„Der wichtigste Grund war, dass ich wusste, dass das nicht ich bin.“ Das antwortet Regina Ermits im exklusiven Interview mit SPORT1 in Ruhpolding auf die Frage, was sie motivierte, nie aufzugeben, obwohl sie so viele Jahre weit entfernt von Resultaten in der Weltspitze des Biathlons war.
Biathlon-Star: Neuner fasziniert sie – Deutschland als 2. Heimat
Sie überrascht die Biathlon-Welt
Die Estin, die es bislang nie über Platz 47 im Gesamtweltcup hinausschaffte, absolviert aktuell die beste Saison ihrer Karriere und mischt sich auf dem Ergebnistableau regelmäßig zwischen die Stars der dominanten Biathlon-Nationen Norwegen, Schweden, Frankreich, Italien und Deutschland.
Biathlon: Estin glänzt mit bester Saison ihrer Karriere
In den Verfolgungsrennen in Hochfilzen und Oberhof schaffte es Ermits dank makelloser Schießeinheiten mit den Plätzen acht und neun sogar zweimal unter die ersten Zehn. Ein Top-10-Platz außerhalb einer Staffel war der 29-Jährigen in ihrer Karriere zuvor erst ein einziges Mal gelungen.
Anders als ihr achter Platz im Vorjahr im Einzel von Kontiolahti sind diese Top-10-Ergebnisse aber keine ungewöhnlichen Ausreißer nach oben mehr. Ihr Saisonauftakt verlief noch mäßig, seitdem besticht Ermits durch konstante Top-20-Ergebnisse, was ihr aktuell Platz 19 im Gesamtweltcup einbringt.
Auch bei der jüngsten Weltcup-Woche in Ruhpolding ließ Ermits ihre Klasse aufblitzen: Im Sprint erreichte Sie trotz gesundheitlicher Probleme nach einer fehlerfreien Leistung am Schießstand Rang 15, die Verfolgung konnte sie wegen eines Virus dann nicht mehr bestreiten.
Ermits sieht Deutschland als „zweite Heimat“
Es war eine Entscheidung, die einige Tränen kostete, was auch daran liegen dürfte, dass der Weltcup in Südbayern ein ganz besonderer für Ermits ist - denn wie sie SPORT1 verrät, betrachtet sie Ruhpolding „als meine zweite Heimat“.
Das liegt nicht nur daran, dass sie dort im Jahr 2022 ihren Mann, den ehemaligen estnischen Biathleten Kalev Ermits, heiratete, sondern auch an der Tatsache, dass ihre Eltern in Ruhpolding leben.
„Mein Vater arbeitet für die Internationale Biathlon Union. Er ist Sportdirektor für den IBU-Cup (die zweite Liga im Biathlon, Anm. d. Red.). Sein Büro ist in Salzburg, daher war es sinnvoll, dass sie näher an seinem Büro wohnen“, erklärt Ermits, die auch Deutsch versteht, es „aber nicht wirklich sprechen“ könne.
Ermits Liebe zum Biathlon kommt also nicht von ungefähr. Ihr Vater Kristjan Oja war vor seinem Job beim Verband selbst als Biathlet aktiv und schaffte es sogar 1992 zu den Olympischen Spielen nach Albertville. Auch Ermits‘ Mutter war in ihrer Jugend als Biathletin aktiv.
Lernen von Preuß und Co.: „Es ist ein Privileg“
Das Talent wurde der Frau aus Tallinn somit in die Wiege gelegt. Doch nicht nur ihre Eltern sind für Ermits eine große Inspiration – auch von den Top-Stars im Biathlon wie Franziska Preuß schaut sie sich viel ab.
„Es ist ein Privileg, diesen Spitzensportlern all die Jahre so nahe zu sein, zu sehen, was sie tun, mit ihnen Rennen zu bestreiten, und zu beobachten, wie sie sich verhalten“, schwärmt Ermits: „Dank ihnen bin ich als Sportlerin gewachsen.“
Das scheint sich nun auszuzahlen, wenn man die aktuelle Saison betrachtet – auch wenn sie selbst die Gründe für ihren sportlichen Aufstieg nur schwer in Worte fassen kann.
„Ich habe das Gleiche wie immer gemacht, aber plötzlich funktioniert alles“, sagt Ermits, die schon 2016 (damals noch unter dem Namen Oja) ihr Weltcup-Debüt gab: „Es ist, als hätten all die Jahre der harten Arbeit und all das Wissen, das ich mir angeeignet habe, auch das Loslassen der Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, dazu beigetragen.“
Ermits kämpft sich durch schwächere Phasen
Diese Einstellung half ihr auch dabei, mit den schwächeren Ergebnissen der vergangenen Jahre umzugehen, denn in der Vergangenheit waren Resultate unter den Top 30 in den Einzelrennen eher eine Seltenheit.
Dennoch habe Ermits immer das Gefühl gehabt, „dass ich mein Niveau noch nicht erreicht hatte“.
Zumindest in den Staffeln lässt sie ihr Potenzial aber schon länger aufblitzen. Der Höhepunkt war dabei Platz zwei in der Single-Mixed-Staffel auf der Pokljuka an der Seite von Rene Zahkna im Jahr 2020 – der größte Erfolg in der Geschichte des estnischen Biathlons.
Konzentration beim Schießen? „Das war ein Problem“
Eine starke Leistung am Schießstand war damals die Grundlage – etwas, das über viele Jahre alles andere als eine Selbstverständlichkeit bei ihr war – vor allem im Liegendanschlag. Ermits fiel es oft schwer, um jeden Treffer zu kämpfen.
„Das war ein kleines Problem“, gesteht die 29-Jährige: „Ich konnte mich manchmal einfach nicht konzentrieren.” Inzwischen wisse sie, dass sie sich an einem schlechteren Tag auf der Strecke nicht völlig verausgaben muss, aber was dann die Konzentration angeht, sagt sie: „Für diese fünf Schüsse oder 30 Sekunden kann ich es.“
Und es klappt in dieser Saison exzellent. In den Einzelrennen weist sie aktuell sogar eine unglaubliche Serie von 55 Treffern am Stück vor – und während Ermits in der Saison 2022/23 im Liegendschießen nur 69 Prozent der Scheiben abräumte, sind es in der laufenden Saison starke 88 Prozent.
Inspiriert durch Deutschlands Biathlon-Legende Neuner
Einzig in der Loipe hat die Estin nach wie vor mehr Rückstand auf die Top-Athletinnen. Das verhindert aktuell nicht nur Podestplatzierungen, sondern unterscheidet sie auch von ihrem großen Vorbild Magdalena Neuner.
Trotzdem sind es weniger die Laufstärke oder großen Erfolge, die Ermits an der deutschen Olympiasiegerin und Weltmeisterin so faszinieren: „Es war eher die Energie, die ich von ihr bekommen habe, nicht so sehr als Sportlerin, sondern eher als Mensch.“
Vor allem eine Aussage Neuners blieb ihr stellvertretend dafür im Gedächtnis: „Ich erinnere mich, dass sie in einem Interview gefragt wurde: ‚Sommer oder Winter?‘, und sie antwortete ‚Sommer‘. Und ich dachte: ‚Was? Du bist doch Wintersportlerin. Wie kannst du dich dafür entscheiden?‘ Aber jetzt verstehe ich es.“
Für Ermits wirkte Neuner stets „so authentisch“, was der damals überraschend frühe Rücktritt der Deutschen Vorzeige-Athletin nur unterstrichen habe: „Als sie ihre Karriere beendete, war die Reaktion der meisten Leute: ‚Oh, du bist noch so jung‘, aber für mich war es: ‚Oh mein Gott. Das ist so stark.‘“
Neuners Entscheidung habe Ermits „sehr inspiriert, dass es nur um dich geht und darum, was du tun willst“.
Jahrelanges Durchhaltevermögen wird belohnt
Sie selbst nahm sich das frühe Karriereende der dreimaligen Gesamtweltcupsiegerin aber nicht zum Vorbild – zum Glück, denn sonst hätte Ermits ihre aktuellen Erfolge nie erlebt.
Mit fast 30 Jahren habe sie aktuell „auf jeden Fall“ so viel Spaß an ihrem Job wie nie zuvor.
Und wer weiß, mit ihrer neuen Sicherheit am Schießstand sind ihre aktuellen Erfolge womöglich nur der Anfang.