Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Die Generation um Zverev, Kyrgios und Co. wird früh gehyped, aber der letzte Durchbruch fehlt, um die Big Three zu entthronen. Becker sieht Mentalitätsprobleme.

Zehn Jahre sind im Sport eine Ewigkeit.

Im Männer-Tennis hat es jedoch den Anschein, als sei die Zeit stehengeblieben. Die Top Drei am Ende des ATP-Jahres 2009 lauteten wie folgt: Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. (Wimbledon, ab Montag täglich im LIVETICKER)

Zum Start von Wimbledon 2019 steht das Trio noch immer an der Spitze der Welt – wenn auch in anderer Reihenfolge. Dieser Umstand nötigt zum einen Respekt vor drei Ausnahmeathleten ab, zum anderen ist er aber kein Ruhmesblatt für die teils deutlich jüngeren Kontrahenten.

Anzeige

Das sehen auch immer mehr Experten und Altstars so. "Kein aktiver Spieler unter 28, außer Dominic Thiem, hat ein Grand-Slam-Finale erreicht. Das ist nicht gut. Sagt mir nicht, die anderen seien zu gut. Wir sollten die Qualität und die Einstellung von allen unter 28 in Frage stellen. Das ergibt keinen Sinn", sagt Boris Becker.

Becker kritisiert Zverev und Co.

Die deutsche Tennis-Legende - selbst bereits mit 17 Jahren Wimbledon-Triumphator - wirft ein interessantes Problem auf. Er hinterfragt, ob die jüngeren Spieler überhaupt den notwendigen Ehrgeiz haben, die großen Drei zu stürzen. (Alle Sieger in Wimbledon seit 1877)

"Ich habe so viel Respekt für Roger, Rafa und Novak, die drei werden natürlich irgendwann zu alt sein, aber eigentlich sollten sie gezwungen werden, die Fackel weiterzureichen. Die Jungen sollten mal auftauchen, aber sie haben einfach nicht die Mentalität, die die anderen drei haben. Es geht nicht um Vorhände oder Fitness. Die Einstellung macht den Unterschied zwischen gewinnen und verlieren aus", betont Becker.

ATP hyped die "NextGen" schon früh

Rums, das hat gesessen! Mit seiner Kritik dürfte er vor allem auf die seit Jahren von der ATP so gehypte "NextGen" anspielen. (Wimbledon-Spielplan der Herren und Damen 2019)

Frischen Wind sollten sie bringen, nachdem die aktuellen Spät-Zwanziger wie Kei Nishikori, Grigor Dimitrov oder Milos Raonic trotz einiger Highlights wohl als farblos mitspielende verlorene Viertelfinal-Generation in die Geschichte eingehen werden.

Nick Kyrgios, Alexander Zverev, Taylor Fritz, Karen Khachanov, Borna Coric, Hyeon Chung, Francis Tiafoe, Stefanos Tsitsipas und und und - sie alle wurden als DAS neue Supertalent angepriesen. Tennis sollte mit ihnen wieder cool werden und schreiende Teenies auf die Ränge bringen.

2017 wurden extra für sie sogar die Next Generation ATP Finals eingeführt, denn bei der "richtigen" WM hingen ja blöderweise immer noch die Alten rum.

Grand-Slam-Zahlen der Youngster sehr schwach

Abgesehen von eben Thiem, der zumindest auf Sand am nächsten dran ist und als einziger unter 30 einen Satz in einem Grand-Slam-Finale gewonnen hat und einigen absolut respektablen Achtungserfolgen von ATP-Weltmeister Zverev oder auch Tsitsipas (Halbfinale Australian Open), fehlt jedoch der letzte Durchbruch - vor allem bei den Grand Slams.

Die acht genannten Youngster (ohne Thiem) haben zusammen bisher ganze zwei Grand-Slam-Halbfinals plus sechs weitere Viertelfinals auf dem Konto - bei insgesamt 134 Teilnahmen. Federer allein hat 78 Grand Slams gespielt, bekanntlich 20 gewonnen und 54 Mal das Viertelfinale erreicht.

Dazu kommen die Allüren, die der eine oder andere an den Tag legt. Vor allem Kyrgios darf sich Beckers Mentalitätskritik anheften. Der so hochtalentierte wie rätselhafte Australier vergisst schon mal seine Schuhe oder schenkt ganze Sätze oder Spiele ab.

Auch Zverev leistet sich hin und wieder extrem launische und an Arroganz grenzende Pressekonferenzen.

Federer, Nadal und Djokovic opfern alles

Während Federer, Nadal und mittlerweile auch Djokovic Showeinlagen lieber sein lassen, aber unentwegt an ihrem Spiel feilen, um auch das letzte Prozent herauszukitzeln, vermisst man bei einigen Jungstars den Antrieb, über ihr großes Talent hinauszugehen.

Natürlich ist das Kritik auf sehr hohem Niveau, das sind Weltklasse-Athleten, die seit frühester Kindheit an ihrem Traum Profitennis gearbeitet haben, aber um ganz nach oben zu kommen, muss man alles opfern – denn Federer, Nadal und Djokovic tun das jeden Tag.

Seit 2005 gewannen neben den großen Drei nur Andy Murray, Stan Wawrinka, Marin Cilic und Juan Martin del Potro einen Grand Slam.

Meistgelesene Artikel

Neben dem mentalen Aspekt bemängeln Experten auch den fehlenden Plan B. Die jüngeren Spieler haben zu wenig Variationen, setzen auf Aufschlag und ihre Power-Grundschläge. Stellt sich der Gegner darauf ein, fehlen oftmals die Mittel - vor allem bei drei Gewinnsätzen.

Federer tüftelte an seinem Spiel, Djokovic holte Becker an seine Seite, auch um am Netz besser zu agieren, Nadal erfand seinen Aufschlag neu.

McEnroe warnt: "Schon eine Generation begraben"

Von außen ist es faszinierend, diese Entwicklung zu verfolgen, für die ATP ist es dagegen allmählich ein Generationenproblem.

"Die vergangenen zehn Jahre waren die stärksten der Tennis-Geschichte. Sie haben schon eine Generation begraben, die nächste könnte es auch erwischen. Wir sollten stattdessen hoffen, dass sie der Standard sind, den die Jungen erreichen wollen", sagt Legende John McEnroe.

Die Schonzeit für die Next Generation ist in jedem Fall vorbei.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image