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Rafael Nadal und Nick Kyrgios
Rafael Nadal und Nick Kyrgios © SPORT1-Montage: Picture Alliance/Imago
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München und London - Rafael Nadal trifft in der zweiten Runde von Wimbledon auf Nick Kyrgios. Dieses Duell hat eine heiße Vorgeschichte. Der Bad Boy geht Nadal unter die Haut.

Er ist vielleicht der einzige Gegner, der dem sonst so beherrschten Rafael Nadal unter die Haut geht. (Wimbledon täglich im LIVETICKER)

Bad Boy, Enfant terrible oder schlicht Wahnsinniger: Nick Kyrgios hat inzwischen viele Beinamen gesammelt, relativ wenige haben mit seinen Leistungen auf dem Court zu tun, obwohl sein unglaubliches Talent nach wie vor sprachlos macht.

Oftmals werden seine genialen Schläge eben von seinen provokativen Eskapaden überdeckt, die nicht jedem Kontrahenten gefallen - womit wir wieder bei Nadal wären.

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Bei Kyrgios platzt selbst dem Spanier, der sich eigentlich immer äußerst positiv über Gegner äußert, der Kragen. Nun kommt es in der 2. Runde von Wimbledon zum nächsten Kapitel einer Fehde, die an gleicher Stelle im Jahr 2014 begann. (Wimbledon: Nadal vs. Kyrgios frühestens ab 18 Uhr im LIVETICKER)

Wimbledon 2014 war Kyrgios' Durchbruch

Damals bezwang dieser völlig unbekannte 19-jährige Australier die damalige Nummer eins der Welt auf dem heiligen Rasen. Für Nadal war es neben jener gegen Robin Söderling in Paris eine seiner bittersten Niederlagen - gegen den 144. der Weltrangliste.

Kyrgios zog damals bis ins Viertelfinale ein, in Australien feierten sie ihn bereits als neuen Superstar auf den Spuren von Lleyton Hewitt oder sogar Rod Laver.

Und warum nicht? Schließlich hatte der braungebrannte Teenie-Schwarm neben seinem Talent auch ein einnehmendes Charisma - auf und neben dem Court.

Kyrgios zwischen Genie und Wahnsinn gefangen

Fünf Jahre später ist jenes Viertelfinale allerdings immer noch sein bestes Grand-Slam-Ergebnis (neben den Australian Open 2015), höher als auf Rang 13 der Weltrangliste hat er es bisher nicht geschafft.

Denn Kyrgios pendelt ständig zwischen den Extremen: Genie und Wahnsinn liegen bei kaum einem Sportler näher beisammen. Er wirft neben Schlägern auch mal Stühle auf den Platz, streitet sich mit Schiedsrichtern und Fans oder vergisst auch schonmal seine Schuhe.

"Er hat mehr Talent in seinen Fingerspitzen als jeder andere. Aber er wird von Dämonen beherrscht, er braucht eine Therapie. Das ist Selbstsabotage", sagte Legende Billie Jean King in London.

Eskalation in Acapulco - Nadal sauer

In der ersten Runde musste er gegen einen unbekannten Landsmann über fünf Sätze, verlor dabei den vierten Durchgang in nur 18 Minuten mit 0:6 und nannte es später "Taktik".

In gewisser Weise ist er der krasse Gegenpol zu Nadal. Man könnte kaum unterschiedlichere Charaktere finden, der Spanier war nie ein Fan des Showman, aber zur Eskalation kam es im Februar in Acapulco.

In einem dreistündigen Showdown gelang Kyrgios der Sieg, obwohl Nadal bereits drei Matchbälle hatte. Neben üblichen Diskussionen mit dem Schiedsrichter brachte Nadal eine Sache auf die Palme: ein Aufschlag von unten.

"Von zehn solchen Spielen gewinne ich acht. Er ist ein Spieler, der Grand Slams gewinnen könnte, aber ihm fehlt ein wenig der Respekt vor der Öffentlichkeit, seinen Gegnern und sich selbst", wetterte Nadal im Anschluss.

Auf Instagram konterte Kyrgios mit den Worten: "Ich kann das Blut schmecken, wenn ich gegen diesen Typen spiele." In einem Podcast legte er später nach: "Er ist mein komplettes Gegenteil und ein schlechter Verlierer. Wenn er gewinnt, ist alles gut, aber wenn ich ihn schlage, habe ich keinen Respekt."

Nadals Onkel und früherer Trainer unterstellte Kyrgios daraufhin "fehlende Bildung und Erziehung", für Kyrgios ist Toni Nadal schlicht "ein Idiot".

Kommt der Aufschlag von unten?

Dabei könnte man durchaus für den Aufschlag von unten als legitimer Taktik gegen Nadal argumentieren, denn der Mallorquiner steht in der Regel sehr weit hinter der Grundlinie. Traut es sich Kyrgios in Wimbledon auf dem Centre Court?

Dennoch ist bei Kyrgios die Gefahr höher, dass ihm solche Aktionen als Arroganz ausgelegt werden. Das sagt auch einer seiner prominenten Fürsprecher.

"Er bewegt sich auf einem schmalen Grat und muss aufpassen. So lange er versucht, zu gewinnen, ist alles okay. Aber wenn er nicht alles gibt, kann ihn niemand mehr in Schutz nehmen. Und wenn er mit Gegnern, Fans und Turnier-Verantwortlichen in den Clinch gerät, ist das auch nicht so cool", sagt Grand-Slam-Rekordchampion Roger Federer.

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Keine positive Bilanz gegen Kyrgios

Zumindest bei Nadal scheinen Kyrgios' Provokationen - einst sagte er zu Stan Wawrinka auf dem Court, sein Buddy Thanasi Kokkinakis hätte Sex mit Wawrinkas damaliger Freundin Donna Vekic gehabt – Wirkung zu zeigen.

Kyrgios ist einer der wenigen Profis, gegen die Nadal keine positive Bilanz hat. Beide Spieler gewannen je drei der sechs Duelle. Nun also wieder in Wimbledon.

"Ich freue mich schon seit der Auslosung darauf. Ich kann es kaum erwarten, aber ich gehe als absoluter Außenseiter in die Partie", sagte der inzwischen nur noch auf Rang 43 geführte Australier mit griechisch-malaysischen Wurzeln.

Spitze von Nadal

Auf jener Pressekonferenz wurde er auch nach seinem Verhältnis zu Nadal gefragt und reagierte in seiner typischen Art: "Ich glaube nicht, dass wir auf ein Bier gehen würden. Ich komme mit Leuten aus und mit manchen nicht."

Nadal wollte diesmal kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen, aber eine kleine Spitze war dann doch drin. "Ich spiele gegen einen gefährlichen Gegner, wenn er Lust auf Tennis hat. Gegen die besten Spieler hat er normalerweise Lust", sagte der 18-malige Grand-Slam-Gewinner.

Auf seinem linken Unterarm trägt Kyrgios ein Tattoo mit dem Spruch "Time is Running Out", für einen der beiden Rivalen wird dies in Wimbledon heute zutreffen.

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