördert und IPP-Spielern einen zusätzlichen Platz in den Practice Squads der NFL-Teams ermöglicht. Oder wie sehen Sie das?
Lepper (lacht): Ich würde das genau so unterschreiben.