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Therese Johaug wird immer wieder für ihr Gewicht kritisiert
Therese Johaug wird immer wieder für ihr Gewicht kritisiert © Imago
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München - Langlauf-Bundestrainer Schlickenrieder fordert die Einführung eines BMI. Ex-Coach Jochen Behle hält davon nichts und vermutet Frust ob der schwachen WM-Leistungen.

So ein bisschen flog die Aussage von Peter Schlickenrieder unter dem Radar der Öffentlichkeit, weil die Beteiligten schlichtweg nicht reagierten.

Dabei hatte es doch ziemliche Sprengkraft, als Deutschlands Langlauf-Teamchef sich durchaus emotional für die Einführung einer Body-Mass-Index-Grenze in seiner Sportart aussprach.

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"Bei einer gewissen Gewichtsgrenze würde ich Athleten nicht mehr an den Start lassen", war es aus Schlickenrieder während der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf nur so herausgesprudelt, nachdem er gefragt worden war, ob er sich die Leistung der überragenden Norwegerin Therese Johaug im Zehn-Kilometer-Rennen erklären könne. (Zeitplan der Nordischen Ski-WM 2021 in Oberstdorf)

"Ich habe keine Erklärung", entgegnete der 51-Jährige ernüchtert. "Das Einzige, was ich definitiv einführen würde, wäre so ein BMI."

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Sprich: Den aus Körpergröße und -gewicht berechneten Body Mass Index (BMI) zu berücksichtigen, um Schluss zu machen, mit einer am Ende womöglich selbstzerstörerischen Art und Weise, mit der Sportler ihrer Profession nachgehen - und die Schlickenrieder nun offen andeutete.

Behle teilt Einschätzung nicht

Eine Einschätzung, die Ex-Bundestrainer Jochen Behle so gar nicht teilt. "Der von ihm vorgeschlagene BMI bringt natürlich im Langlauf-Bereich gar nichts", erklärte Schlickenrieders Vor-Vorgänger im Interview bei SPORT1.

Relevant wäre in einer Ausdauersport wie dem Langlauf, der so konzipiert ist, "dass die schweren Sportler kaum eine Chance haben", höchstens der Körperfettanteil. Doch selbst diesen bei jedem Sportler zu messen empfindet Behle als "sinnlos. So ein Vorstoß ist zu einer WM völlig unpassend. Diese Sportlerinnen haben sich nicht verändert, die laufen schon seit Jahren so herum."

Bundestrainer Schlickenrieder sieht die Gesundheit einiger Sportler dagegen in Gefahr. "Wir haben ein paar sehr schlanke Athleten im Spiel. Ich meine, eine Tendenz zu erkennen", hatte der Teamchef weiter ausgeführt. "Es gibt eine Gesundheitsgrenze nach unten wie nach oben, und die sollte man aus meiner Sicht kontrollieren." (NEWS: Alles zur Nordischen Kombination)

Schlickenrieder bemängelte dabei auch "eine schlechte Vorbildfunktion" - und meinte damit wohl auch die Top-Läuferinnen aus Skandinavien.

Konkret: Johaug, so wird gemunkelt, soll bei einer Größe von 1,62 Meter inzwischen knapp unter 46 Kilogramm wiegen. Ein Verhältnis, dass die Frage nach nachhaltigen Schäden aufwirft - oder eben nach neuen Schutz-Regelungen. 

Frida Karlsson aus Schweden wurde unlängst von ihrem Verband gesperrt - wegen gesundheitlicher Probleme
Immer wieder gab es zuletzt Spekulationen über das Gewicht von Norwegens Top-Langläuferin Therese Johaug © Imago

Der Fall Frida Karlsson macht betroffen

Zur Erinnerung: Erst Ende des vergangenen Jahres war Frida Karlsson vom schwedischen Verband für mehrere Wochen gesperrt worden, weil sie den vom Internationalen Olympischen Komitee geforderten Gesundheitscheck nicht bestanden hatte.

Ein Teil der Wahrheit war dabei jedoch auch das zu geringe Gewicht der 21-Jährigen, die in den Monaten zuvor immer dünner in Erscheinung getreten war. 

"Es ist eine Herausforderung bei der Ernährung. Wir trainieren sehr, sehr viel und hart. Das Training, das erforderlich ist, macht es schwierig, genug Nahrung zu bekommen, um genug Energie zu haben", gab Karlsson in einem Interview mit der norwegischen Tageszeitung Dagbladet zu.

Hinter vorgehaltener Hand heißt das auch - Magerwahn wird als Gefahr wahrgenommen. Weshalb Schlickenrieder nun Alarm schlug und auf das Skispringen verwies.

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Frida Karlsson aus Schweden wurde unlängst von ihrem Verband gesperrt - wegen gesundheitlicher Probleme © Imago

Magerwahn: Skispringen als Ausweg und Vorbild?

Dort muss ein Athlet einen bestimmten BMI aufweisen, um die maximale Skilänge springen zu dürfen. So soll verhindert werden, dass die Springer hungern, um Gewichtsvorteile in der Luft zu haben. Was erst seit 2004 gängige Praxis ist, hatte zuvor nicht zuletzt Vierschanzentournee-Sieger Sven Hannawald bis in die Magersucht und mithin in eine lebensbedrohliche Situation getrieben.

Für Jochen Behle ist der BMI im Skispringen aber nicht einmal im Ansatz auf den Langlauf übertragbar. Zu unterschiedlich sind die Anforderungen an den Körper. 

Vielmehr sieht der 60-Jährige die Verantwortung bei jedem einzelnen Team: "Mittlerweile ist es so, dass die Ärzte der einzelnen Mannschaften auf das Gewicht der Athleten acht geben. Wir hatten interne Sperren für Sportlerinnen wie Frida Karlsson oder Ingvild Flugstad Östberg. Es ist also schon reagiert worden", weiß der frühere Bundestrainer.

Für ihn spiegeln die Aussagen von Schlickenrieder lediglich eine große Portion Enttäuschung wieder. "Im Moment ist es der Frust, dass man keine Sportlerin hat, die so schnell laufen kann, wie die, die ein bisschen dünner sind als die deutschen Athletinnen. Da hat sich Peter Schlickenrieder im Kreis der Trainer, vor allem bei den anderen Nationen, nicht unbedingt Freunde gemacht. Außer ihm würde wahrlich keiner einen solchen Vorschlag befürworten."

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