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Melbourne und München - Alexander Zverev steht erstmals im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. In Melbourne besticht er durch Ruhe und Lockerheit. Auch sein Umfeld hat Anteil am Erfolg.

Vom Katastrophen-Auftritt zum triumphalen Halbfinal-Einzug innerhalb von nur vier Sätzen - viel besser als mit seinem Sieg über Stan Wawrinka im Viertelfinale der Australian Open (täglich im LIVETICKER bei SPORT1) hätte sich die jüngste Wandlung des Alexander Zverev kaum inszenieren lassen.

Das Match gegen den Schweizer wirkte wie eine Zusammenfassung der letzten Wochen, die den streitbaren Hamburger seit dem Tiefpunkt beim ATP Cup samt Ausraster Anfang Januar bis zum jetzt schon historischen Erfolg von Melbourne geführt haben.

Zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere steht Zverev bei einem Grand-Slam-Turnier unter den letzten Vier. (Hier zum Spielplan der Australian Open 2020)

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"Es fühlt sich fantastisch an, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für mich bedeutet", sagte der erleichterte Tennis-Star nach der Erlösung: "Ich habe Masters und die ATP Finals gewonnen, konnte aber nie diese Barriere durchbrechen. Ich bin sehr froh und weiß nicht was ich sagen soll." Bei Eurosport berichtete er wenig später von einem "Wahnsinnsgefühl".

Zverev mit fiesem Fehlstart gegen Wawrinka

Dabei hätte der Start gar nicht mehr in die Hose gehen können. 1:6 schmiss Zverev den ersten Satz gegen "Stan the Man" weg. Zehn "unforced errors", zwei kassierte Breaks zum 0:2 und 0:4, gerade einmal elf gewonnene Punkte - es lief wenig zusammen für den Deutschen. Der Auftritt erinnerte an den Zverev vor Turnierstart: "Da hatte ich nicht nur mit dem Aufschlag Probleme. Vorhand, Rückhand, Slice, Stopps...", blickte Zverev hinterher im On-Court-Interview mit John McEnroe zurück und erntete viele Lacher aus dem Publikum.

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Grundsätzlich habe er vor allem mit dem Zeitpunkt und der Schnelligkeit so seine Probleme gehabt. "Ich habe zum ersten Mal bei heißem Wetter am Tag gespielt und der Ball war viel, viel schneller", erklärte Zverev seinen Fehlstart: "Ich musste mich erst daran gewöhnen, aber dann wurde es besser und ich habe mich auch besser gefühlt." Auch mit Wawrinkas schnellem Spiel habe er erst einmal klarkommen müssen.

Doch dann wurde Zverev besser - und wie! Sein erster Satzverlust überhaupt bei diesen Australian Open ließ den Weltranglistensiebten zwar kurz überlegen, "wie ich erkläre, dass ich in drei Sätzen verloren habe" - doch statt komplett einzubrechen, drehte er so richtig auf.

"Nach dem gewonnen zweiten Satz hatte man den Eindruck, er ist stärker als sein Gegner", lobte Legende Boris Becker, als Chef der deutschen Tennis-Männer zeitweise auch Zverevs Boss.

Becker lobt mentale Stärke

Plötzlich war Zverev stabil, reduzierte die Patzer (nur ein Doppelfehler) und katapultierte sich auch dank seines wiedererstarkten Aufschlags (13 Asse) zurück ins Match. "Ich habe einfach versucht, ruhig zu bleiben", betonte er.

Diese Ruhe habe er nun auch in seinem Trainerteam um Vater Alexander senior, der nach dem Sieg ebenfalls für einen Scherz herhalten musste. "Er ist wie ein normaler Coach, der seinen Spieler nicht mag", witzelte Zverev noch auf dem Feld am Stadionmikro und verzückte ein weiteres Mal die Fans.

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Später betonte die deutsche Nummer eins, dass er in seinem aktuellen Trainerteam um den Papa die beste Besetzung sieht.

"Ich habe es versucht mit Ivan Lendl, was am Ende nicht mehr so gut funktioniert hat. Mit Juan Carlos Ferrero, was eigentlich sehr gut funktioniert hat, aber wir hatten am Ende unsere Meinungsverschiedenheiten. Ich habe es ja mit anderen Leuten versucht - aber am Ende des Tages ist es so: Immer, wenn ich mit meinem Vater zusammengearbeitet habe, haben wir die besten Resultate erzielt", erklärte Zverev bei Eurosport.

Zverev schwärmt von Freundin Brenda

Vor allem zwei Menschen aus seinem Umfeld nehmen eine Schlüsselrolle ein: Freundin Brenda, mit der er seit Ende 2019 liiert ist, und Doppel-Spieler Marcelo Melo, den Zverev als seinen "besten Freund" bezeichnete.

"Er ist derjenige, der mich bei guter Laune hält", erzählte der 22-Jährige und verriet: "Wir machen schon viel Blödsinn. Gestern zum Beispiel haben wir Spielautomaten gespielt bis elf Uhr abends."

Und die Frau an seiner Seite mache ihn "außerhalb des Platzes sehr, sehr glücklich", schwärmte Zverev. "Sie muss die meiste Zeit mit mir verbringen. Wenn es im Tennis nicht so gut läuft, bin ich eine schwierige Person. Sie ist unglaublich hilfsbereit und macht vieles mit."

Es scheint ganz so, als habe Zverev nach turbulenten Wochen und Monaten inklusive Rechtsstreit mit seinem Ex-Manager mittlerweile außerhalb des Platzes genau das Umfeld, das ihm auf dem Court absolute Höchstleistungen ermöglicht.

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Zverev bekräftigt: Preisgeld bei Sieg wird gespendet

In Australien kann das im größten Erfolg seiner Karriere enden - auch wenn er dann ein teures Versprechen einlösen müsste. Nicht nur 10.000 Australische Dollar (6200 Euro) pro Sieg werde er für die Buschfeuer-Hilfe spenden - auch das komplette Preisgeld von 4,12 Millionen Australischen Dollar (2,55 Millionen Euro) bei einem Turniersieg werde für den guten Zweck weitergegeben, hatte der 22-Jährige vorab angekündigt - und bekräftigte dieses Versprechen unter dem Jubel des Publikums in der Rod Laver Arena am Mittwoch noch einmal.

"In der 1. Runde sagt sich das natürlich leicht", sagte er mit einem Lachen, "aber ja klar, es stimmt, ich mache das. Ich hoffe, ich kann es wahr werden lassen. Ich habe den Menschen in Australien etwas versprochen und ich möchte dieses Versprechen einhalten.“

Geld treibe ihn nicht an, betonte der neue Publikumsliebling: "Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man mit Geld Dinge schaffen sollte, die anderen Menschen helfen. Vier Millionen Australische Dollar wären cool, ich könnte mir davon ein paar Autos kaufen oder so. Aber es gibt Menschen, die brauchen dieses Geld für ihre Häuser, für den Wiederaufbau der Natur."

Im Halbfinale gegen den Österreicher Dominic Thiem dürften nach dieser Aussage noch einige Daumen mehr für Zverev gedrückt werden.

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