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München - Kyler Murray ist der beste Spieler im College Football, trotzdem will er statt in der NFL lieber im Baseball Karriere machen. Die Gründe sind komplex.

Profisport bleibt für die meisten Menschen ein Kindheitstraum.

Viele würden alles dafür geben, in einer Sportart auch nur die Chance zu bekommen. Kyler Murray ist nicht nur diesbezüglich ein Sonderfall.

Der 21-Jährige ist mit so viel Talent gesegnet, dass sich MLB und NFL um ihn reißen und ihn umwerben. Am Wochenende wurde er mit der Heisman Trophy als bester Spieler im College Football ausgezeichnet, dennoch will Murray nicht in die NFL - Stand jetzt.

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"Ich glaube, ich könnte in der NFL spielen, aber momentan sieht es so aus, dass ich Football aufgebe. Meine Zukunft steht", sagte Murray am Wochenende bei ESPN.

Murray gilt als kommender MLB-Superstar

Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist bei genauerem Hinsehen allerdings nicht so einfach. Denn Murray gilt als kommender Superstar in der MLB.

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Die Oakland Athletics, die nicht erst seit dem Film "Moneyball" für ihre innovative Talentsichtung bekannt sind, wählten ihn im Draft an Position 9 aus und zahlten ihm einen stattlichen Bonus für die Unterschrift von 4,66 Millionen Dollar.

"Wir werden im Januar so begeistert sein, wenn dieser Junge für die Oakland A's spielt", sagte Oaklands Macher Billy Beane damals. Bei Murrays Vorstellung stellte Manager Bob Melvin einen Vergleich mit Hall-of-Famer Rickey Henderson an - dem besten Spieler der Athletics-Neuzeit.

Super-Agent Boras hat ihn unter Vertrag

Die Euphorie in Oakland ist durchaus nachvollziehbar. Denn Murray sticht ja bereits im Football athletisch heraus, damit ist er im Baseball praktisch unerreicht.

Dem Outfielder gelangen 2018 am College zehn Homeruns, er hat einen sehr natürlichen Schwung mit einer ordentlichen, wenn auch nicht herausragenden Power. Durch seine Athletik spielt der gebürtige Texaner auch defensiv ein exzellentes Center Field und deckt viel Raum ab, zudem könnte er dadurch eine ständige Gefahr für gestohlene Bases werden.

Mit Scott Boras hat er den wohl berühmtesten und einen für seine harten Verhandlungsmethoden berüchtigten Berater im Baseball. Boras trügt sein Auge für lukrative Klienten selten.

Bessere Stats als Mayfield - Scout schwärmt bei SPORT1

Baseball ist allerdings bei weitem der am schwierigsten vorhersehbare US-Sport. Nur ganz wenige Spieler schaffen es in einem Jahr in die MLB. Die meisten müssen sich über eine längere Zeit in den Minor Leagues hochdienen - inklusive der billigen Motels und endlosen Busfahrten.

Wäre da nicht die NFL der attraktivere Weg? Schließlich stellte Murray sogar seinen Vorgänger bei Oklahoma und als Heisman-Gewinner, Baker Mayfield, in den Schatten. Und Mayfield war im vergangenen Frühjahr der erste Pick im NFL-Draft - in einer deutlich stärkeren Quarterback-Klasse als es 2019 Murrays potenzielle Konkurrenten wären.

Die Passquote ist mit 70,6 Prozent minimal besser als Mayfields, auch sein Rating ist besser, dazu legte Murray noch überragende 853 Laufyards und elf Rushing-Touchdowns hin.

"Wenn er zehn Zentimeter größer wäre, gäbe es überhaupt keine Diskussion - er wäre der erste Pick. Aber er hat auch so Top-Ten-Talent. Er ist der beste Quarterback dieser Klasse - mit Abstand. Seine Athletik ist außerirdisch, trotzdem ist er von der Mentalität her zuerst Passer. Das ist bei laufstarken Spielmachern selten", sagt ein NFL-Scout im Gespräch mit SPORT1 (Scouts dürfen sich offiziell nicht über Spieler äußern, die nicht bei ihrem Team unter Vertrag stehen).

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Durchaus Risiken in der NFL

Zudem ist Murray ein Gewinner. Er führte Oklahoma zum vierten Conference-Titel in Folge und in die College-Football-Playoffs - das Halbfinale gegen Alabama steigt am 29. Dezember.

Warum dann Baseball? Murray ist nicht der robusteste Spieler (1,75 Meter, 85 Kilogramm). Das Verletzungsrisiko ist in der NFL für einen relativ schmächtigen Quarterback deutlich höher - von den vieldiskutierten potenziellen Hirnschäden ganz zu schweigen.

"16 Starts sind relativ wenig. Bei Quarterbacks kannst du nie sicher sein. Er hat eine gute Wurfbewegung, müsste aber sicher noch an seiner Fußarbeit und der Genauigkeit bei NFL-Würfen wie Slants oder Outs arbeiten. In der NFL musst du andere Würfe machen als am College - und perfekt sein", analysiert der Scout.

Die Größe ist ein Faktor, Drew Brees oder auch Mayfield zeigen, dass das aber kein Ausschlusskriterium sein muss.

NFL und MLB parallel?

Theoretisch wäre es für Murray sogar möglich, beide Sportarten auch bei den Profis parallel auszuüben. Bo Jackson oder Deion Sanders machten es ihm in den 80er- und 90er-Jahren vor.

Allerdings sind beide Sportarten noch komplexer geworden, der Aufwand und das Talentlevel sind deutlich höher. Die Gefahr wäre groß, dass Murray in NFL und MLB scheitert.

"Ich halte das heutzutage für ausgeschlossen. Du musst so viel investieren - speziell als Quarterback. Als Cornerback wie Deion oder Receiver würde ich es noch für vorstellbar halten, aber bei den heutigen Systemen als Spielmacher? Keine Chance. Außerdem wären die beiden Teams wohl nicht begeistert", betont der Scout.

Baseball als Kopf-Entscheidung

Letztendlich überwiegen die Vorteile im Baseball wohl die Risiken im Football. Der Einfluss von Super-Agent Boras sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Im Baseball ist das Gehalt zudem garantiert.

Die endgültige Entscheidung muss nun Murray treffen: Football mag seine Leidenschaft sein, aber die cleverere Variante dürfte die MLB-Karriere sein.

Seinen Kindheitstraum lebt er so oder so.

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