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München - Egan Bernal krönt sich zum jüngsten Tour-Sieger seit 110 Jahren. Der Kolumbianer löst in seiner Heimat ein Volksfest aus, die Presse schwärmt in höchsten Tönen.

Egan Bernal lag goldrichtig. "Ich glaube, in Kolumbien sind die Menschen jetzt ziemlich happy", mutmaßte der Triumphator der 106. Tour de France und grinste schelmisch. Happy war dabei noch untertrieben: Mit dem Rennen seines Lebens hat der Kletterkönig mit dem Löwenherz eine ganze Nation in einen gepflegten Freudentaumel versetzt.

"Der Wunderknabe aus Zipaquira wird zur Legende", jubelte Kolumbiens wichtigste Tageszeitung El Tiempo in einer Sonderausgabe. Präsident Ivan Duque gratulierte dem "Titanen und wahrhaften Helden" überschwänglich und kündigte einen Empfang mit Staatsehren an: "Nach so vielen Jahren der Beharrlichkeit Kolumbiens auf der Jagd nach diesem Triumph ist endlich der große Tag gekommen."

Während in Bernals Heimatgemeinde Zipaquira bei Bogota, wo sich die Massen schon frühmorgens im Parque de la Esperanza vor Bildschirmen versammelten, ein zweitägiges Volksfest losbrach, trudelten Grußbotschaften prominentester Landsleute ein, darunter die Fußballstars James und Falcao oder Salsa-Ikone Willy Garcia.

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Gazzetta: "Messi des Radsports"

Auch die internationalen Medien verneigten sich vor der Leistung des Kolumbianers. "Bernal, der Messi des Radsports, erobert Frankreich", schreibt die Gazzetta dello Sport aus Italien, The Guardian aus England behauptet: "Bernals unerwarteter Triumph hat Schockwellen durch den Radsport gesendet." Und die spanische Marca titelt: "Bernal betritt den Olymp der Götter." 

Der Hochgelobte selbst, so knallhart er zuvor noch die letzte Alpen-Prüfung in Val Thorens gemeistert hatte, wurde plötzlich wieder ganz weich. (SERVICE: Die Tour im SPORT1-Datencenter)

Bernal kann Ära im Radsport prägen

"Ich bin stolz, heute Kolumbianer zu sein und für Kolumbien diese Tour zu gewinnen", sagte Bernal. Stolz durfte er vor allem auf sich sein, hat er doch mit gerade mal 22 Jahren Überwältigendes vollbracht: Tour-Sieger als erster Lateinamerikaner, als jüngster Fahrer seit 110 Jahren. Bernal steht die (Radsport-)Welt offen.

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"Mierda!", vornehm übersetzt also: Mist!, "jetzt werde ich wirklich Toursieger", habe er als erstes gedacht, als er am Samstag an der Seite seines Teamkollegen und Vorgängers Geraint Thomas über die Ziellinie rollte. In der dünnen Höhenluft war Bernal, der in der Heimat auf über 2600 m lebt, an allen drei Alpen-Tagen unbezwingbar, 1:11 Minuten lag er in der Endabrechnung vor Thomas.

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Tour-Triumph von langer Hand geplant

"Ich brauche etwas, um das zu begreifen", sagte Bernal und blickte ein wenig schüchtern in die Runde. Der Riesenauflauf, den er souverän bewältigte, war ihm ein wenig suspekt, deutlich wohler fühlte er sich bei seinen Lieben.

Freundin Xiomara, die ihren Egan bei allen Trainingsfahrten in der Heimat auf dem Moped begleitet, wartete wie Vater German im Ziel von Val Thorens, Mutter Flor Marina und Bruder Ronald flogen pünktlich zum rauschenden Pariser Finale ein.

Dass Bernal einmal die Tour gewinnen würde, galt der Fachwelt als ausgemacht, seit Teamchef Dave Brailsford ihn 2017 von der kleinen italienischen Androni-Mannschaft zur heutigen Ineos-Equipe holte. Dass der große Coup aber schon jetzt gelingt, war nicht geplant - Bernal sollte reifen.

Tour-Start wegen eigenem Sturz

Zwei Stürze warfen den Karriereplan über den Haufen. Einer erwischte Bernal selbst, im Frühling brach er sich das Schlüsselbein, verpasste den Giro, den er als Kapitän fahren sollte, die Tour rückte in den Fokus. Der andere erwischte Ineos-Patron Chris Froome und legte den viermaligen Tour-Sieger lahm - so war Bernal plötzlich Co-Kapitän für die Frankreich-Rundfahrt.

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"Nichts geschieht ohne Grund", sagte Bernal über seinen Crash. 

Thomas, der die Tour-Hauptrolle an Bernal verlor, wie er sie 2018 Froome abgenommen hatte, verneigte sich vor dem neuen Champion. "Egan ist dazu geboren, Berge raufzustürmen", sagte der Waliser: "Ihm steht eine wunderbare Zukunft bevor."

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