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"Wir waren ungeschlagen, unangetastet, komplett entfesselt"

Sie nannten ihn „den Baum“

Charle Young war Mitglied des Teams um Joe Montana, das die Dynastie der San Francisco 49ers begründete. Im SPORT1-Interview blickt er zurück auf eine bewegte Karriere - und auf das vielleicht berühmteste Play der NFL-Geschichte.
Charle Young (Nr. 86) feierte mit den San Francisco 49ers seine größten Erfolge in der NFL - darunter einen Super-Bowl-Titel
Charle Young (Nr. 86) feierte mit den San Francisco 49ers seine größten Erfolge in der NFL - darunter einen Super-Bowl-Titel
© IMAGO/ZUMA Press Wire
Charle Young war Mitglied des Teams um Joe Montana, das die Dynastie der San Francisco 49ers begründete. Im SPORT1-Interview blickt er zurück auf eine bewegte Karriere - und auf das vielleicht berühmteste Play der NFL-Geschichte.

Er ist Mitglied der College Football Hall of Fame, NFL-Erstrundenpick, mehrfacher Pro Bowler - und er holte an der Seite von Quarterback-Legende Joe Montana den ersten Super-Bowl-Titel in der Geschichte der San Francisco 49ers: Der heute 75-jährige Charle Young hat nicht nur wegen seiner imposanten körperlichen Erscheinung große Spuren in der Football-Historie hinterlassen.

NFL-Legende Charle Young: Mit Bibelkreis zum Jahrhundertteam

Im Interview mit SPORT1 blickt der ehemalige Tight End zurück auf eine bewegte Karriere mit bitteren Rückschlägen, den Aufstieg der 49ers und die Bedeutung des American Football für die Menschen in den USA.

Außerdem verrät er, wie es sich anfühlte, beim vielleicht berühmtesten Play der NFL-Geschichte auf dem Rasen zu stehen - und welche heimlichen Helden rund um „The Catch“ aus seiner Sicht zu wenig gewürdigt wurden.

SPORT1: Mr. Young, Sie haben schon für Furore gesorgt, bevor Sie überhaupt in die NFL gekommen sind. Das 1972er-Team der University of Southern California gilt bis heute als eines der besten College-Football-Teams, das jemals gespielt hat. Was hat diese Mannschaft so besonders gemacht?

Charle Young: Dieses Team musste jede Menge Widerstände überwinden. Man liest immer vom 72er-Team, aber nicht von den Teams 1970 und 1971. Diese beiden Teams hatten jeweils eine Bilanz von sechs Siegen, vier Niederlagen und einem Unentschieden - und das Team war gespalten. Bis wir als eine Einheit zusammengefunden haben, haben wir auch nichts gewonnen. Und wir haben zusammengefunden, weil es in unserem Team einen Typ namens Dave Brown gab - und Dave Brown ist zum Coach gegangen und hat ihn gefragt, ob wir gemeinsam einen Bibelkreis starten könnten.

SPORT1: Mit Erfolg?

Young: Anfangs sind einige Jungs gekommen, irgendwann war der Großteil mit dabei. Und dann haben wir gegen Notre Dame gespielt und haben sie geschlagen, das damalige Nummer-1-Team, in ihrem Stadion. Danach haben wir zwei Jahre lang kein Spiel verloren.

SPORT1: Und das trotz zahlreicher Herausforderungen: Unstimmigkeiten im Team und drumherum, auch Rassismus war damals ein großes Thema.

Young: Wir hatten damals weiße Jungs, schwarze Jungs, Latinos im Team - und natürlich gab es da Probleme. Wir mussten das erstmal überwinden. Erst als wir ein offenes Gespräch geführt und uns besser kennengelernt haben, hat das nachgelassen. Wir haben angefangen, gemeinsam Dinge zu unternehmen - und wenn man Zeit miteinander verbringt, verbessert sich das Verhältnis zueinander. Das haben wir geschafft, aber es hat eine Weile gedauert. Da waren Menschen aus dem ganzen Land, aus ganz unterschiedlichen Gegenden an einer Schule zusammengekommen, hatten alle ihre Vorstellungen mitgebracht, all das, womit sie aufgewachsen waren. Aber als wir uns zusammengerauft haben und als Einheit zusammengewachsen sind, waren wir unaufhaltsam. Das 72er-Team, über das immer gesprochen wird: Wir waren ungeschlagen, unangetastet, komplett entfesselt.

Philadelphia Eagles holen Young in die NFL

Im Jahr 2004 wird Young in die College Hall of Fame aufgenommen, für seine Leistungen in der Saison 1972 wird er schon damals einstimmig ins All-America First Team gewählt. Die Eagles holen den Tight End mit dem 6. Pick im NFL-Draft 1973 und großen Hoffnungen nach Philadelphia.

SPORT1: Wie sind Sie zu Beginn Ihrer NFL-Karriere mit den Erwartungen umgegangen?

Young: Erst einmal war es für mich ein Schritt zurück, die USC zu verlassen und nach Philadelphia zu gehen.

SPORT1: In welcher Hinsicht?

Young: Nun ja, wie wir schon besprochen haben: Ich war National Champion, ungeschlagen, unangetastet. Und aus dieser Situation bin ich nach Philadelphia gegangen - und Philadelphia hat damals nicht gewonnen. Sie sind heute ein erfolgreiches Team, damals war das nicht der Fall. Ich hatte aber hohe Ansprüche und wie man an den Zahlen sieht, habe ich individuell auch gut gespielt, weil das einfach mein Mindset war.

SPORT1: Als Team lief es jedoch nicht gut.

Young: Nein, aber sie haben mir die Möglichkeit gegeben, so zu sein und zu spielen, wie ich war. Sie haben mich nicht ausgebremst. Ich war unter den Rookies of the Year, ich habe ligaweit alle Tight Ends angeführt, ich war All-Pro und all diese Dinge.

Deshalb liebt Young den Spitznamen „The Tree“

SPORT1: Zu dieser Zeit haben Sie den Spitznamen „The Tree“ (dt.: der Baum) bekommen. Mochten Sie diesen Spitznamen, fanden Sie ihn passend?

Young: Ja, „The Tree“ ist ein Spitzname, den ich wirklich liebe. In der Bibel heißt es in den Psalmen: „Wie ein Baum, der nah am Wasser gepflanzt ist, werde ich nicht wanken.“ Wissen Sie, dass ein Baum alles hat, was man zum Leben braucht? Er gibt Sauerstoff zum Atmen, er gibt Medizin, um einen gesund zu halten, er gibt Nahrung und er spendet Wärme und Schutz.

SPORT1: Jetzt ist klar, warum Ihnen der Spitzname gefällt. In den darauffolgenden Jahren haben Sie einen Super Bowl gewonnen und einen verloren. Aus welchem haben Sie persönlich mehr mitgenommen?

Young: Mehr gelernt habe ich auf jeden Fall aus der Niederlage. Wenn man kämpfen muss, lernt man daraus immer, denn ohne den Kampf gäbe es keinen Erfolg.

SPORT1: Welchen Kampf mussten Sie in Ihrer Karriere führen?

Young: Nachdem ich in Philadelphia zum All-Pro wurde, bin ich nach Los Angeles gegangen. Und die Zeit dort war eine wichtige Lehre für mich: Um wahre Größe zu erreichen, muss man durch eine schwere Prüfung gehen. Und ich hätte nie einen Super Bowl gewonnen, wenn ich nicht die Prüfungen hätte bestehen müssen, die mir dort gestellt wurden.

Karriereknick bei den Los Angeles Rams

Dreimal in vier Jahren bei den Eagles wird Young zum Pro Bowler gewählt, in seiner Premierensaison landet er beim Voting zum Offensive Rookie of the Year auf Platz zwei. Nach seinem Wechsel zu den Los Angeles Rams ist er dort aber nicht einmal mehr Starter, spielt drei Saisons lang nur eine Nebenrolle - auch wenn er mit den Rams in der Saison 1979 den Super Bowl erreicht.

SPORT1: Was ist in Los Angeles passiert?

Young: Damals gab es noch keine Free Agency. Heute ist das ganz normal, aber damals gab es das nicht. Ich wollte ein Free Agent sein und mir mein nächstes Team aussuchen können, aber damals hieß das, dass man sich mit der gesamten Liga anlegte - und das wollten sie nicht. Wenn man sich meine Statistiken ansieht, dann sieht man, dass ich von einem Leistungsträger bei den Eagles auf einen Schlag zu einem Spieler wurde, der gar nicht spielte. Das war, weil sie mir eine Lektion erteilen wollten. Sie wollten mir meinen Platz zeigen.

SPORT1: Wie hat sich das damals für Sie angefühlt?

Young: Furchtbar, es war einfach nur furchtbar! Das war eine sehr herausfordernde Zeit für mich. Aber die meisten Leute verstehen nicht, dass Herausforderungen immer zu deinem Besten sind. Sie sind dazu da, um dich zu formen und um zu dir selbst zu finden.

SPORT1: Ist das die Art und Weise, wie Sie heute mit Abstand auf diese Zeit zurückblicken oder konnten Sie das damals auch schon so sehen?

Young: Nein, damals konnte ich das nicht. Es ist schwer, etwas zu sehen, wenn deine Augen voller Tränen sind. Ich habe das erst verstanden, als ich diese Phase hinter mir hatte.

Die Wende zum Guten kommt, als Young zur Saison 1980 zu den San Francisco 49ers weiterzieht. Dabei hat das Team zuvor in der ersten Saison unter dem neuen Coach Bill Walsh gerade einmal zwei von 16 Spielen gewonnen.

SPORT1: Nach der enttäuschenden Zeit bei den Rams sind Sie bei den San Francisco 49ers gelandet, die damals noch keinen Titel gewonnen hatten. Wie kann man sich die Franchise damals vorstellen?

Young: Zu jener Zeit waren die 49ers eines der schlechtesten Teams der Liga. Sie hatten gerade in Bill Walsh einen neuen Trainer bekommen. Heute gilt er als Genie, aber damals war er noch kein Genie. Er versuchte nur, es irgendwie in der NFL zu schaffen, und begann damit, ein neues Team aufzubauen.

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San Francisco 49ers stechen Buffalo aus

SPORT1: Und ein Teil davon waren Sie.

Young: Genau - und letztlich war es die Erfahrung in Los Angeles, die meine Zeit in San Francisco so erfolgreich gemacht hat. Weil ich das alles durchmachen musste, habe ich eine Menge gelernt. Ich habe gelernt, Opfer zu bringen und Risiken einzugehen - und oftmals bringen große Risiken auch große Belohnungen mit sich.

SPORT1: Es war also ein Risiko, damals nach San Francisco zu gehen? War das denn Ihre eigene Entscheidung?

Young: Ja, die Entscheidung fiel zwischen San Francisco und Buffalo. Ich saß schon in Buffalo am Tisch und habe verhandelt. Dann habe ich einen Anruf bekommen, dass ich nichts unterschreiben, sondern nach San Francisco gehen soll.

SPORT1: Glauben Sie, das war Zufall oder so etwas wie Schicksal?

Young: Nennen wir es göttliche Fügung. Als ich in San Francisco angekommen bin, wurde ich dort menschlich und mit Respekt behandelt. Wenn man jemanden so behandelt, dann bekommt man darauf eine Reaktion. Und ich habe auf eine sehr positive Art und Weise reagiert. Ich habe angefangen, mich umzuschauen, die Dinge zu bewerten und alle anderen im Team zu ermutigen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und braucht mal ein bisschen Aufmunterung. Und wenn man jemandem gut zuredet, bekommt man eben eine entsprechende Antwort.

SPORT1: Würden Sie sagen, dass Ihre Zeit in Los Angeles Ihnen beigebracht hat, was Sie brauchten, um für dieses 49ers-Team ein Leader zu sein?

Young: Ich war schon immer ein Anführer, weil Anführer so geboren werden. Aber manchmal wissen sie es nicht und es braucht die richtigen Umstände, um das zum Vorschein zu bringen. Zum Beispiel, dass man ein bestimmtes Ziel erreichen möchte - und mein Ziel war es, in den Super Bowl zu kommen und ihn zu gewinnen. Nicht nur dabei zu sein, sondern ihn zu gewinnen. Um das zu schaffen, brauchte ich Hilfe von anderen Leuten - und wenn du ihnen hilfst, dann helfen sie wiederum dir.

Am Ende der Saison 1981 gewinnen die 49ers mit Quarterback Joe Montana ihren ersten Super Bowl, setzen sich im Endspiel mit 26:21 gegen die Cincinnati Bengals durch.

Die Geburtsstunde von „The Catch“

Im Spiel zuvor ereignet sich gegen die Dallas Cowboys eine der berühmtesten Szenen der NFL-Geschichte: In der letzten Minute findet ein Pass von Montana in der Endzone auf unwahrscheinliche Art und Weise Dwight Clark, die 49ers gewinnen die Partie mit 28:27 - und „The Catch“ ist geboren.

SPORT1: Das wahrscheinlich berühmteste Play dieser Saison aus dem Conference Championship Game gegen die Dallas Cowboys ist als „The Catch“ in die NFL-Geschichte eingegangen.

Young: Nun ja, unter uns gesagt: „The Catch“ hat uns in diesem Spiel aber nicht den Sieg gebracht. „The Catch“ hat uns in Führung gebracht, aber er hat das Spiel nicht entschieden.

SPORT1: Nach dem Extrapunkt stand es 28:27 und es war noch fast eine Minute zu spielen.

Young: Genau, es war noch Zeit auf der Uhr. Mehrere Personen, die einen riesigen Unterschied gemacht haben, haben dafür nie die verdiente Anerkennung bekommen. Natürlich, Dwight Clark und Joe Montana haben die Lorbeeren geerntet, also derjenige, der den Ball geworfen und derjenige, der ihn gefangen hat - es war schließlich „The Catch“.

SPORT1: Sie waren aber nicht die einzigen Helden.

Young: Nachdem wir im Anschluss an den Touchdown den Kickoff gemacht hatten, warf Cowboys-Quarterback Danny White den Ball zu Drew Pearson, der zwischen unseren Spielern durchschoss und beinahe auf und davon gewesen wäre. Aber Eric Wright hat ihn gerade noch am Schulterpad gepackt und ihn zu Boden gebracht. Das allein hat ihn gestoppt und geholfen, das Spiel zu gewinnen. Wenn er dieses Tackle nicht gemacht hätte, wäre es vorbei gewesen.

SPORT1: Aber die Cowboys hatten immer noch 38 Sekunden.

Young: Richtig, und sie hatten zu der Zeit einen großartigen Kicker, den Besten der Liga, sein Name war Rafael Septien. Er brauchte nur zehn weitere Yards und ich weiß, er hätte das Field Goal verwandelt, denn wir waren gemeinsam bei den Rams gewesen. Aber beim nächsten Play gab es diesen Jungen namens Lawrence Pillers. Lawrence Pillers hat auch nie die große Anerkennung bekommen, aber er hat den Guard einfach überrannt und in Danny White hineingeschubst, der daraufhin den Ball gefumbelt hat. Jim Stuckey hat sich auf den Ball geworfen und der Rest ist Geschichte. Aber wenn Lawrence Pillers das nicht getan hätte, wäre es für uns auch vorbei gewesen.

SPORT1: Trotzdem kennen wahrscheinlich nur die wenigsten Menschen die Namen Eric Wright und Lawrence Pillers.

Young: Die beiden haben nie die Anerkennung bekommen, die sie verdient hätten.

Young verrät: So fühlte sich „The Catch“ als Spieler an

SPORT1: Und wie waren diese Momente für Sie persönlich? Können Sie uns nochmal mitnehmen, wie es war, an diesem Tag auf dem Platz zu stehen?

Young: Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn man eine Vorstellung von einem Gemälde oder etwas Ähnlichem hat, und dieses dann Wirklichkeit wird - so in etwa fühlt es sich an. Aber ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Dein gesamter Körper, einfach alles geht durch diese Emotionen, von denen du so lange geträumt hast. Die meisten Menschen, die in der NFL spielen, träumen davon, den Super Bowl zu erreichen - und nur sehr wenige bekommen diese Gelegenheit, nur sehr wenige. Wenn man also diese Chance bekommt, seinen Lebenstraum zu verwirklichen, dann ist das ... also, ich meine, das verändert dein komplettes Leben!

SPORT1: Auf den Bildern von damals sieht man Sie nach „The Catch“ in diese Jubeltraube um Dwight Clark springen. Man kann die Emotionen und die Freude förmlich spüren.

Young: Was man daran verstehen muss, und ich versuche, es so gut wie möglich zu beschreiben: Wir waren eine Gruppe von Individuen, die am Anfang der Saison gar nicht richtig daran glaubten, etwas gewinnen zu können. Wir hatten keine Ahnung, dass wir erfolgreich sein würden. Zu Beginn hat jeder nur versucht, seinen Job zu behalten. Aber Schritt für Schritt hat sich alles verändert. Wir haben angefangen, an uns zu glauben - und wenn jemand erstmal anfängt, an etwas zu glauben, dann ist es sehr schwierig, daran wieder etwas zu ändern.

Joe Montana? „Er hat die Menschen inspiriert“

Nach dem Super-Bowl-Triumph mit den 49ers spielt Young eine weitere Saison in San Francisco, ehe es ihn zu den Seattle Seahawks zieht. Den Erfolg mit den Niners kann er mit dem diesjährigen Super-Bowl-Teilnehmer nicht wiederholen - vielleicht auch, weil der Quarterback in Seattle nicht Joe Montana heißt.

SPORT1: Sie haben Joe Montana schon kurz erwähnt, der bis heute als einer der größten Quarterbacks gilt, die je in der NFL gespielt haben. Warum war er so einzigartig?

Young: Weil er an sich und seine Fähigkeiten geglaubt hat. Joe kam von der University of Notre Dame, einem unserer größten Rivalen am College. Er war damals schon ein Gewinner und er ist es für mich immer geblieben. Die Leute vergleichen ihn immer mit Tom Brady, der damit aufgewachsen ist, Joe spielen zu sehen. Aber Joe hat nie einen Super Bowl verloren - und er hat in vier gespielt. Der Einzige, der sonst in vier Super Bowls gestanden und nie verloren hat, war Terry Bradshaw. Das ist schon nochmal etwas anderes. Brady hat zehn Super Bowls erreicht, aber er hat auch drei verloren, Joe hat nie einen verloren - so sehe ich das zumindest. Aber das Wichtigste ist, dass Joe etwas Inspirierendes an sich hatte. Er hat die Menschen inspiriert!

SPORT1: Ist es das, worum es beim Football letztlich geht, Menschen zu inspirieren?

Young: Die Menschen sehen uns als eine Art Gladiatoren. Footballspieler sind moderne Gladiatoren - und wir sind da, um die Leute zu unterhalten. Wenn du das Publikum für dich gewinnst, wie es so schön heißt, gewinnst du deine Freiheit. Und genau so ist es.

SPORT1: Das ist eine interessante Sicht auf den Sport.

Young: Die meisten Leute, die zu den Spielen kommen, haben allerlei Probleme und Sorgen. Beim Football suchen sie nach Ablenkung und wir bieten ihnen diese Ablenkung. Zu meiner Zeit als Spieler gingen die Zuschauer einfach durch ein Drehkreuz - und mit einem Schlag verwandelten sie sich von den Menschen, die sie sonst waren, in die Menschen, deren Trikot sie trugen. Sie haben durch die Spieler indirekt auch diese ganze Erfahrung gemacht. Sie konnten brüllen und schreien und all diese Dinge. Dadurch haben sie all den Druck abgebaut, den sie sonst verspürt haben - und vielleicht ist der eine oder andere deshalb einem Schlaganfall oder einer Herzattacke entgangen. Diesen Dienst haben wir den Menschen erwiesen.

Was sich in der NFL heute verändert hat

SPORT1: Wenn man als „Gladiator“ unten auf dem Rasen steht, nimmt man die Dinge offenbar noch einmal ganz anders wahr.

Young: Es ist eine einzigartige Erfahrung, da unten in der Arena zu stehen. Und oft muss man die Fans dabei komplett ausblenden und sich mental komplett auf das konzentrieren, was man da eigentlich tut. Wenn man als Spieler zu viel über die Zuschauer nachdenkt und abgelenkt ist, verletzt man sich schnell oder wird außer Gefecht gesetzt.

SPORT1: Hat sich daran in der heutigen NFL etwas geändert?

Young: Heutzutage geht es um viel Geld, deshalb haben sie ein besonderes Auge auf bestimmte Spieler, insbesondere die Quarterbacks und die Receiver. Viele Dinge, die heute eine Strafe nach sich ziehen, waren bei uns noch gang und gäbe.

SPORT1: Ist das eine gute Entwicklung oder verändert es das Wesen des Spiels?

Young: Das kommt darauf an, was man möchte. Aber wenn man es aus einer finanziellen Perspektive betrachtet, ist es gerade für die Owner auf jeden Fall eine gute Sache, weil ihre Spieler und damit ihre Investitionen mehr auf dem Feld stehen.