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Drazen Petrovic
Drazen Petrovic © Getty Images
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München - Drazen Petrovic war Nowitzki vor Nowitzki, Curry vor Curry. Jordan respektierte und fürchtete ihn. Am 7. Juni 1993 starb der beste Baketballer Europas viel zu früh.

Er war Dirk Nowitzki vor Dirk Nowitzki.

In einer Zeit, in der europäische Basketballer noch als soft, defensivschwach und zu instabil für das Stahlbad NBA galten, schickte sich ein Mann an, diese Vorurteile eindrucksvoll wegzuzaubern: Drazen Petrovic.

Bereits eine Dekade bevor Deutschlands Basketball-Legende die USA im Sturm eroberte, verblüffte Petrovic mit seiner Genialität die NBA. Nach einem schweren Start in Portland riss er die New Jersey Nets aus ihrer Anonymität.

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All-Star Games, ein MVP-Titel und sogar die Hall of Fame schienen für den begnadeten Scorer am Horizont zu warten, aber all das endete an jenem schicksalhaften 7. Juni 1993 auf einer Autobahn in der Nähe von München.

Die tragische Geschichte einer heute außerhalb der ehemaligen jugoslawischen Republiken nicht mehr allgegenwärtigen aber niemals vergessenen Legende.

Phänomen Petrovic: 112 Punkte in einem Spiel

Schon früh war klar, dass Petrovic ein begnadetes Talent besaß. Nach nur zwei Jahren in den Nachwuchs-Teams seines Heimatstadtklubs Sibenka schaffte er es mit 15 in die erste Mannschaft. 1984 wechselte er als 20-Jähriger mit Olympia-Bronze im Gepäck zu Cibona Zagreb.

Ein Jahr später führte der Guard das Team mit 36 Punkten im Finale gegen Real Madrid zum Europapokaltriumph, am 5. Oktober 1985 schrieb er mit unfassbaren 112 Punkten in einem Spiel Geschichte. In der NBA gelangen 100 Punkte in einem Spiel lediglich Wilt Chamberlain.

Drazen Petrovic
Drazen Petrovic © Getty Images

Die Portland Trail Blazers wählten ihn im Draft 1986 an Position 60 aus, aber Petrovic sah sich noch nicht bereit und unterschrieb 1988 für kolportierte vier Millionen Dollar bei Real Madrid. Spielerberater Jose Antonio Arizaga erinnerte sich später gegenüber der spanischen Zeitung AS, wie er diverse offizielle Stellen bestechen musste, weil damals jugoslawische Spieler erst mit 28 Jahren ins Ausland wechseln durften.

Schwerer Beginn in der NBA

Nach einem Jahr als Topscorer der spanischen Liga wollte sich der "Mozart des Basketballs" aber endlich mit den besten Spielern der Welt messen und wechselte nach Portland.

"Drazen und ich wurden sofort gute Freunde. Wir sprachen viel über seine Familie. Ich habe ihn sofort respektiert, auch weil er so hart arbeitete. Er war jeden Tag der erste beim Training und der letzte, der ging", sagte Hall-of-Famer Clyde Drexler Jahre später.

Die NBA öffnete sich damals gerade erst internationalen Spielern, die Vorurteile waren erheblich: Europäer seien nicht athletisch, zu langsam und spielten keine Defense. Entsprechend schwer war es für Petrovic. Die Blazers sahen ihn als Shooter, hinter Drexler oder Danny Ainge bekam er im Schnitt nur elf Minuten pro Partie.

WM-Titel und Bruch mit Divac

Es war die schwerste Zeit im Leben des kroatischen Volkshelden, denn nach dem WM-Titel 1990 mit Jugoslawien kam es zum Bruch mit seinem besten Freund Vlade Divac (damals L.A. Lakers).

Der Balkankonflikt schwelte bereits, bei der Feier auf dem Court warf der Serbe Divac eine kroatische Fahne eines Fans weg und wurde damit zum serbischen Idol und der kroatischen Hassfigur.

Petrovic zog sich in der Folge - auch wegen des Drucks in der kroatischen Heimat auf die Familie - von seinem Kumpel zurück. Die herausragende Dokumentation Once Brothers erzählt diese Geschichte.

Bei den Nets startete Petrovic durch

Weil sich an seiner Situation in Portland nichts änderte, verlangte Petrovic schließlich einen Trade und landete im Januar 1991 bei den New Jersey Nets - im Tausch für den 36-jährigen Walter Davis.

Plötzlich ging der Knopf auf und das Selbstvertrauen war wieder da. In seinen zweieinhalb Jahren küsste er die Nets wach und wurde schnell zum Publikumsliebling.

In seiner ersten vollen Saison kam er auf über 20 Punkte im Schnitt und führte die Nets mit Derrick Coleman und Kenny Anderson erstmals seit 1986 in die Playoffs. "Petro" war in gewisser Weise auch Steph Curry vor Steph Curry - seine Dreier elektrisierten die Massen.

Olympia-Duell mit Jordan

Bei Olympia 1992 erreichte die junge Nation Kroatien mit Toni Kukoc und Co. vor allem dank ihm das Finale gegen das legendäre Dream Team. Petrovic war trotz der Niederlage Topscorer des Finals und lieferte sich ein Duell mit dem Größten Basketballer aller Zeiten: Michael Jordan.

Die Legende lautet, Trash-Talk-Meister Jordan habe ihm gesagt: "Ich schieß dir einen ins Gesicht", worauf Petrovic antwortete: "Ich dir auch" - und es auch tat.

Croatian Drazen Petrovic (L) is guarded by U.S. Michael Jordan
Croatian Drazen Petrovic (L) is guarded by U.S. Michael Jordan © Getty Images

Ähnlich wie Jordan war der coole Europäer nie um einen Spruch verlegen und konnte dem auch Taten folgen lassen. Dafür respektierte ihn der GOAT wie kaum einen anderen Gegenspieler. Er liebte und hasste es, gegen Petro zu spielen, wie er später bekannte.

"Es war ein Nervenkitzel, gegen ihn zu spielen. Er war nie nervös und ein ungemein aggressiver Wettkämpfer. Wir hatten einige großartige Schlachten, leider waren es viel zu wenige", sagte Jordan, als er vor Jahren in Paris die Drazen Petrovic Trophy erhielt. Wer Jordan kennt weiß, wie selten er so über Kontrahenten spricht.

Langjähriger Nowitzki-Coach schwärmt

In seinem zweiten Jahr für die Nets wurde Petrovic sogar noch besser. Er traf fast 45 Prozent seiner Dreier und war mit 22,3 Punkten pro Spiel elftbester Scorer der Liga. Zwar war er seltsamerweise kein All-Star, wurde aber ins All-NBA Third Team gewählt.

Die einzigen Europäer, denen dies in den folgenden zehn Jahren ebenfalls gelang, waren Detlef Schrempf und Dirk Nowitzki. "Von seiner Einstellung und dem Drang, sich immer verbessern zu wollen, sehe ich ihn auf Nowitzkis Level", sagte Nowitzkis langjähriger Coach Rick Carlisle einmal - damals Assistent bei den Nets: "Er war auch der erste, der Würfe deutlich hinter der Dreierlinie nahm, er wäre perfekt für die heutige NBA."

Seine Dreierquote für die Karriere (43,7 Prozent) wäre Rang drei aller Zeiten hinter Steve Kerr und Hubert Davis.

Petrovic war auf dem Weg, ein NBA-Superstar zu werden, vielleicht hätten seine jungen Nets im Osten sogar ein Rivale für Jordans Bulls werden können, aber all dies endete am 7. Juni 1993.

Tragischer Unfall bei Ingolstadt

Auf dem Rückweg von einem Qualifikationsturnier für die EM 1993 landete die kroatische Mannschaft gemeinsam in Frankfurt. In letzter Minute entschied Petrovic, mit seiner Freundin Klara Szalantzy und dem Auto zurück in die Heimat zu fahren.

Szalanty - heute mit DFB-Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff verheiratet - fuhr auf regennasser Autobahn in der Nähe von Ingolstadt auf einer verunfallten LKW auf.

Sie und die dritte Passagierin Hilal Edebal, eine türkische Basketballerin, erlitten schwere Verletzungen. Der nicht angeschnallte und schlafende Petrovic verstarb noch am Unfallort - mit 28 Jahren.

Petrovics Grab in Zagreb wurde sofort zu einer Pilgerstätte, Cibona benannte seine Arena nach ihm, die Nets vergeben seine Nummer nie mehr. Tennisspieler Goran Ivanisevic widmete den Triumph in Wimbledon 2001 seinem Freund. 2002 wurde er in die Hall of Fame aufgenommen, 2007 in die Ruhmeshalle der FIBA. Durch seinen frühen Tod wurde Petrovic zum Mythos.

Für Europa so prägend wie Jordan

Sein Einfluss auf das Spiel ist ungebrochen. In Europa prägte er den Basketball wie Jordan in den USA. Er war der Pionier, der Kukoc, Nowitzki, Peja Stojakovic und Co. die Tür in die NBA öffnete.

Goran Dragic trug seinetwegen die Nummer drei bei den Rockets und in der slowenischen Nationalmannschaft. "Er ist mein Idol. Wegen ihm habe ich mit Basketball angefangen", betont er.

Dario Sarics Vater spielte mit Petrovic in Sibenik und erzählte seinem Sohn Geschichten über die Legende und zeigte ihm Videos.

"Ich glaube, echte Basketball-Fans werden Drazen niemals vergessen", sagt sein Freund Divac. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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