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München - Ob LeBron James auf dem Basketball-Court jemals an Michael Jordan heranreichen wird, ist fraglich. In anderer Hinsicht stellt er ihn aber längst in den Schatten.

Anfang der Woche präsentierten die Los Angeles Lakers auf Twitter ihre neuen Trikots - und damit auch erstmals LeBron James' Nummer 23 in Lila und Gold.

Dass sich der heutige Superstar einst an der High School für genau diese Trikotnummer entschied, war laut seines damaligen Trainers "ein Tribut an Michael Jordan, die Basketball-Legende, der er nacheifern wollte".

Eine kluge Entscheidung? "Jeder Tag seiner Karriere stand im Schatten von Jordan", stellte ESPN-Journalist Howard Bryant vor einigen Jahren fest.

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GOAT-Debatte: James oder Jordan?

Und doch ist James im Basketball-Olymp so nah an "His Airness" herangerückt, dass alljährlich zu den NBA-Playoffs die Debatte aufkommt, ob Jordan überhaupt noch der "GOAT", der Größte aller Zeiten sei - oder ob ihn James nicht inzwischen abgelöst habe.

Die Mehrheitsmeinung ist: Jordan bleibt die Nummer eins. Zu wenige Titel hat James geholt (drei zu sechs), zu viele Niederlagen in den Finals kassiert (sechs zu null) - unter anderem. So viel in aller Kürze zur Frage, wer der wohl größere Sportler der beiden NBA-Legenden ist.

Vor einigen Tagen aber sorgte James einmal mehr abseits des Courts für Schlagzeilen, als er in seiner Heimatstadt Akron/Ohio vor den Toren Clevelands die "I Promise School" eröffnete, eine Grundschule zugunsten benachteiligter Kinder. 240 Schüler finden dort zunächst Platz, bis 2022/23 sollen es 960 von der ersten bis zur achten Klasse sein. Ohne Schulgeld. Bei freier Verpflegung. Und wer den Abschluss macht, erhält garantierten Zugang zur Universität von Akron.

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LeBron James: "Einer der größten Momente"

"Das ist einer der größten Momente meines Lebens", sagte James bei der Eröffnung - was wiederum einiges über ihn aussagt. Schließlich hat der 2,03-Meter-Hüne auch den einen oder anderen glorreichen sportlichen Moment vorzuweisen. Bei genauerer Betrachtung ist das "revolutionäre" Projekt (O-Ton JaVale McGee) daher nur der vorläufige Höhepunkt einer langjährigen Entwicklung: Je größer die Popularität des heute 33-Jährigen wurde, desto mehr setzte James sie abseits der Basketballhallen für soziale und politische Zwecke ein.

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Schon lange vor dem Bau der "I Promise School" unterstützte James Kinder in seiner Heimat mit einem gleichnamigen Projekt und der Aktion "Wheels for Education" auf dem Weg zu besserer Bildung.

Als 2012 der dunkelhäutige Teenager Trayvon Martin von einer Nachbarschaftswache erschossen wurde, posteten die Miami Heat um James als erste Profi-Sportler überhaupt ein Statement.

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Der viermalige Regular-Season-MVP war auch einer der ersten NBA-Profis, die sich öffentlich positionierten, als der damalige Clippers-Besitzer Donald Sterling 2014 mit rassistischen Äußerungen für Schlagzeilen sorgte. Nur wenige Tage später wurde Sterling von NBA-Commissioner Adam Silver auf Lebenszeit gesperrt.

Im selben Jahr trug James vor einem Spiel bei den Brooklyn Nets ein T-Shirt mit der Aufschrift "I can’t breathe" ("Ich bekomme keine Luft") - den letzten Worten von Eric Garner. Der Afro-Amerikaner kam infolge eines Würgegriffes durch einen New Yorker Polizisten ums Leben.

Jordan äußert sich zu Polizeigewalt

Das Thema Polizeigewalt beschäftigte 2016 auch Jordan in einem offenen Brief bei The Undefeated.

"Als stolzer Amerikaner, als Vater, der seinen eigenen Dad bei einem sinnlosen Akt von Gewalt verlor, und als dunkelhäutiger Mann, bin ich zutiefst beunruhigt von den Todesfällen afro-amerikanischer Männer durch Gesetzeshüter und wütend über das feige und hasserfüllte gezielte Töten von Polizeibeamten", schrieb Jordan, dessen Vater 1993 bei einem Raubüberfall erschossen wurde.

Anders als bei James kam dieses Statement - passenderweise unter dem Titel: "Ich kann nicht länger schweigen" - von Jordan damals für viele Beobachter überraschend. Zu unpolitisch hatte sich der sechsmalige NBA-Champion über Jahrzehnte hinweg gegeben, zu wenig hatte er sich gesellschaftlich engagiert. Seine Geschäftsbeziehungen schienen ihm stets wichtiger.

Abdul-Jabbar kritisiert Michael Jordan

NBA-Legende Kareem Abdul-Jabbar warf ihm sogar vor, er habe "Geschäft über Gewissen gestellt. Das ist bedauerlich für ihn, aber er muss damit leben."

Dazu passt ein angebliches Zitat von Jordan, das durch das Buch "Second Coming" des Journalisten und langjährigen Bulls-Reporters Sam Smith Verbreitung fand. Demnach habe Jordan einmal gesagt: "Republikaner kaufen auch Schuhe."

Ob der Satz jemals so gefallen ist, ist mehr als fraglich - und doch wurde es immer wieder aufgegriffen, um Kritik an Jordans scheinbarer Gleichgültigkeit gegenüber sozialen und politischen Konflikten zu üben.

Ein Image, das Jordan spätestens seit der Senatorenwahl 1990 in seinem Heimatstaat North Carolina nicht mehr los wurde.

Damals hatte sich der Basketball-Star geweigert, sich öffentlich für den schwarzen Kandidaten Harvey Gantt auszusprechen, der gegen den von vielen als Rassist angesehenen Jesse Helms antrat.

"Für viele Schwarze in ganz Amerika war diese Senatorenwahl die wichtigste seit Jahrzehnten", erinnerte sich der ehemalige Tennisspieler Arthur Ashe in seiner Biografie: "Jordan aber blieb bei seiner unpolitischen Position. Ein paar Auftritte mit Gantt hätten den Unterschied machen können, so aber zog Helms wieder in den Senat ein."

LeBron James als Dauerkritiker von Trump

Es ist reine Spekulation, aber nimmt man seinen unermüdlichen Kampf gegen US-Präsident Donald Trump als Maßstab, hätte sich LeBron James in einer ähnlichen Situation wohl anders verhalten.

"Ich denke, der Rassismus war immer da. Aber ich denke auch, dass der Präsident dafür gesorgt hat, dass sich niemand mehr darum kümmert", übte James kürzlich bei CNN einmal mehr harsche Kritik an Trump: "Die Menschen sagen es dir ins Gesicht. Sie lassen dich immer wissen, dass du nur der Schwarze bist, egal, wer du bist."

Mit Aussagen wie diesen, seinem sportlichen Erfolg und seinem Engagement abseits des Basketballcourts ist James längst zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten für die afro-amerikanische Gesellschaft in den USA geworden.

"LeBrons Vermächtnis ist so viel größer als Basketball. Er verändert Leben", schwärmte die Journalistin Jemele Hill, die einst selbst für kritische Tweets gegen Trump von ESPN suspendiert worden war.

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Worte, die sie über Jordan so wohl nicht gesagt hätte - auch wenn dessen Fürsprecher nicht zu Unrecht darauf hinweisen, dass der heute 55-Jährige in einer gesellschaftspolitisch anderen Epoche auf dem Höhepunkt seiner Popularität war. Lange vor einem US-Präsidenten Trump und ein gutes Stück bevor LeBron James zu dem Superstar der NBA wurde.

"Jeder Tag seiner Karriere stand im Schatten von Jordan", schrieb Howard Bryant wie eingangs erwähnt über James, mit folgender Ergänzung: "Aber als Bürger schaut LeBron nicht zu Michael auf. Es sollte andersherum sein."

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