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München - Roger Federer löst in der Tennis-Welt ein Erdbeben aus. Viele WTA-Stars reagieren begeistert, doch es gibt auch Kritik. Während Nadal verblüfft, gibt Djokovic Rätsel auf.

"Ich frage mich nur...", begann Roger Federer seinen Tweet möglichst beiläufig klingend, ehe er zu den folgenden Sätzen ansetzte, die die Tennis-Welt für immer verändern könnten.

"Bin ich der Einzige, der darüber nachdenkt, dass Männer- und Frauentennis sich vereinen müssen?" Später ergänzte er: "Ich spreche nicht über eine Fusion des Wettbewerbs auf dem Platz, sondern von der Fusion der beiden Leitungsgremien (ATP und WTA), die die professionellen Touren von Männern und Frauen überwachen."

Weiter führte der Schweizer aus, dass es "zu verwirrend für die Fans ist, wenn es verschiedene Ranglistensysteme, Logos, Webseiten und Turnierkategorien" gibt.

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Federer-Tweet begeistert Halep und Co.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Zahlreiche WTA-Stars wie Simona Halep, Garbine Muguruza, Petra Kvitova und Belinda Bencic zeigten sich begeistert von dem Vorschlag.

Selbst Tennis-Legende Bille Jean King, die die WTA gegründet hatte, reagierte positiv: "Ich stimme zu und sagte das seit den frühen 70ern. Eine Stimme, Frauen und Männer zusammen, das ist schon lange meine Vision. Die WTA allein war immer mein Plan B."

Ein Tweet von Rafael Nadal machte dann klar, dass der Vorschlag von Federer keineswegs spontan kam. "Wie du aus unseren Diskussionen weißt, stimme ich dir voll zu. Es wäre großartig, aus dieser Krise mit einer Union aus Herren- und Frauentennis in einer Organisation herauszukommen", schrieb Nadal.

Nadal an Bord - doch es gibt Bedenken

Federer und Nadal hatten bereits zuvor darüber gesprochen – und offenbar nicht als einzige. Denn das kanadische ATP-Spielerratsmitglied Vasek Pospisil twitterte, dass es eine tolle Idee sei - die ATP beschäftigt sich damit aber bereits seit Januar, als sie vorgebracht wurde.

Es fällt schwer zu glauben, dass die 2019 in den Spielerrat zurückgekehrten Federer und Nadal von all dem nichts mitbekommen haben. 

Pospisil war nicht der einzige, bei dem Federers Tweet für Irritationen sorgte. Die in Frankfurt geborene ehemalige US-Spielerin Jamie Hampton bekundete ihre Sorgen, dass es jetzt als Federer-Idee in die Geschichte eingeht, obwohl King und andere Frauen seit Jahrzehnten dafür kämpfen.

Hordorff: "Vielleicht braucht er mehr Follower"

Hamptons Sorgen sind augenscheinlich nicht unbegründet, wenn selbst die deutsche Tennis-Ikone Boris Becker am folgenden Tag in einem Twitter-Video seine Follower fragte, was diese "von der Idee vom legendären Roger Federer" halten?

DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff offenbar nicht viel. Wie er Omnisport sagte, wäre mit einer Fusion "erst mal gar kein Problem gelöst". Für ihn sind der Weltverband ITF und die Grand Slams die entscheidenden Ansatzpunkte.

"Ich sehe das auch etwas kritisch, jetzt diese medienfreie Zeit zu nutzen. Vielleicht braucht er (Federer, Anm. d. Red.) mehr Follower auf seinem Twitter-Account - um einfach so einen Vorschlag rauszuhauen, ohne Substanz", kritisierte Hordorff.

Serena Williams setzte am gleichen Tag wie Federer einen mystischen Tweet ab, den sie kurz darauf wieder löschte. Dieser hatte gelautet: "Ummm, das war geheim und sollte noch nicht öffentlich werden". Viele vermuten, dass sich die 23-malige Grand-Slam-Siegerin damit auf Federers Tweet bezog.

Plötzlicher Sinneswandel bei Nadal

Auch der plötzliche Sinneswandel einiger Akteure wirft Fragen auf. Nadal hatte zum Beispiel stets zurückhaltend auf alle Fragen rund um die Damen geantwortet. Bei den Australian Open 2019 sagte er auf die Frage, ob er beide Touren gerne zusammen sehen würde: "Warum? Ich verstehe den Punkt dahinter nicht."

Das passt zu dem, was die 76 Jahre alte Billie Jean King noch Ende 2018 in Singapur erzählte: "Sie (die ATP, Anm. d. Red.) wollen uns immer noch nicht, aber vielleicht eines Tages - ich weiß nicht, ob es vor oder nach meinem Tod passiert."

Wenn es nach Tennis-Bad-Boy Nick Kyrgios geht, kommt dieser Tag nicht so schnell. "Hat einer die Mehrheit der ATP gefragt, was sie von einer Fusion mit der WTA halten und inwiefern das gut für uns ist?", schrieb er auf Twitter.

Da das Preisgeld bei vielen ATP-Turnieren immer noch etwas höher ist, könnte es besonders für die nicht zu den Top 50 zählenden Männern finanzielle Einbußen bedeuten, falls es nach einer Fusion gleichermaßen verteilt wird.

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ATP-Spielerpräsident Djokovic schweigt

Ob die Diskussion bei der ATP deshalb zum Stillstand gekommen war, weiß keiner. Zumal mit ATP-Spielerpräsident Novak Djokovic bisher ausgerechnet derjenige schweigt, der wohl am besten über den Stand informiert ist.

Sollte der Serbe aber nicht bewusst Federers Popularität zur Wiederbelebung der Diskussion verwendet haben, dürfte ihm dessen Vorstoß wenig gefallen. Denn entweder hat Federer ein Thema angeschoben, welches er klein halten wollte - oder Djokovic stand als wichtiger Unterstützer hinter der Idee, die Anerkennung erhält nun jedoch Federer.

Was bereits vor Federers Tweet auffällig war: ATP und WTA arbeiten seit kurzem mit- statt gegeneinander. Bis März wurde noch verbittert um Sponsoren, Medien-Partner und Turniere - die ATP opferte mit dem Hopman Cup sogar die Mixed-WM für den ATP Cup und schwächte das WTA-Turnier in Brisbane - gekämpft.

Doch seit dem umstrittenen French-Open-Alleingang rund um die Verlegung ziehen beide an einem Strang. Pressemitteilungen werden zusammen veröffentlicht, mit "Tennis United" eine gemeinsame Show mit ATP- und WTA-Stars entwickelt und auf Instagram lädt Venus Williams ATP-Stars wie Alexander Zverev zu virtuellen Workouts ein.

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Neuer ATP-Chef Gaudenzi offenbar für Fusion

Womöglich ist das auch dem seit Januar tätigen ATP-Präsident Andrea Gaudenzi zu verdanken, der - wie Stan Wawrinka der Tennis-Legende Chris Evert verriet - bereits vor einiger Zeit sagte, die WTA und ATP verbinden zu wollen. Auch sein WTA-Pendant Steve Simon soll offen für Gespräche sein.

Zudem ist es zweifelsohne möglich, dass Nadal die Fusion inzwischen doch positiv sieht und Federer mit seinem Tweet einzig dabei helfen wollte, zusammenzuführen, was für viele zusammengehört.

Nach knapp 50 Jahren der Ablehnung kann es aber nicht verwundern, wenn eine Profi-Spielerin wie die Tunesierin Ons Jabeur gegenüber der Journalistin Reem Abulleil auf jüngste egoistische Vorgehen wie den ATP Cup verweist - und die Frage aller Fragen stellt: "Why now?"

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