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München - Mit seinem Rücktritt schockt Michael Jordan 1993 die Basketball-Welt. Danach versucht er sich im Baseball - eine Hommage an seinen verstorbenen Vater?

An den 6. Oktober 1993 erinnern sich Basketball-Fans wohl auch heute noch gut.

Es war der Tag, an dem die Sportwelt von der Nachricht über Michael Jordans Rücktritt erschüttert wurde. Die neue Saison stand kurz bevor, Jordan befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere und hatte mit den Chicago Bulls gerade erst den dritten NBA-Titel in Folge gewonnen.

Hintergrund seiner überraschenden Entscheidung war wohl der plötzliche Tod seines Vaters James, der drei Monate zuvor erschossen wurde. "Ich kann nicht mehr die Energie aufbringen, zu spielen", erklärte Jordan. Er habe "das Verlangen zu spielen verloren" und wolle mal etwas anderes versuchen.

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Jordans Vater erschossen

Das tat er schließlich auch - und versuchte sein Glück im Baseball.

Viele hielten diese Entscheidung für eine Hommage an seinen verstorbenen Vater, der Baseball liebte und seinem Sohn immer wieder einredete, dass er das Zeug zu einem Topspieler habe.

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Doch es schien noch eine weitere Erklärung zu geben. "Er war emotional verbrannt von all der Kontrolle, die in dieser Form nur er gefühlt hat. Sein Leben war irrsinnig und ich denke, er hatte genug davon", erklärte sein damaliger Mitspieler und heutiger Warriors-Coach Steve Kerr.

Jordan versucht sich im Baseball

Der NBA-Star brauchte also eine Pause vom Basketball und wagte seinen nächsten Karriereschritt im Baseball bei den Chicago White Sox, wo ihm Jerry Reinsdorf - Besitzer der Bulls sowie der White Sox - den Weg freimachen konnte. Da Jordan laut Reinsdorf mit drei Millionen Dollar jährlich sowieso unterbezahlt war, zahlte er ihm sein Basketball-Gehalt sogar weiter aus.

Bereits in der High School machte Jordan seine ersten Schritte im Baseball und hatte als Pitcher sogar wirklich Qualitäten. Trotz seiner Vorerfahrung hieß es aber auch für den Weltstar: Klein anfangen in der Minor League. Und zwar im Double-A-Team Birmingham Barons, welches in der zweithöchsten Minor-League-Stufe spielte.

Der Start bei seinem neuen Engagement wurde Jordan durch viele Kritiker nicht leichter gemacht. So schrieb die Sports Illustrated etwa: "Die meisten Big Leaguer brauchen 15 Jahre, um zu lernen, wie man einen Baseball schlägt, und er kommt einfach an und meint, er könnte das einfach so."

Selbst Walt Hriniak, der damalige Hitting Coach der White Sox, kam nicht drum herum, Jordan zu fragen: "Ist es dir überhaupt ernst, hier zu sein?" Seine Antwort war eindeutig: "Todernst."

Jordan lernt mit Mitspieler Vokabeln

Jordans Leistungen waren für einen 31-jährigen Quereinsteiger passabel. Unabhängig davon sorgte seine bloße Anwesenheit für einen Zuschauerrekord bei den Barons. Die Marke von 900.000 Fans im ganzen Jahr wurde bis heute nicht geknackt.

In Erinnerung blieben aber vor allem seine Auftritte abseits des Platzes. So musste Terry Francona Jordan seinerzeit erklären, dass das Team mit dem Bus zu den Spielen reise. Ein Schock für den Ex-NBA-Profi, der daraufhin kurzerhand einen Luxusbus organisierte. "Michael unterschrieb auf der Außenseite und der 'Jordancruiser' war geboren", erinnerte sich Francona.

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Das Verhältnis zu seinen Teamkollegen war freundschaftlich. "Er verstand sich mit allen großartig", sagte Kenny Coleman.

Mit Rogelio Nunez lieferte sich Jordan immerzu Duelle an der Tischtennisplatte und gab dem Dominikaner täglich eine englische Vokabel sowie 100 Dollar für jedes erlernte Wort. Am Ende der Saison war Nunez' Englisch viel besser - und reicher war er obendrein.

"Haben dafür gesorgt, dass er wieder Basketball spielen wollte"

Auch mit den Coaches verbrachte Jordan viel Zeit und forderte an deren Seite andere Mitspieler im Basketball.

Scott Tedder, der gegen den NBA-Profi ran musste, erzählte später: "Man merkte, dass Michael (Jordan, Anm. d. Red.) sich zurückhielt. Als wir 15:11 führten und nur noch einen Korb zum Sieg brauchten, sagte Michael ganz trocken zu mir: 'Junge, ihr werdet keinen Punkt mehr machen." Und er sollte Recht behalten, das Match ging 17:15 an die Trainer.

Jordan verbesserte sich aber auch im Baseball schnell, weshalb das Fazit von Francona laut ESPN lautete: "Er hatte alles. Fähigkeiten, Begabung und Arbeitseinstellung - ich denke mit weiteren Tausend At-Bats hätte er es geschafft."

Doch nach zwei Jahren war das Baseball-Abenteuer beendet. Jordan kehrte mit den berühmten Worten "I'm back" zu den Bulls in die NBA zurück.

Gelohnt hat sich sein Abstecher aber gewiss, denn Baseball war nicht das einzige, was er in der Zeit gelernt hat. "Ich glaube wirklich, dass er sich selbst neu entdeckt hat, seine Freude am Wettbewerb. Wir haben dafür gesorgt, dass er wieder Basketball spielen wollte", sagte Francona. 

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