Hendrik Dombek hatte schon dankbarere Aufgaben vor der Brust. Nach Tagen voller Getöse, Beschimpfungen und Empörung bis in die hohe Politik über die Geschehnisse im Verband muss sich der Athletensprecher der deutschen Eisschnellläufer nun ums Kerngeschäft kümmern.
Eine Posse sondergleichen: Deutscher Eisschnelllauf-Zoff eskaliert
Eine Posse sondergleichen
Am Donnerstagabend streift Dombek im Namen der umstrittenen Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) den Rennanzug über und startet bei der WM in Heerenveen über 1000 m. Doch nicht alle der von Dombek vertretenen Athleten wollen zur Tagesordnung übergehen.
Er habe seinem Verband mitgeteilt, eine mögliche Nominierung „nicht wahrzunehmen“, schrieb Felix Maly. Auf den Start im Thialf, dem berühmtesten Eisschnelllauf-Schauplatz der Welt, verzichtet der Erfurter Olympiateilnehmer aus Solidarität zu seinem Teamkollegen Fridtjof Petzold. Denn dieser bangt nach seiner Suspendierung durch die DESG um die Fortsetzung seiner Karriere.
Sportausschuss des Bundestages involviert
Malys Absage ist der vorläufige Höhepunkt einer Krise, die längst mehr ist als eine Verbandsposse. Am Mittwoch stand das Thema auf der Tagesordnung im Sportausschuss des Bundestages, das für den Sport zuständige Bundeskanzleramt bezog vor den Abgeordneten Stellung.
„Es wurde vorgetragen, dass man nochmal die Anregung übermitteln möchte, dass der DOSB als Dachverband zu einem moderierten Gespräch einlädt, also Präsidium und auch betroffene Athletinnen und Athleten“, sagte Bettina Lugk, Sprecherin für Sport und Ehrenamt der SPD-Bundestagsfraktion, nach der Sitzung.
Die DESG und ihr Präsident Matthias Große stehen nach einem ARD-Bericht während der Olympischen Spiele unter Druck, Große wehrte sich vehement - mit fragwürdigem Verständnis von Pressefreiheit.
Journalisten vom Verband ausgeschlossen
Die für die ARD-Recherche verantwortlichen Journalisten Hajo Seppelt und Jörg Mebus wurden von einer Pressekonferenz ausgeschlossen - für Lugk inakzeptabel: „Ein Verband, der transparent arbeitet, der auch mit Fördermitteln oder Bundesgeld arbeitet, sollte immer ein Interesse daran haben, dass Medien zugelassen sind.“
Das generelle Getöse überlagerte in der vergangenen Woche Petzolds persönliche Perspektive. Der hatte in Mailand von strukturellen Defiziten im Verband gesprochen und mangelnde Betreuung kritisiert. Das brachte ihm großen Zorn ein. „Dann kommt jemand, der keine Leistung bringt, der sich nicht an die Regeln hält, stellt sich vor die Kamera und pestet“, sagte der Präsident.
Die Konsequenz: Petzold verpasst nach einer vorläufigen Sperre die WM. Schlimmer noch: Sein Status als Bundeskaderathlet ist ausgesetzt. Für den unabhängigen Verein Athleten Deutschland ein unhaltbarer Zustand. „Athletinnen und Athleten müssen Kritik üben können, ohne dadurch ihre Kaderzugehörigkeit zu riskieren. Das Verhalten der DESG sendet das gegenteilige Signal - wer Probleme anspricht, wird eingeschüchtert und im Zweifel rausgeworfen“, sagte Geschäftsführer Johannes Herber.
Maly solidarisiert sich mit Petzold
Für Felix Maly ist klar: „Als Leistungssportler bin ich auf faire, transparente und verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen. Dazu gehört für mich auch die Möglichkeit, Missstände oder Kritikpunkte anzusprechen, ohne befürchten zu müssen, dadurch sportlich benachteiligt zu werden.“ Schweren Herzens folgte daher sein Verzicht. „Die Entscheidung des Verbandes gegenüber meinem Teamkollegen Fridtjof Petzold hat mich persönlich und sportlich stark beschäftigt“, sagte er.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wollte zu den Entwicklungen keine Erklärung abgeben, nach SID-Informationen hat er die DESG zu einer Stellungnahme aufgefordert. Der Dachverband beruft sich auf die im Grundgesetz verankerte Verbandsautonomie. Für Hendrik Dombek, zudem Präsidiumsmitglied bei Athleten Deutschland, greift das allerdings zu kurz: „Die Verbandsautonomie darf künftig nicht mehr als Schutzschild für Fehlverhalten herhalten.“
Auf Fehlverhalten aufmerksam machen: Das kann Dombek auch auf der Bühne von Heerenveen.