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München - Tom Brady wechselt von den Patriots zu den Buccaneers - auf den ersten Blick passt das mit Coach und starken Passfängern, aber die Entscheidung ist extrem riskant.

Die Buccaneers? Wirklich?

Tom Brady hat mit seiner Entscheidung die Sportwelt geschockt. Die Trennung von den New England Patriots hatte sich über Monate angedeutet, aber Tampa Bay hatte lange niemand als neuen Arbeitgeber des sechsmaligen Super-Bowl-Gewinners auf dem Zettel.

Los Angeles als Markt für seine Fitness-Marke "TB12" und in der Heimat gelegen, Las Vegas mit all seiner Aufmerksamkeit, Tennessee mit den viele Ex-Patriots – die vermeintlichen Favoriten wurden alle ausgestochen.

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Nach 20 Jahren will es Brady noch einmal allen zeigen. Der 42-Jährige will sich und der NFL beweisen, dass er es auch ohne die Patriots packen kann. Es ist ein mutiger Schritt, aber auch ein gewaltiges Risiko.

"Er macht seine Entscheidung nicht vom Geld abhängig. Darum geht es ihm nicht. Er will schon erfolgreich sein und zeigen, dass er quasi jedes Team zum Championship führen kann", sagt der langjährige Teamkollege Sebastian Vollmer bei SPORT1.

Buccaneers lange nicht in den NFL-Playoffs

Genau das könnte für Brady allerdings zum Problem werden. Die Buccaneers tragen nicht gerade das Gewinner-Gen in sich.

Seit dem Triumph im Super Bowl XXXVII vor 17 Jahren gewannen sie kein einziges Playoff-Spiel mehr, sie haben seitdem überhaupt erst zwei Playoff-Spiele bestritten - das letzte im Januar 2008. Seit 2011 schafften sie einmal eine positive Bilanz, verloren aber gleich sechsmal mindestens zehn Spiele.

In diesem Zeitraum verzweifelten vier Coaches an diesem Job, natürlich ist das aktuelle Team dafür nicht verantwortlich, aber konstante Mittelmäßigkeit ist schwer aus einer Franchise rauszubekommen.

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Arians als großer Trumpf bei Brady

Das musste im vergangenen Jahr auch Bruce Arians feststellen. Der sehr angesehene Cheftrainer schaffte in seinem ersten Jahr immerhin sieben Siege, tat sich aber mit der Einstellung einiger Spieler sehr schwer.

Nicht zuletzt mit Jameis Winston hatte der Quarterback-Guru so seine Mühe. Arians war wohl Tampas größter Trumpf - neben des nötigen Gehaltsspielraums und keiner Einkommenssteuer in Florida auf die 30 Millionen Dollar Jahresgehalt, die Brady kassieren möchte.

Vollmer: Brady "macht Coaches besser"

Der zweimalige Trainer des Jahres ist ein Offensiv-Genie und wesentlich entspannter im Umgang als Bill Belichick, arbeitete mit Peyton Manning und Ben Roethlisberger, hatte mit Routinier Carson Palmer gute Jahre in Arizona und quetschte aus Jameis Winston gemeinsam mit Assistent und Ex-Quarterback Byron Leftwich 5.100 Passyards und 36 Touchdowns heraus.

Trotz dessen 30 Interceptions waren die Bucs nach Punkten die drittbeste Offense der NFL. Die sollte mit Brady deutlich effizienter werden.

"Er macht auch die Coaches besser. Er wird Fragen stellen und sagen: 'Hey, im dritten Spiel, im zweiten Quarter, beim Spielzug 21 stand der Safety fünf Meter zu weit links. Was hältst du davon?' Er achtet eben auf alle Kleinigkeiten, und die summieren sich", sagt Vollmer.

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Wird Brady gut beschützt?

Natürlich bekommt Brady in Mike Evans und Chris Godwin sowie den Tight Ends O.J. Howard und Cameron Brate exorbitant bessere Anspielstationen als zuletzt bei den Patriots.

Aber war das wirklich der einzige Grund für Bradys statistisch relativ schwache Saison 2019? Zum ersten Mal in seiner Karriere schien der 42-Jährige die Folgen des Alters zu spüren. Zudem liebt Arians die langen Pässe (tatsächlich eine von Winstons Stärken), hat Brady dafür überhaupt noch den Arm? Evans und Godwin sind nicht perfekt für seine kurzen Timing-Pässe geeignet. Einen im Passspiel richtig starken Running Back gibt es auch nicht - sorry, Dare Ogunbowale.

Dazu kommt, dass die Offensive Line in der vergangenen Saison im hinteren Drittel der NFL rangierte und nur dank Winstons Mobilität nicht noch mehr Sacks zugelassen hat. Für Brady könnte das ungemütlich werden, gerade weil Arians so gerne und viel wirft.

Auch die Defense ist trotz einiger talentierter Spieler wie Shaq Barrett kaum Super-Bowl-reif. Apropos: Das NFL-Endspiel steigt im Februar 2021 im Stadion der Bucs. Noch nie erreichte ein "Heimteam" den Super Bowl. Es wäre ein weiterer Rekord für Brady in seiner herausragenden Karriere.

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Produkt der Patriots und Belichick?

Natürlich kann ihm niemand seine Titel und Meilensteine nehmen, aber sollten die Patriots auch ohne ihn erfolgreich sein und er im Rentnerparadies scheitern, würde das auf ewig seinem Vermächtnis zumindest einen schwarzen Fleck verpassen.

So etwas ahnt Brady offenbar selbst. "Wenn ich eine Sache über Football gelernt habe, ist es die, dass es niemanden mehr interessiert, was man letztes Jahr oder das Jahr davor gemacht hat", schrieb er in seinem Statement bei der Vertragsunterschrift bei den Bucs.

Für einige Kritiker wäre er im Rückblick "nur" ein Produkt Belichicks.

Joe Montana führte die Kansas City Chiefs nach seinem schockierenden Wechsel aus San Francisco immerhin ins Conference-Finale, Manning wurde von Denvers überragender Defense mit zum Super Bowl geschleppt, die Playoffs müssen es für Brady in der starken NFC South mit New Orleans und Atlanta aber schon sein, um ein totales Desaster zu vermeiden.

Brady hätte es mit Pats, Chargers oder Titans einfacher haben können, aber er suchte sich die wohl größte Herausforderung. Er setzt im NFL-Roulette auf sich selbst, aber das Risiko ist groß.

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