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München - Julia Görges spricht im SPORT1-Interview über die Corona-Pause, Frauen-Tennis, wie lange sie keinen Schläger mehr in der Hand hatte und wann sie schlussmachen will.

Auch den Tennis-Zirkus hat die Coronakrise lahmgelegt.

Deutschlands Topspielerin Julia Görges musste nach einem Tag in Indian Wells wieder abreisen und hat seit einem Monat keinen Schläger mehr in der Hand gehabt.

Im SPORT1-Interview berichtet die ehemalige Wimbledon-Halbfinalistin von ihrem Corona-Alltag, was ihr am meisten fehlt, wovon sie noch träumt und wie lange sie vor Corona eigentlich noch spielen wollte.

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Görges: "13 Jahre nur aus dem Koffer gelebt"

SPORT1: Die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen und Ihren Lieben?

Julia Görges: Ja, bei mir sind alle kerngesund. Ich kann mich nicht beklagen. Irgendwie genieße ich auch das schöne Wetter, auch wenn es natürlich mehr drinnen als draußen ist.

SPORT1: Es ist für Sie wahrscheinlich sehr ungewohnt, so lange zu Hause zu sein, da Sie sonst sehr viel unterwegs sind?!

Görges: Richtig. Es ist für mich komplett ungewohnt, zu dieser Zeit des Jahres länger zu Hause und nicht in den USA zu sein und Zeit für andere Dinge zu haben. Die letzten 13 Jahre habe ich quasi nur aus dem Koffer gelebt. Wahrscheinlich geht es jetzt ja noch Monate so weiter. Aber ich muss auch sagen, dass es schön ist, wenn man mal mehr als fünf Nächte im eigenen Bett verbringen kann.

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SPORT1: In gewisser Weise ist das schon mal ein Testlauf für die Zeit nach der Karriere, oder?

Görges: Richtig, es ist auch für den Geist eine ganz andere Situation. Normalerweise befindet man sich immer im Wettkampfmodus. Durch die regelmäßigen Matches hat man jeden Tag Druck und Adrenalin. Jetzt bin ich mal ganz abseits des Jobs, des Tennis-Lebens und kann ganz andere Dinge machen. Noch ist es ungewohnt, aber je länger die Zeit andauert, desto mehr gewöhne ich mich daran.

So halten sich Tennis-Stars fit

SPORT1: Bis Anfang Juni sind alle Turniere abgesagt, auch Wimbledon wird nicht stattfinden. Wie halten Sie sich momentan fit, weil auf den Tenniscourt dürfen Sie ja auch nicht?

Görges: Bisher geht es noch nicht auf den Tenniscourt. Ich habe Gott sei Dank alles zu Hause, was ich brauche. Ich habe mir vor ein paar Jahren ein eigenes Fitnessstudio eingerichtet. Das ist jetzt Gold wert. Mit einer schönen Dachterrasse geht es sogar noch ein Stück weit nach draußen zum Trainieren. Damit bin ich ganz zufrieden.

SPORT1: Wie lange hatten Sie jetzt keinen Tennisschläger in der Hand? Ist das die längste Zeit?

Görges: Ich bin noch nach Indian Wells geflogen, um genau für einen Tag dort zu sein und dann wieder zurück zu fliegen. Ich hatte dort zwei Trainingseinheiten, ich glaube, es war am 8. März. In der vergangenen Saison war ich Mitte Oktober fertig. Da waren es vier, fünf Wochen ohne Schläger, dabei wird es wohl jetzt nicht bleiben. Vielleicht kann ich demnächst mal irgendwo spielen, wenn die Regelungen abgespeckt werden.

SPORT1: Was fehlt Ihnen aktuell am meisten?

Görges: Ich muss sagen die Freiheit. Ich finde es gerade bei dem Wetter sehr schade, dass man nur beschränkt raus kann. Freunde sehen und sich persönlich auszutauschen, was sonst eben nur im November geht, das fehlt mir tatsächlich am meisten. Auch mein Team fehlt mir. Aktuell sehe ich auch nur meine Physios. Da darf ich ja hin, aber das ist in vier Wochen bisher auch nur einmal passiert (lacht). Mein Fitnesstrainer ist aus Kanada, den sehe ich aktuell nur über Facetime.

French Open nach US Open? "Würde mir nichts ausmachen"

SPORT1: Wie sehen bei Ihnen die nächsten Wochen aus?

Görges: Wir müssen abwarten. Ich habe ja auch nicht mehr Informationen. Wir müssen sehen, was mit der Saison, mit zum Beispiel den US Open passiert. Das ist alles sehr unsicher. Das bis August nichts passieren wird, ist schon eine lange Zeit. Du arbeitest für die Wettkämpfe. Das ist schon eine sehr ungewohnte und komische Situation. Der Tagesablauf ist anders und kürzer. Ich halte mich fit, das ist für den Körper auch mal gar nicht so schlecht. Tennis ist ein sehr einseitiges Training. Motivation fehlt deshalb nicht.

SPORT1: Die French Open sind jetzt vorläufig für September angesetzt – kurz vorher wären die US Open auf einem völlig anderen Belag. Wäre das nicht problematisch?

Görges: Das wird interessant, ich habe allerdings in der Offseason die letzten drei, vier Jahre innerhalb einer Woche öfter auf Hartplatz und Sand trainiert. Wenn es so stattfinden würde, würde es mir nicht so viel ausmachen. Sand ist Gelenkschonender, deshalb habe ich das immer wieder eingeschoben. Trotzdem war die Entscheidung der French Open komisch. Die Spieler haben es alle aus den sozialen Netzwerken erfahren. Ich lasse mich jetzt einfachen überraschen, ob es wirklich so stattfindet.

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SPORT1: Sie sind Markenbotschafterin bei Porsche und haben sich etwas Besonderes überlegt…

Görges: Ja, wir wollen als Porsche-Familie unter dem Motto "Stay Together" ein Zeichen setzen und haben ein Video gemacht. Es gibt viele Leute, die jetzt Geschäfte verlieren - was sie sich über Jahre aufgebaut haben. Wir wollen Mut machen und Zusammenhalt fördern, damit wir alle gut aus dieser Situation rauskommen.

Görges verrät Lieblingsturnier

SPORT1: Trauen Sie sich einen Grand-Slam-Sieg zu?

Görges: Es wäre schön! Es ist ein Traum von mir. Mit dem Wimbledon-Halbfinale, habe ich ja schon einmal daran geschnuppert.

SPORT1: Was ist Ihr Lieblingsturnier?

Görges: Die Australien Open stehen ganz weit vorne. Ich liebe Australien. Es ist alles sehr entspannt. Die Leute genießen. Das ist eine sehr schöne Atmosphäre.

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SPORT1: Ist Frauen-Tennis spannender?

Görges: Wenn ich Zuschauer wäre, fände ich es interessanter. Du weißt bei einem Match wirklich nicht, wer gewinnt. Das ist bei den Herren zu 85 oder 90 Prozent anders. Das Niveau ist bei uns sehr hoch geworden. Es gibt keine leichten Gegner mehr.

SPORT1: Macht man sich in diesen Zeiten auch Gedanken, was vielleicht nach der Karriere kommt?

Görges: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Trainerin werden wollen würde (lacht). Ich würde schon gerne mehr Zeit jenseits von Tennis haben. Eigentlich wollte ich dieses und nächstes Jahr noch spielen, aber jetzt muss man mit der Pause schauen, wie es sich entwickelt.

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