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München - Die Falcons stehen zweieinhalb Jahre nach ihrem Super-Bowl-Kollaps am Tiefpunkt. Die Defense ist schwach, der Offense fehlt mehr denn je ihr genialer Stratege.

Der 5. Februar 2017 hätte die Krönung für eine historische Saison sein sollen.

Die Überflieger der Atlanta Falcons waren mit fast 34 Punkten pro Spiel durch die NFL gefegt, hatten sich mit 540 Punkten in die ewigen Top Ten katapultiert und mit einer unglaublichen Effizienz den Super Bowl LI erreicht.

Dort führte die Truppe um Quarterback Matt Ryan die mächtigen New England Patriots phasenweise vor, gegen Ende des dritten Viertels stand ein 28:3-Vorsprung.

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Eigentümer Arthur Blank hätte eigentlich schon die Ringgrößen aufnehmen können, aber plötzlich ging alles schief, die Patriots legten das größte Comeback der Super-Bowl-Geschichte hin und entrissen Atlanta den Titel.

Gut zweieinhalb Jahre später liegen die Falcons am Boden - ein auf den ersten Blick unerklärlicher Absturz. Schließlich sind die meisten Stars immer noch da.

Falcons nach Klatsche gegen Rams am Tiefpunkt

Dennoch geht es seit jenem Trauma stetig bergab. 2017/18 reichte es noch für die Playoffs, dort verlor man knapp gegen den späteren Champion Philadelphia. Im vergangenen Jahr sollte im eigenen neuen Superstadion der Super Bowl nachgeholt werden, stattdessen implodierte das Team im November mit fünf Pleiten in Folge und verpasste die Playoffs.

Gegen die Los Angeles Rams wurde beim heftigen 10:37 nun der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Sechs von sieben Partien wurden in den Sand gesetzt, die Playoffs sind bereits so gut wie verspielt. Nur gegen die Philadelphia Eagles gelang bis dato ein Sieg. (SERVICE: Die Tabellen der NFL)

"Habe ich das Team verloren? Es ist eine legitime Frage, aber ich würde sagen: nein. Es ist natürlich unglaublich und frustrierend, dass wir nicht das zeigen, was wir können. Ich suche die meiste Zeit über nach Antworten", sagt Head Coach Dan Quinn.

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Coach Quinn unter Druck - Defensivzahlen unterirdisch

In seiner fünften Saison wirkte er mehr und mehr ratlos. Als Defensiv-Guru zu Zeiten der "Legion of Boom" in Seattle gefeiert - dort gewann Quinn als Assistent den Super Bowl -, bricht vor allem seine Defense 2019 völlig in sich zusammen.

Nur die Miami Dolphins geben aktuell mehr Punkte ab als Atlanta (31,9), nach Passyards ist nur Houston (1929) um elf Yards schlechter. Nur Miami hat weniger Ballverluste forciert, seit Woche drei gelang kein einziger Quarterback-Sack mehr (vier komplette Spiele).

Talentierte Spieler wie Vic Beasley und Takkarist McKinley liefern aktuell nicht das ab, was sie könnten, aber auch Quinns System passt nicht mehr. Ohne Druck auf den gegnerischen Quarterback wird die Passverteidigung komplett entlarvt - vom kriselnden Jared Goff oder von Rookie Kyler Murray. Selbst der inzwischen auf die Bank degradierte Marcus Mariota zauberte gegen Atlanta wie Brett Favre.

Gegen die Houston Texans setzte es sogar heftige 53 Punkte. Vor allem der Achillessehnenriss von Safety Keanu Neal tut weh, darf aber keine Ausrede für derartige Vorstellungen sein.

Ohne Shanahan leidet der Angriff

Noch rätselhafter ist aber die Offensive. Natürlich war das nahezu perfekte Level der Super-Bowl-Saison nicht dauerhaft zu halten, aber eine gewisse Konstanz dürfte man bei so vielen Klasseleuten schon erwarten.

Das Hauptproblem ist, dass der Abgang von Kyle Shanahan eine größere Lücke gerissen hat, als angenommen. Der aktuelle Cheftrainer der San Francisco 49ers hatte ein perfekt auf die Falcons zugeschnittenes System entwickelt.

Matt Ryan ist ein ausgezeichneter Quarterback, aber spitzenklasse machte ihn Shanahans variables Laufspiel um Devonta Freeman und Tevin Coleman (inzwischen bei den 49ers).

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Laufspiel und Play Action verkümmert

Unter dem neuen Offensiv-Coach Steve Sarkisian ist diese Stärke verkümmert. Die Falcons sind mit mehr Läufen bei erstem und zweitem Versuch ausrechenbarer und sagen deutlich weniger Play-Action-Spielzüge (Lauf andeuten, aber Pass werfen) an - dabei war Ryan bei diesen Pässen 2016 extrem erfolgreich (QB-Rating von 118,2).

Darunter leidet nicht zuletzt Freeman, der für sein Spiel Freiraum braucht und auch als Passfänger sehr gefährlich ist. Aktuell schafft er nur 3,5 Yards pro Lauf (ohne Touchdown), 2016 unter Shanahan waren es noch 4,8 Yards mit elf Touchdowns. Seine Frustration gipfelte am Sonntag in einem Faustschlag gegen Aaron Donald.

Darunter leidet wiederum auch das Passspiel, das mit Superstar Julio Jones, Calvin Ridley, Mohamed Sanu und Tight End Austin Hooper eigentlich ausgezeichnet besetzt ist.

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Zu wenig in Offensive Line investiert

Neben den Spielzügen ist vor allem die Offensive Line das große Problem. Zwischen 2015 und 2018 wurde kein einziger Lineman höher als in der vierten Runde ausgewählt, erst in diesem Jahr wurde dieses Versäumnis angegangen - zu spät. Auch in der Free Agency wurde über Jahre zu wenig in die Line investiert - das rächt sich nun.

Die Rams kamen am Sonntag auf fünf Sacks, beim letzten davon verletzte sich Ryan auch noch am Knöchel. Quinn muss schnellstens die Kurve kriegen, sonst könnte jener Februar-Tag 2017 auch für ihn der Anfang vom Ende gewesen sein.

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