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München - Daniil Medvedev startet als Geheimfavorit in die US Open. Sein bizarres Spiel lässt Stars wie Djokovic verzweifeln - früher sorgte er auch für einige Eklats.

Gesucht ist der Spieler mit den meisten Siegen auf der ATP-Tour 2019 (US Open täglich im LIVETICKER). Dafür kommen doch eigentlich nur Rafael Nadal, Roger Federer oder Novak Djokovic in Frage, oder?

Doch die drei Superstars der Szene müssen sich mit den Plätzen zwei, drei und vier zufrieden geben. Ein Spieler hat bereits 44 Siege 2019 auf dem Konto und damit drei mehr als der zweitplatzierte Nadal. Auch bei der Anzahl der Finals (6) ist er die Nummer 1 vor Federer.

Sein Name ist Daniil Medvedev. Der Russe sorgte zuletzt mit drei Finaleinzügen binnen zwei Wochen für Furore. Am Sonntagabend erlebte der 23-Jährige schließlich den bisherigen Höhepunkt seiner Laufbahn, als er in Cincinnati seinen ersten Major-Titel holte. 

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Im Halbfinale hatte Medvedev den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic ausgeschaltet. "Wenn jemand über 200 km/h mit dem zweiten Aufschlag serviert, auf fast jeden Ball draufgeht und keine Doppelfehler serviert, kann man nur den Hut ziehen und ihm gratulieren", zollte der Serbe seinem Kontrahenten Respekt.

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Djokovic entnervt von Spielweise

Bereits zu Beginn des Jahres hatte es der Weltranglistenerste bei den Australian Open mit dem Russen zu tun. Dort konnte sich Djokovic noch in vier Sätzen durchsetzen, bekam da aber schon einen Vorgeschmack, was da noch kommen könnte.

"Es war ein richtig hartes Match. Es war wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Wir hatten Ballwechseln mit 40 bis 45 Schlägen", sagte Djokovic. Medvedevs Spielstil führte sogar dazu, dass sich sein Gegner aufgrund der enorm langen Ballwechsel zwischendurch behandeln ließ.

Genau dies ist die ungewöhnliche Taktik des Russen: "Ich habe keinen unglaublichen Schlag. Ich serviere nicht schlecht, aber auch nicht mit mehr als 210 km/h. Es ist einfach die Konstanz von allem. Meine Taktik ist, den Gegner leiden zu lassen."

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Medvedev spielt "komplett anders"

"Er hat ein sehr seltsames Spiel. Es ist ziemlich schlampig, aber auf eine gute Art und Weise", sagte Stefanos Tsitspias, der jedes seiner vier Duelle gegen ihn verlor: "Sein Spielstil ist komplett anders. Er spielt so flach und tief, gibt dir kaum Winkel."

In einer Ära, die von vielen Spielern mit kraftvollen Topspin-Schlägen von der Grundlinie geprägt ist, stellt Medvedev für viele Zuschauer eine willkommene Abwechslung dar. Der gebürtige Moskauer erklärt sein Erfolgsrezept so: "Ich versuche, die Kontrahenten zu Schlägen zu zwingen, die sie sonst nie machen."

Doch nicht nur die Gegner müssen Schläge gegen ihn zeigen, die man sonst nicht sieht: Medvedev wechselt während eines Matches seine Aufschlagposition und stellt sich plötzlich extrem weit nach außen.

Mit dem Russen dürften sich auch viele Hobby-Spieler anfreunden, weil er zeigt, dass die Schläge nicht perfekt aussehen müssen, um erfolgreich zu sein: "Wenn ich mich selbst auf Video sehe, frage ich mich auch: 'Was, zum Teufel, tue ich da?' Vielleicht können wir sagen, dass ich eher eine Amateurtechnik habe."

Disqualifikation nach Rassismus-Äußerung

Doch der auf den ersten Blick so bescheiden und zurückhaltend wirkende Medvedev hat auch eine andere Seite. 2016 wurde der damals 20-Jährige sogar wegen unsportlichen Verhaltens disqualifiziert.

Als er im Match gegen Donald Young mit der Schiedsrichterin Sandy French unzufrieden war, leistete er sich folgende rassistische Äußerung: "Ich weiß, dass ihr befreundet seid. Es muss einfach so sein" und spielte damit darauf an, dass sein Kontrahent und die Unparteiische aufgrund ihrer Hautfarbe zusammenhalten würden.

Die Partie wurde von der Unparteiischen daraufhin abgebrochen.

Unfassbarer Zwischenfall in Wimbledon

Ein Jahr später in Wimbledon sorgte Medvedev für einen unglaublichen Zwischenfall und warf Geldmünzen vor den Stuhl des Schiedsrichters. Immerhin entschuldigte er sich auf der anschließenden Pressekonferenz umgehend dafür.

Daniil Medvedev warf in Wimbledon 2017 Geldmünzen vor die Füße des Schiedsrichters
Daniil Medvedev warf in Wimbledon 2017 Geldmünzen vor die Füße des Schiedsrichters © Imago

Doch nicht einmal zwei Monate später lieferte er sich ein Scharmützel mit Steve Johnson bei den Citi Open.

Johnson hatte Satz eins gewonnen und führte auch im zweiten Durchgang mit einem Break, ehe es zum Seitenwechsel kam.

Medvedev setzte sich erst gemütlich hin, doch just in dem Moment, als er der Referee beide Spieler wieder auf den Platz bat, nahm der 1,98 Meter lange Schlaks eine medizinische Auszeit. Die unnötig lange Pause brachte seinen Gegner aus dem Rhythmus und auf die Palme - Medvedev dreht die Partie und wurde von Johnson übel beschimpft.

Doch der Amerikaner ist nicht der einzige Gegner, dessen Zorn sich Medvedev bisher zuzog: So wurde er nach einem Match in Miami von Tsitsipas als "dummer Russe" beschimpft - und wollte diesen Konflikt daraufhin mit den Fäusten lösen. Der Referee konnte dies gerade noch verhindern.

Medvedev legt die Gummibärchen weg

Aber auch wenn ab und an noch die Pferde mit ihm durchgehen, hat sich Medvedev seit Anfang 2018 merklich geändert. Nicht nur sein Verhalten, auch seine Einstellung zum Tennis. So engagierte er einen Mentaltrainer und einen Physio.

Zudem stellte er seine Ernährung um. Die tägliche Gummibärchen-Tüte - selbst Stunden vor einem Match - fiel dieser zum Opfer. Jetzt gibt es diese oder eine andere Nachspeise nur noch nach einem Turnier oder an spielfreien Tagen.

All diese Änderungen sollten sich auszahlen. Von Rang 84 kommend, kletterte Medvedev innerhalb von anderthalb Jahren bis auf Rang 5 der Weltrangliste - und nicht wenige halten Medvedev inzwischen sogar für einen ernsthaften Anwärter auf den US-Open-Titel.

Diesen Vorschusslorbeeren muss er erstmal gerecht werden, denn bisher kam er bei einem Grand Slam nie über das Achtelfinale hinaus. Dennoch wird Djokovic nicht erfreut sein, Medvedev auf seiner Seite des Draws gelost bekommen zu haben.

Nicht umsonst schrieb Bad Boy Nick Kyrgios nach dessen Sieg in Cincinnati auf Twitter: "Medvedev. Der Junge ist verrückt".

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