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München und Nürnberg - Dem deutschen Damen-Tennis droht eine harte Zeit. Vielversprechende Talente können die Erwartungen noch nicht erfüllen. Bei SPORT1 spricht Barbara Rittner darüber.

Goldene Generation.

Diese Beschreibung wird gerne verwendet, wenn man über die DTB-Gruppe rund um Angelique Kerber, Julia Görges und Andrea Petkovic spricht. Mit Tatjana Maria, Mona Barthel und Laura Siegemund stehen aktuell sogar drei weitere Deutsche in den Top 100 - nur die Tennis-Großmächte USA und Russland sind dort häufiger vertreten.

Doch eine Sache trübt das Bild: Bis auf Barthel, die im Juli 29 Jahre alt wird, sind die deutschen Stars alle in ihren Dreißigern - und Nachfolgerinnen nicht in Sicht.

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Ohne Kerber und Görges kein Erfolg

Scheitern eine Kerber und Görges wie bei den French Open (tägl. im LIVETICKER) einmal früh, da sie aufgrund von Verletzungen nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, droht schnell ein Debakel aus DTB-Sicht. Aber was passiert erst, wenn diese ihre Karrieren beendet haben?

"Das macht mir schon seit längerer Zeit Sorgen. Ich sehe das natürlich kommen", sagte Barbara Rittner im SPORT1-Interview am Rande des WTA-Turniers in Nürnberg. Die jetzige "Head of Women's-Tennis" im DTB ergänzte: "Die Lücke ist da - und im Moment ist sie größer denn je."

Korpatsch beißt sich ohne Förderung durch

Die beste deutsche Spielerin unter 28 Jahren ist aktuell Tarmara Korpatsch auf Rang 145. Die 24-Jährige musste alles selbst finanzieren und im Vergleich zu einigen Kolleginnen zunächst ohne DTB-Förderung auskommen.

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Doch auch ohne Korpatsch hatte der DTB zahlreiche vielversprechende Talente: Carina Witthöft (24), Anna-Lena Friedsam (25), Antonia Lottner (22), Annika Beck (25) und Dinah Pfizenmaier (27) wurden angesichts starker Ergebnisse in jungen Jahren eine große Tennis-Karriere prophezeit.

Doch aus teils sehr unterschiedlichen Gründen ist zumindest bisher daraus nichts geworden. Beck und Pfizenmaier haben aufgrund vieler Verletzungsproblem ihre Karrieren sogar inzwischen beendet. Während Beck Zahnmedizin studiert, arbeitet Pfizenmaier inzwischen beim DTB. 

Das Rätsel um Carina Witthöft

Bei den anderen drei besteht noch Hoffnung. Gerade Witthöft hat laut Rittner "alles, was es braucht, um diese Lücke zu schließen". Die Hamburgerin hatte sich als 19-Jährige bis in die dritte Runde der Australian Open gespielt und stand 2018 noch unter den besten 50 der Welt. 

Witthöft versuchte sich neben dem Profi-Tennis jedoch auch noch eine Karriere im Mode-Business aufzubauen und nebenbei das Leben in vollen Zügen zu genießen. "Sie ist momentan weggebrochen, weil der Fokus nicht mehr so auf dem Tennis liegt", sagte Rittner.

Vor allem im vergangenen Jahr lief es bei Witthöft alles andere als rund. Kleinere Verletzungen machten ihr das Leben schwer, dazu gab es zahlreiche Erstrundenniederlagen. Für Witthöft war dies Grund genug, nach den Australian Open im Januar ein Tennis-Pause einzulegen und sich anderen Dingen zu widmen.

Rittner wünscht sich, dass sich Spielerinnen wie Witthöft die goldene Gernation zum Vorbild nehmen: "Ich ziehe den Hut, wie lange die schon hochmotiviert oben mitspielen und wie toll die das machen. Bei der Generation dahinter fehlt mir teilweise das Durchhaltevermögen und die Härte zu sagen: 'Ich will das unbedingt und ich mache weiter."

Lottner kämpft sich ins Hauptfeld

Lottner scheint sich diese Worte zu Herzen zu nehmen. Mit drei Siegen in der Qualifikation schaffte sie den Sprung ins Paris-Hauptfeld, wenngleich sie in Runde 1 der ehemaligen Top-5-Spielerin Johanna Konta trotz guter Leistung nach zwei engen Sätzen unterlag.

Bereits als 16-Jährige hatte die Düsseldorferin bei den Juniorinnen im Finale der French Open gestanden und sich auch bei den Damen schnell in die Top 200 gespielt. Seitdem stagniert sie jedoch. "Bei Antonia hoffe ich sehr, dass sie die Kurve noch kriegt. Sie hat wirklich auch das Potenzial", hofft Rittner. 

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Die dritte Hoffnungsträgerin der Generation zwischen 20 und 30 ist Friedsam. So schrieb sie bei den Australian Open 2016 Schlagzeilen, als sie bis ins Achtelfinale vordrang. Es folgte der Aufstieg in die Top 50, ehe sie zwei Schulter-Operationen außer Gefecht setzten. Nun ist die 25-Jährige auf dem Weg zurück.

Für ihre Kollegin Andrea Petkovic ist sie diejenige, die als Erste die Lücke schließen kann. "Anna-Lena ist ein wahnsinnig großes Talent. Heute kommst du ohne Waffen im Profi-Tennis nicht mehr weit. Du musst etwas Besonderes haben - und ich finde, Anna-Lena hat das", sagte Petkovic auf SPORT1-Nachfrage.

Rittner gibt die Hoffnung nicht auf

Doch ob es einer dieser Spielerinnen wirklich noch einmal gelingt, die Kurve zu kriegen, vermag niemand zu sagen – Rittner hat die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben "Es ist noch lange nicht die verlorene Generation, auch wenn es aktuell den Anschein hat."

Etwas Sorgen bereitet, dass einige Junioren-Grand-Slams zuletzt ohne deutsche Beteiligung stattfanden. Doch laut Rittner ändert sich das bald: "Da kommt jetzt die Generation von 2002 bis 2004. In Wimbledon ist mit Alexandra Vecic die erste im Hauptfeld. Die weiß, was sie will, ist ein ganz fleißiges Mädchen - und von dieser Art haben wir einige."

Doch bis diese so weit sind, um diese Lücke schließen zu können, müssen sie sich noch einige Jahre in Ruhe entwickeln können. Rittners Wunsch lautet daher: "Ich kann mit einem Schmunzeln an die jetzige Generation nur sagen: 'Bitte, bitte, haltet noch eine Weile durch.'"

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