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München - Bouchard und Raonic werden von Kanadas Supertalenten verdrängt. Andreescu zählt bei den US Open zu den Favoriten - doch mit ihrer Art kommt nicht jeder klar.

Fünf Jahre ist es her, als Kanada auf bestem Wege war, die Tennis-Welt im Sturm zu erobern.

Mit Eugenie Bouchard und Milos Raonic mischten 2014 gleich zwei Profis in der Weltspitze mit. Während es Raonic ins Wimbledon-Halbfinale schaffte, kam "Genie" sogar ins Finale. Als Sahnehäubchen gewann Vasek Pospisil zudem noch die Doppel-Konkurrenz.

Doch das Trio konnte danach nur noch selten an diese Erfolge anknüpfen. Raonic schaffte es einmal ins Wimbledon-Finale, doch zu einer Weiterentwicklung des Aufschlagriesen mit einer guten Vorhand kam es - auch aufgrund einiger Verletzungen - nie. Pospisil kam nie wieder ins Halbfinale eines Grand Slams.

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Am drastischsten fiel Bouchards Absturz aus, was neben Verletzungen wohl der hohen Affinität, sich abseits des Courts Ablenkungen zu suchen, geschuldet ist. Aktuell steht Bouchard auf Rang 119 und hat es nur der frühen Entry-Deadline zu verdanken, dass sie bei den US Open (ab Montag tägl. im LIVETICKER) nicht in die Qualifikation musste.

Auger-Aliassime und Andreescu lassen Kanada hoffen

Dass Raonic oder Bouchard Kanadas Grand-Slam-Bann brechen und den ersten Einzeltitel in der Geschichte des Landes gewinnen, scheint ausgeschlossen. Ist Kanadas Tennis-Aufstieg damit also bereits wieder verpufft? (Spielplan der US Open)

Die Anzeichen sprechen dagegen: Denn mit dem  20 Jahre alten Denis Shapovalov, aber vor allem dem noch ein Jahr jüngeren Félix Auger-Aliassime sowie der gleichaltrigen Bianca Andreescu ist für Kanadas Zukunft bestens gesorgt - der Deutsche Tennis-Bund wird neidisch über den Großen Teich blicken.

Kurz vor dem Start der US Open ist Auger-Aliassime als zweiter Kanadier seit 1973 in die Top 20 vorgestoßen und hat zudem noch Milos Raonic als Kanadas Nummer 1 abgelöst. Andreescu verdrängte Bouchard bereits Ende Januar und steht im Ranking inzwischen auf Platz 15.

Andreescu Geheimfavoritin bei US Open

Während Auger-Aliassime trotz seines großen Talents sicher noch einige Jahre Feinschliff - und für den ganzen großen Wurf womöglich auch das Karriereende von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic - benötigt, ist Andreescu schon weiter. 

Bei Wettanbietern liegt Andreescu bereits auf Rang fünf, wenn es um die US-Open-Sieg 2019 geht. Nur den mehrmaligen Grand-Slam-Siegerinnen Serena Williams, Simona Halep, Naomi Osaka sowie French-Open-Gewinnerin Ashleigh Barty werden in New York bessere Chancen eingeräumt.

Dass diese Tipps nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, hat Andreescu beim Rogers Cup eindrucksvoll gezeigt. Bei ihrem ersten Turnier nach monatelanger Verletzungspause rang sie erst Bouchard in drei Sätzen nieder und spielte sich anschließend ins Finale. 

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Andreescu gewinnt Finale gegen Williams

Dort traf sie auf die 23-malige-Grand-Slam-Gewinnerin Serena Williams. Andreescu legte zunächst ein irres Tempo vor und bereitete Williams mit ihren kraftvollen Grundschlägen große Probleme. Beim Stand von 1:3 musste Williams dann mit Rückenproblemen aufgeben.

Andreescu wurde damit die erste Kanadierin seit 50 Jahren, die das Turnier gewann. Faye Urban-Mlacak, die 1960 triumphiert hatte, schwärmt von ihrer Nachfolgerin: "Sie ist eine legitime Topspielerin. Sie hat das komplette Paket, was nötig ist, um großartige Dinge im Tennis zu vollbringen."

Anders als Bouchard, deren hochrisikoreiches Tennis vielen Schwankungen unterliegt, bringt die 1,70m große Andreescu mehr als nur kraftvolle Grundlinienschläge mit. Der Teenager mit rumänischer Abstimmung mixt ihr Spiel mit Slice- und Stoppbällen oder greift sogar zu den im Profitennis oft verpönten Mondbällen zurück.

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Kerber schimpft über die "Drama Queen"

Mit diesen von ihr oft als Angriffsvorbereitung eingesetzten hohen an die gegnerische Grundlinie gespielten Ball brachte sie bereits Angie Kerber aus der Balance. Dass die Deutsche danach die Fassung verlor und Andreescu beim Shakehand als "Biggest Drama Queen ever" beschimpfte, hatte jedoch andere Gründe.

Andreescu hatte sich zuvor an der Schulter behandeln lassen und ihr Leiden während der Partie für alle gut sichtbar zur Schau gestellt. Dass die Schmerzen nicht vorgetäuscht waren, wurde schnell klar – das folgende Match musste sie aufgeben und nach den French Open sogar monatelang pausieren.

Dennoch gehört es zweifelsohne zum Spiel der emotionalen Andreescu stets mit Bewegungen und Gesten zu zeigen, wenn sie Schmerzen hat. Ihre regelmäßigen Medical Timeouts wie zuletzt beim Rogers Cup sorgen ebenfalls für Missstimmung bei einigen Tennis-Fans. 

Coach: Sie braucht Einstellung von Nadal

Ihr Coach Sylvain Bruneau ist sich dessen bewusst, wenngleich er bei Radio Canada betont, dass Andreescu nie Schmerzen vortäuscht. "Bianca hatte richtige Schmerzen, aber sie hätte gegen Kerber nicht diese Bewegungen vor dem Aufschlag und Return machen müssen, um zu zeigen, dass sie Schmerzen hat."

Bruneau ist aber überzeugt davon, dass dies weniger werden wird, wenn ihr Körper sich an die hohe Belastung auf der WTA-Tour gewöhnt hat und sie mit mehr Erfahrung auch eher eine "Nadal-hafte Einstellung" und das dazu entsprechende Pokerface an den Tagen legen wird.

Bis es soweit ist, wird es wohl noch eine Weile dauern. Hält ihr Körper, könnte Andreescu aber bereits bei den kommenden US Open Kanadas zweite Grand-Slam-Finalistin nach Bouchard werden. Und vieles spricht dafür, dass ihr Erfolg nachhaltiger sein wird.

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