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© SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/iStock
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München - Vor Jahren führte die NFL die Rooney Rule für mehr Gleichberechtigung ein. Dennoch haben es schwarze Trainer noch immer deutlich schwerer als ihre weißen Kollegen.

Diesen Tag fürchten alle Coaches der NFL: den "Black Monday".

Der erste Montag nach dem Ende der regulären Saison ist traditionell der Tag, an dem erfolglose oder schlicht enttäuschte Teams ihren Cheftrainer und oft auch deren Assistenten feuern. (Spielplan der NFL)

In dieser Saison offenbarte der Black Monday aber auch eindrucksvoll die sonst unter einer blütenweißen Schicht von politischer Korrektheit und Imagekampagnen verborgene schwarze Seele der erfolgreichsten Sportliga der Welt. Gleich vier schwarze Head Coaches mussten diesmal ihren Hut nehmen, der fünfte im Bunde, Todd Bowles, war schon einen Tag früher von den New York Jets abgesägt worden.

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Freie Trainerstellen ausschließlich von Weißen besetzt

Bereits 2009 hatte Super-Bowl-Gewinner und Trainerlegende Tony Dungy, auf das Missverhältnis an den Seitenlinien der NFL angesprochen, von einer "Schande" gesprochen. Seitdem hat sich wenig geändert. Die Maßnahmen der Liga verpuffen oder werden schlicht umgangen. Das Problem ist tief verankert.

Mit einem US-Präsidenten, der - wie nach Charlottesville - öffentlich Rassisten verteidigt, und dem andauernden Rechtsstreit mit Quarterback Colin Kaepernick sollte man meinen, die NFL würde alles tun, um für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen, das Gegenteil scheint jedoch der Fall zu sein.

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Von den insgesamt acht offenen Trainerstellen sind inzwischen bereits sechs neu besetzt - ausschließlich von weißen Coaches. Damit bleiben aktuell ganze zwei afro-amerikanische Cheftrainer (Pittsburghs Mike Tomlin, Anthony Lynn von den LA Chargers) plus lediglich ein weiterer Repräsentant einer Minderheit: Carolinas Ron Rivera (Sohn eines Puerto-Ricaners).

Seele der NFL im positiven Sinne schwarz

Umso erschreckender wird dieses Missverhältnis, wenn man sich klarmacht, dass viele der größten Stars und mehr als zwei Drittel der Spieler insgesamt schwarz sind. Dies zeigt: die Seele der NFL ist eigentlich tatsächlich schwarz - im positivsten Sinne.

Dasselbe Bild zeigt sich im Management der Teams. Nach der Entlassung von Reggie McKenzie als General Manager der Raiders und dem bevorstehenden Rückzug von Baltimores Ozzie Newsome sind Verantwortliche wie Redskins-Teampräsident Doug Williams, der auch der erste schwarze Quarterback war, der einen Super Bowl gewann, die Seltenheit.

Selbst bei den wichtigsten Assistenten (Offensive/Defensive Coordinator) gibt es aktuell auch nur zehn farbige Coaches. Zudem ist es für sie deutlich schwerer, einen NFL-Job zu behalten.

Schwarze Coaches statistisch schneller entlassen 

Steve Wilks wurde in Arizona nach einer einzigen Saison bereits wieder gefeuert, eine Studie des "Forbes Magazines" zeigte 2017, dass schwarze Head Coaches sogar nach Saisons mit positiver Bilanz gefährdet sind, während seit 1978 (1. Saison mit 16 Spielen) nur sieben Prozent aller weißen Cheftrainer nach einer Winning Season gefeuert wurden, liegt die Quote für schwarze Coaches bei fast 24 Prozent!

Es reicht also offenbar nicht einmal erfolgreiche Arbeit, der Trend ist ebenfalls erschreckend. 2011 gab es noch acht schwarze Head Coaches, seitdem sank die Zahl stetig.

"Rooney Rule" soll für mehr Gleichheit sorgen

Um gegen dieses Ungleichgewicht vorzugehen, war vor 16 Jahren eigentlich die sogenannte "Rooney Rule" eingeführt worden. Benannt nach dem früheren Eigentümer der Pittsburgh Steelers, Dan Rooney, ist hier festgelegt, dass jedes Team, das einen neuen Head Coach sucht, mindestens einen Angehörigen einer Minderheit zum Vorstellungsgespräch bitten muss.

Allzu oft wird jedoch nur alibimäßig ein Kandidat eingeladen, während der wahre Wunschkandidat für den Job schon längst vorher feststeht. Zwar hatte die NFL noch 2018 medienwirksam verkündet, man wolle die "Rooney Rule" noch bindender machen, ein Effekt ist nicht zu sehen - im Gegenteil, die neuesten Verpflichtungen im Januar erscheinen fragwürdig.

Es kehrt zum Beispiel ein 66-Jähriger aus dem Ruhestand zurück - holt aber zumindest zwei afro-amerikanische Coordinator in sein Trainerteam. Arizona verpflichtet einen gerade am College wegen Erfolglosigkeit entlassenen Coach, dessen einzige NFL-Erfahrung darin besteht, dass er vor zehn Jahren als professioneller Clipboard-Halter/Ersatz-Quarterback an den Seitenlinien auf und ab marschierte. Die Jets entscheiden sich für einen ebenso erfolglosen beim Divisionskontrahenten Miami geflogenen Coach und so weiter und so weiter.

Natürlich ist das nicht der Fehler der Herren Arians, Kingsbury oder Gase. Wenn man eine solche Chance erhält, schlägt man zu. Das ist legitim und nicht verwerflich. Die Schuld für diese Peinlichkeit liegt bei den Ownern und der Liga.

NFL schweigt Gründe tot

Über die Gründe legt die NFL - mit ihren nahezu ausschließlich weißen Teameignern – gerne den Mantel des Schweigens. Erst 1989 gab es mit Art Shell den ersten schwarzen Cheftrainer überhaupt.

Der Großteil der Besitzer und des NFL-Establishments sind nun einmal alte, weiße Männer. Natürlich sind die meisten von ihnen keine Rassisten, aber sie sind erzkonservativ und stehen gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen meist sehr skeptisch gegenüber.

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Das zeigte der ganzen Welt nicht zuletzt der Fall Kaepernick - ein tadelloser Sportler, ohne Gewalt- oder Drogenexzesse, der sich lediglich herausnahm, auf soziale Probleme und Polizeigewalt in den USA hinzuweisen. Mit dem Ergebnis, dass er auf der schwarzen Liste landete und ihn seitdem kein Team mehr verpflichten will. Auch das ist die NFL 2019. 

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