Die Super-Bowl-Woche ist keine Woche wie jede andere - insbesondere nicht für die Spieler der beteiligten Teams. Wer wüsste das aus deutscher Sicht besser als Sebastian Vollmer: Vor elf Jahren gewann der heute 41-Jährige seinen ersten Titel mit den New England Patriots - und wie in diesem Jahr ging es auch damals gegen die Seattle Seahawks.
Super Bowl: So erlebte Vollmer den NFL-Moment, der sein Leben veränderte
Vollmers irre Super-Bowl-Geschichte
Vor dem Super Bowl LX im Levi’s Stadium der San Francisco 49ers (am Sonntag ab 23.15 Uhr live bei RTL im Free-TV) spricht der ehemalige NFL-Profi im SPORT1-Interview über die Herausforderungen vor dem großen Spiel, skurrile Begegnungen, besondere Trainingsmethoden und den Einfluss der Halftime-Show auf die Spieler.
Außerdem verrät er, wieso er den legendären Super-Bowl-Moment, der sein Leben veränderte, gar nicht live zu sehen bekam.
NFL-Wahsinn beim Super Bowl - das empfiehlt Vollmer
SPORT1: Sebastian, du kennst die Situation, in der sich die Spieler der Patriots und der Seahawks in dieser Super-Bowl-Woche befinden. Was ist denn die größte Herausforderung in diesen sehr speziellen Tagen?
Sebastian Vollmer: Konzentriert und fokussiert zu bleiben. Auf dir liegt das Augenmerk, alle internationalen Medien sind da und wollen was von dir. Jeder hat eine Meinung über dich: Morgens kannst du der Beste auf deiner Position sein, abends bist du das Schlechteste, was es je gab. Jeder Experte hat irgendeinen Take. Von daher: Fernseher aus, keine Zeitung lesen, kein Social Media und einfach dein Ding machen, so weit in der Routine bleiben, wie es eben geht.
SPORT1: Wie realistisch ist es, das alles wirklich komplett auszublenden?
Vollmer: Das ist nicht machbar, weil du Open Locker Room hast, weil du den Media Day hast. Die Spieler müssen sich ja für die Medien bereitstellen, die das dann wiederum an die Fans transportieren. Das ergibt auch Sinn. Trotzdem ist es nicht hilfreich, die beste Leistung zu bringen, wenn du den ganzen Tag stehen musst, wenn du nicht regenerieren kannst, wenn deine Routine zerstört wird. Aber es ist ein Teil davon, das sind alles Profis und beide Mannschaften machen es ja gleich - von daher ist es auch fair.
„Das ist der größte Moment für einen Footballer“
SPORT1: Klingt dennoch, als wäre diese Woche bis zum Super Bowl für einen Spieler mehr Last als Lust.
Vollmer: Auf jeden Fall. Das ist der größte Moment für einen Footballer, für viele vielleicht die einzige Chance, den Super Bowl zu gewinnen - und da willst du natürlich nichts machen, was das am Ende verhindern könnte. Hier ist jetzt zwar schönes Wetter, aber es ist eben auch Winter: Du schüttelst 1000 Hände, bist in einem Raum mit 500 Leuten, vielleicht ist einer von denen krank. Dann steht da jemand vor dir und hustet dich an. Das sind die Dinge, über die du als Spieler so nachdenkst. Du stehst stundenlang, wo du dich normalerweise hinlegen kannst. Du schläfst eine Woche lang im Hotel, obwohl du am liebsten in dein eigenes Bett willst.
SPORT1: Gerade bei der Opening Night, wo alle Spieler den Medien an einem Abend zur Verfügung stehen, kommt es ja immer wieder auch zu teils skurrilen Szenen. Gibt es da eine Anekdote, die dir in Erinnerung geblieben ist?
Vollmer: Am Ende ist vieles, was da passiert, irgendwo Selbstverherrlichung. Es geht oft nicht um den Spieler oder um Football selbst, sondern da ist jemand, der viral gehen möchte. Da geht es dann oft mehr um die Person, die die Frage stellt. Bei mir kam mal ein mexikanischer Fernsehsender mit einem Fußball und hat den, so hart es ging, in meine Richtung geschossen. Der Ball hat mich verfehlt, aber irgendwen hinter mir getroffen - und du fragst dich nur: Warum?! Wenn der Ball mich trifft, tut das richtig weh. Aber die haben dann halt irgendwie ein virales Bild. Da hast du als Spieler in dem Moment, ganz ehrlich, wenig Lust drauf. Aber du machst es mit, denn ohne die Aufmerksamkeit und die Fans haben wir auch kein Spiel, deshalb gehört es dazu.
Warum die Halftime-Show für die Spieler so schwierig ist
SPORT1: Wenn wir einmal aufs Sportliche schauen: Wie viel wird in dieser Woche tatsächlich noch trainiert, wie viel passiert da noch?
Vollmer: 100 Prozent, das ist richtig hart. Mittwochs ist ein richtig hartes Training, da geht es um die First und Second Downs. Alles in Pads, wie zu Hause auch. Training und Meetings werden nicht gekürzt, du machst halt nur noch mehr drumherum.
SPORT1: Und wie sehr ändert sich der Ablauf am Spieltag selbst mit der Halftime-Show und allem, was da sonst noch so beim Super Bowl passiert?
Vollmer: Das betrifft tatsächlich vor allem die Halbzeit, die ist eben doppelt so lang wie sonst. In der normalen Saison weißt du ganz genau: Es dauert zwei Minuten bis zum Locker Room, dann hast du drei Minuten Zeit, du trinkst was, du gehst aufs Klo, was auch immer du machen musst, eine Minute Ansprache und wieder raus.
SPORT1: Und beim Super Bowl hat man plötzlich viel mehr Zeit zu überbrücken.
Vollmer: Da ist es dann ungefähr eine halbe Stunde, aber du weißt es auch nicht genau. Je nachdem, wie lange das mit der Bühne dauert und was der Artist vorhat, können es 35, auch 36 Minuten sein. Du hast also vorher eineinhalb, zwei Stunden Gas gegeben, hast dann eine halbe Stunde Pause - und vielleicht warst du am Ende der ersten Hälfte als Offense nicht auf dem Feld, vielleicht kriegt der Gegner zur zweiten Hälfte auch noch den Ball. Dann kann das mal eine Stunde, eineinhalb Stunden sein, wo du nichts machst. Da mental und physisch drinzubleiben, ist gar nicht so einfach.
SPORT1: Kann man sich darauf vorbereiten?
Vollmer: Wir haben damals tatsächlich für die Halbzeit-Show trainiert, was in meinen Augen auch ein Riesenvorteil war, zum Beispiel in dem Super Bowl gegen Atlanta (34:28 für die Patriots nach Overtime trotz 3:21-Rückstand zur Halbzeit, Anm. d. Red.). Da mal eben eine Stunde, eineinhalb nichts zu machen und dann wieder Gas zu geben, das muss man gelernt haben.
SPORT1: Wie darf man sich dieses Training dann vorstellen?
Vollmer: Wir haben eineinhalb Stunden trainiert, mussten uns dann wirklich für eine halbe Stunde hinsetzen und haben dann wieder angefangen.
Wieder Super Bowl Seahawks vs. Patriots - so erinnert sich Vollmer
SPORT1: Beim diesjährigen Duell werden natürlich auch nochmal Erinnerungen an den Super Bowl vor elf Jahren wach, in dem du deinen ersten Titel geholt hast. Wie hast du damals diese Last-Minute-Interception von Malcolm Butler direkt vor eurer Endzone erlebt?
Vollmer: Wir waren in Führung und haben natürlich auch realisiert, dass unsere Defense Probleme mit Marshawn Lynch (damaliger Running Back der Seahawks, Anm. d. Red.) hatte. Wir standen in der Situation mit dem Rücken zum Feld und haben gerade mit Offensive Coordinator Josh McDaniels gesprochen, der uns nochmal eingewiesen hat: „Die werden jetzt scoren, das heißt, wir werden dann drei Punkte zurückliegen. Wir werden noch ungefähr 25 Sekunden Zeit haben, wir haben drei Spielzüge, das und das machen wir.“
SPORT1: Es wurde also schon für einen finalen Drive geplant?
Vollmer: Du gehst das alles schon durch: „Wir glauben, der Defensive End macht diesen Move, der Quarterback wird da sein.“ Alles wirklich detailorientiert - aber dann hörst du auf einmal dieses Geschrei und drehst dich um. Es kann ja alles passiert sein, ein Touchdown für Seattle, alles Mögliche. Und dann, wie auch immer, hat der Malcolm den Ball. Das zu realisieren, hat gefühlt zehn Sekunden gedauert, aber wahrscheinlich war es nur eine halbe. Und dann wird dir klar: noch 20 Sekunden und wir sind Super-Bowl-Champions. Da wechselt das auf einmal von „Ich weiß nicht, ob das noch klappt“ zu „Wow, endlich!“ - wirklich eine Achterbahn der Gefühle.
SPORT1: Klingt, als wäre das auch der Super-Bowl-Moment, der dir am meisten in Erinnerung geblieben ist.
Vollmer: Auf jeden Fall! Ich erinnere mich an das ganze Spiel sehr gerne, aber das war natürlich dieser Moment, in dem du realisierst, dass du jetzt Super-Bowl-Champion bist. Du hast es geschafft, du hast durchgespielt, die ganzen Verletzungen und alles andere haben sich auch irgendwie gelohnt.
So tippt Vollmer den Super Bowl LX
SPORT1: Jetzt kommt es in diesem Jahr zur Neuauflage dieses Duells zwischen Patriots und Seahawks. Was für ein Spiel erwartest du?
Vollmer: Ich glaube, dass die Patriots gewinnen. Ich tippe, dass das Ergebnis in den niedrigen 20ern sein wird, 24:21, so etwas. Meiner Meinung nach wird das Team, das weniger Fehler macht, am Ende gewinnen - und ich glaube, das werden die Patriots sein.
SPORT1: Wenn du aus deiner eigenen Erfahrung den Spielern für Sonntag eine Sache mit auf den Weg geben könntest, was wäre das?
Vollmer: Am Ende ist es ein Spiel, das du seit Jahren gespielt hast - sobald der Kickoff da ist bis zum Ende. Klar, es steht mehr auf dem Spiel, aber letztlich ist es genau dasselbe. Wenn du es schaffst, alles andere auszublenden, und das machst, was dich dahin gebracht hat, dann ist alles okay.