Lesedauer: 9 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Bei der Polen-Rundfahrt kommt es zu einem schweren Sturz. Radprofi Simon Geschke spricht im SPORT1-Interview über das Geschehen, die Folgen und den Verursacher.

Es war ein Schock für die Radsport-Szene.

Am Mittwoch kam es bei der Polen-Rundfahrt zu einem üblen Crash mit schweren Folgen. Der Quickstep-Star Fabio Jakobsen war bei rund 80 km/h nach einem Rempler von Dylan Groenewegen (Jumbo-Visma) brutal in die Absperrgitter gekracht. Jakobsen wurde ohne Bewusstsein ins Krankenhaus geflogen und dort operiert. Die behandelnden Ärzte sprachen von Lebensgefahr.

Mittlerweile ist der 23-Jährige aus dem Koma wieder aufgewacht. Sein Rennstall hat bereits leicht Entwarnung gegeben.

Anzeige

Einer, der aktuell ebenfalls bei der Pole-Rundfahrt am Start ist, ist der deutsche Radprofi Simon Geschke. Im SPORT1-Interview spricht er über den Crash, den Unfallerursacher, die Gefahr von veralteten Zäunen und erklärt, was sich in Zukunft ändern muss.

Meistgelesene Artikel

SPORT1: Sie haben vorgestern auf Twitter den "blöden Bergab-Sprint" kritisiert, ein Teamkollege sprach sogar von "Selbstmord" bei so einem Finale. Warum machen die Veranstalter trotzdem solch gefährliche Zieleinfahrten? Wird da am Ende mit dem Leben der Fahrer gespielt?

Simon Geschke: Ich bin diese Zielgerade vor zehn Jahren zum ersten Mal gefahren und habe mir damals schon gedacht, 'wenn hier mal einer stürzt, dann landen Leute im Krankenhaus'. Oder vielleicht passiert sogar etwas noch Schlimmeres. Ich verstehe nicht, wie so etwas von Seiten der UCI erlaubt sein kann. Für mich sollten Sprints bergab verboten werden, aber leider macht die Rundfahrt das jedes Jahr und jetzt ist wirklich mal etwas passiert. Leider muss oft erst einmal etwas passieren, dass im nächsten Jahr etwas geändert wird. Ich hoffe, dass die Zieleinfahrt dieser Sprintetappe in diesem Jahr zum letzten Mal so ausgetragen wird. Man kommt immer mit über 80 km/h über den Zielstrich und man hat gesehen, was dabei passieren kann.

Geschke nimmt Fahrervereinigung in die Pflicht

SPORT1: Was fordern sie von den Veranstaltern für die Zukunft in Sachen Streckenführung, Zieleinfahrten?

Geschke: Wir Fahrer sind die, die am kürzeren Heben sitzen. Ich würde mir wünschen, dass die UCI bei einer Zielankunft wie der vorgestern härter durchgreift. Beziehungsweise haben wir auch eine Fahrervereinigung (CPA), die sich so etwas vorher anschauen könnte. Diese Dinge stehen ja bereits Wochen vorher fest. Die CPA könnte dann grünes Licht geben, oder einwerfen, dass es so nicht geht, dass es einfach zu gefährlich ist. Wenn man am Tag zuvor die Strecke erst sieht, dann ist es zu spät, um etwas zu ändern.

SPORT1: Der Verursacher des Sturzes, Dylan Groenewegen, ist in der Vergangenheit bereits mit ähnlichen Szenen aufgefallen. Sehen sie ihn als "Rambo" auf dem Rad? Kennen sie ihn näher? Was für ein Typ ist er?

Geschke: Ich kenne ihn nicht näher, er ist meiner Meinung nach im Feld aber nicht unbeliebt. Ich sehe ihn auch nicht unbedingt als Rambo. Ich bin selbst kein Sprinter. Ich habe persönlich Respekt vor ihnen, zum Teil verstehe ich aber auch nicht, wie da gefahren wird. Die Sprints gehen ja schon immer haarig zu, da wird kein Zentimeter Platz hergeschenkt.

DAZN gratis testen und Sport-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE 

SPORT1: Welche Strafe seitens des Weltverbandes UCI wäre ihrer Meinung nach für Groenewegen angemessen. Was würden sie sich (auch als Signal) wünschen?

Geschke: Was er vorgestern gemacht hat, das war zwei Schritte zu weit. Ich denke, es sind sich alle darüber einig, dass das nicht geht. Dafür wird man dann aber ja auch ganz klar disqualifiziert. Das ist auch völlig gerechtfertigt. Als weitere Strafe könnte meiner Meinung nach noch ein einmonatiges Rennverbot gerechtfertigt sein. Damit er zu Hause Zeit hat, über seine Zukunft nachzudenken. Alles was darüber hinausgeht, wäre ein bisschen zu hart. Ich sehe hierbei auch eine Teilschuld bei der Streckenführung. Der Sturz hätte weniger schlimm ausgehen können, wenn der Sprint flach gewesen wäre. Es wäre zwar definitiv auch ein hässlicher Sturz gewesen, aber es macht einfach einen Unterschied, ob man mit 60- oder mit 80 km/h stürzt. Das ist ein unnötiges Risiko, das man in Kauf nimmt.

Kein Verständnis für Bergab-Sprint

SPORT1: Fordern sie auch Konsequenzen für den Veranstalter?

Geschke: Konsequenzen für den Veranstalter wird es rechtlich vermutlich nicht geben. Leider. Bei dieser Streckenführung kann niemand sagen, dass man sich einen derartigen Sturz nicht hätte denken können. Jeder weiß, was bei so einem schnellen Sprint passieren kann. Ich habe keinerlei Verständnis, wie ein derartiger Bergab-Sprint über die Jahre immer wieder stattfinden konnte.

Simon Geschke startet ebenfalls bei der diesjährigen Polen-Tour
Simon Geschke startet ebenfalls bei der diesjährigen Polen-Tour © Imago

SPORT1: Jens Voigt sagte SPORT1, dass jetzt auch ein Umdenken bei den Veranstaltern einsetzen muss. Sehen sie das ähnlich?

Geschke: Die Veranstalter sind absolut in der Pflicht. Man hat es vorgestern bei der Polen-Rundfahrt gesehen, dass die Zäune einfach durch die Luft geflogen sind. Das geht überhaupt nicht. Wenn ein Sturz passiert, dann müssen wenigstens die Zäune standhalten und nicht auch noch in das Feld fliegen und eine zusätzliche Gefahr darstellen. Wir riskieren ohnehin immer unsere Gesundheit. Man kann überall stürzen und es ist meistens schnell. Aber wenn noch dazu kommt, dass man bergab sprinten soll, und dass die Zäune nicht fest genug sind – oder einfach nicht mehr zeitgemäß sind, dann ist es zu gefährlich. Es gibt sogar noch Rennen mit Standardzäunen, die man von Festivals oder anderen Straßenfesten kennt, die haben Füße und man kann sich als Radfahrer extrem schnell daran aufhängen. Meiner Meinung nach hat das alles keinen Platz mehr im modernen Radsport.

SPORT1: Ralph Scherzer (Teamsprecher Bora-hansgrohe) sagte SPORT1, dass die Fahrer wüssten, auf welches Risiko sie sich einlassen. Was sagen sie zu dieser Aussage? Fährt das Risiko tatsächlich immer mit?

Geschke: Natürlich wissen wir, was uns erwartet. Ich kenne die Ankunft von vorgestern schon lange. Ich drücke jedes Mal die Daumen, dass alle auf dem Rad bleiben. Natürlich ist auch klar, dass Stürzen zum Radsport leider dazugehört. Auch auf einer acht Meter breiten Straße, die nur geradeaus geht, gibt es schlimme Stürze. Dabei muss nicht einmal jemand schuld sein. Wenn vorne einer kurz bremst, dann geht eine Lücke zu und der dahinter hängt sich auf. 

Jetzt die Spielewelt von SPORT1 entdecken - hier entlang! 

SPORT1: Wird einem das als Rennfahrer bei solchen Szenen wie gestern wieder bewusst? Steckt das sonst eher im Hinterkopf?

Geschke: Das gehört dazu, aber es geht darum, Risiken weitgehend zu vermeiden. Natürlich kann man auch bei einem Bergaufsprint stürzen. Die Frage ist nur, ob man mit 80 km/ stürzen muss. Wenn man es vermeiden kann, dann sollte man es tun. Da sind Veranstalter, UCI und CPA in der Pflicht. Der Bergabsprint bei der Polen-Rundfahrt sieht für die Fans am Bildschirm auch nicht spannender aus als ein normaler Sprint. Warum es dann immer noch schneller und noch steiler bergab gehen soll, verstehe ich überhaupt nicht. Den Vorteil davon verstehe ich nicht.

Start nach dem Hororsturz? "Business as usual"

SPORT1: Wie war es für sie, gestern wieder an den Start zu gehen und die Rundfahrt fortzusetzen?

Geschke: Gestern war es wieder Business as usual. Die Rundfahrt geht immer weiter. Im vergangenen Jahr gab es hier sogar einen Todesfall bei einer absolut ungefährlichen Passage. Dabei ist ein Fahrer ganz unglücklich aufgekommen und an inneren Verletzungen gestorben. Selbst da ging die Rundfahrt weiter. Es ist kein schönes Gefühl, am nächsten Tag wieder eine Sprint-Etappe zu haben. Ich bin bei Massensprints sowieso immer froh, wenn ich über den Zielstrich gerollt bin und nichts passiert ist. Doch auch die Massensprints haben ihren Platz im Radsport, gehören dazu und sind immer spannend.

SPORT1: Haben sie den Sturz mental schon verarbeitet?

Geschke: Ich bin ja selbst nicht gestürzt und habe schon andere schlimme Stürze gesehen, von daher konnte ich es relativ schnell verarbeiten. Aber ich denke, dass andere Fahrer damit noch ein wenig länger zu tun haben. Es war dennoch gestern kein schönes Gefühl, vorgestern Abend natürlich noch viel weniger. Da hat man schon die ganz Zeit dran gedacht. Und auch jetzt denke ich noch viel an Fabio Jakobsen und frage mich, wie es ihm wohl gehen mag. Und vor allem, wie es ihm in ein bis zwei Jahren gehen wird. Ob dann wieder alles verheilt ist und ob er überhaupt noch einmal als Radprofi arbeiten kann. Denn gerade die mentale Verarbeitung dauert viel, viel länger, wenn man selbst gestürzt ist. So ein Horrorsturz braucht lange. Ich bin im vergangenen Jahr auch selbst bei 60 km/h in der Abfahrt gestürzt und habe mir Rippen und Schlüsselbein gebrochen. Es hat lange gedauert, bis ich mich wieder einigermaßen wohl gefühlt habe im Feld. Einfach so abhaken kann so einen Sturz niemand.

SPORT1: Wie war die Stimmung bei ihren Teamkollegen? Im Feld generell?

Geschke: Die Stimmung im Feld war in Ordnung. Es wurde über die Vorkommnisse geredet, und natürlich hat man sich auch mit den Teamkollegen von Groenewegen ausgetauscht. Gestern gab es zum Glück keine Stürze, das hat sehr gutgetan. Am Tag zuvor war die Stimmung schon ziemlich hektisch. Gerade nach der langen Rennpause wurde schon ziemlich aggressiv gefahren. Gestern war es dann deutlich entspannter, weil alle noch die schlimmen Bilder im Kopf hatten. Das ist einer der wenigen Vorteile.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image