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Mehmet Scholl und die Legende der Laptop-Trainer © SPORT1-Grafik: Gabriel Fehlandt/Getty Images/Imago

München - Mehmet Scholl hat uns den Begriff "Laptop-Trainer" geschenkt. An seiner Kritik an der aktuellen Trainergeneration ist aber wenig bis nichts dran.

Joachim Löw ist über alle Zweifel erhaben.

Wer sich auf der Trainerbank schon mal die Fingernägel feilt, ist ganz sicher kein Laptop-Trainer. Doch auch wenn am Freitag nach der Länderspielpause die Bundesliga wieder mit dem vierten Spieltag ihren Betrieb aufnimmt, wird kein Trainer mit Laptop auf den Knien auf der Trainerbank Platz nehmen.

Beim Coachen an der Seitenlinie vertrauen die Fußballlehrer immer noch vor allem ihren Augen, Instinkten und ihrer Brüllfähigkeit.  

Laptop-Trainer klingt toll, sagt aber nichts aus

Mehmet Scholl, der so unterhaltsam ist wie kaum einer im Geschäft, ist es zu verdanken, dass ein neuer Begriff Einzug gehalten hat im deutschen Fußball: "Laptop-Trainer". Zugegeben, klingt toll, sagt aber leider erst mal wenig bis nichts aus.

Für Scholl sind Laptop-Trainer Kollegen, für die "Taktik das oberste Gebot" sei. Fußballlehrer, die während der Ausbildung  "Kursinhalte aufgesogen" und "dieses typische Kursbestergesicht" haben würden, aber selbst nie "oben gespielt" hätten. Ihm, Scholl, würden sich da die Nackenhaare sträuben.

Als Bewerbung misslungen

Gesagt hat Scholl das alles dem Spiegel in einem Interview, in dem er seine Vertragsverlängerung als Fußball-Experte für die ARD verkündet hat. Eine Aufgabe, die er gewitzt und mit großer Fachkompetenz ausübt. Mit dem Interview wollte er sich aber wohl auch wieder als Trainer ins Gedächtnis rufen.

Doch als Bewerbung für künftige Aufgaben auf der Trainerbank ist das Interview gründlich misslungen.

Mit wenigen Sätzen hat der frühere Trainer der Bayern-Amateure im typischen Scholl-Sprech nicht nur die gesamte Trainerausbildung hinterfragt, sondern praktisch alles, was im modernen Fußball als Basis angesehen wird. Wieso, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Dementsprechend auch die Reaktionen auf Scholls luftige Thesen.

Neuer widerspricht

These eins: "Auf Taktik gucke ich als Letztes. Ohne Menschen kann man Taktik vergessen. Fußball ist ein einfaches Spiel, und damit die Menschen es verstehen, muss es einfach bleiben."

Dazu sagte Welttorhüter Manuel Neuer unter der Woche bei einer Pressekonferenz des DFB: "Es ist ein klarer Vorteil, wenn sich ein Trainer auf den Gegner einstellt. Deswegen sind wir als Spieler für jede Information dankbar, die Spieler sind hungrig und wollen wissen, wie sie agieren sollen."

Dankbar, nicht überfordert. Diese Analyse und Taktikschulung sei "beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft" gang und gäbe – und ja, "es findet auch am Laptop statt", so Neuer.

Auch Scholl war polyvalent

These zwei: " Die Profis werden doch viel zu sehr in diesen Systemen herumgeschoben. Warum sollte ein Spieler drei verschiedene Positionen beherrschen? Normalerweise besteht eine Mannschaft aus elf Spezialisten."

Tatsächlich war der einzige wirkliche Spezialist beim Fußball immer nur der Torwart. Feldspieler mussten schon immer vielseitiger sein. Lothar Matthäus entwickelte sich vom Spielgestalter zum Mittelfeld-Ankurbler zum Libero; Günter Netzer kam zwar am liebsten, aber nicht immer aus der Tiefe des Raumes; selbst Mehmet Scholl durfte sich nicht sein ganzes Fußballerleben lang als freischaffender Künstler durch die Abwehrreihen dribbeln: der junge Scholl war klassischer Linksaußen. Dass Neuer den Torwart-Libero erfunden hat, ist eine andere Geschichte.

Sechs Bundesligatrainer kickten nicht auf höchstem Niveau

These drei: "Im Moment kommt eine Schwemme von Trainern auf den Markt, immer der gleiche Typus, der alles anders macht, als ich es machen würde. Die haben nie selbst oben gespielt und keine Ahnung, wie ein Profi auf höchstem Niveau tickt."

Damit greift Scholl ein Streitthema auf, das so alt ist wie der Fußball selbst und dementsprechend Patina angesetzt hat. Aber gut, zur Erinnerung: Arrigo Sacchi hat in den achtziger Jahren den Fußball revolutioniert, ohne jemals Profi gewesen zu sein; die Profikarrieren von Cesar Luis Menotti und Marcelo Bielsa, zwei andere Vordenker und Wegbereiter des modernen Fußballs, dauerten nur eine handvoll Jahre. Auch die aktiven Karrieren von Jose Mourinho, Joachim Löw oder Jürgen Klopp waren eher überschaubar. Gerade die drei sind aber so nah dran an ihren Spielern wie nur sehr wenige.

Abgesehen davon: Von den 18 aktuellen Bundesligatrainern haben nur Alexander Zorniger, Martin Schmidt, Markus Gisdol, Thomas Tuchel, Roger Schmidt und Markus Weinzierl nicht auf allerhöchstem Niveau Fußball gespielt.

Martin Schmidt und ein Kursbestengesicht?

Schmidt und Weinzierl ein "Kursbestengesicht" zu attestieren, darauf würde wohl nicht mal Scholl kommen, Schmidt hat Leverkusen in die Champions League geführt, Tuchel ist gerade dabei, sich in Dortmund auch zum Menschenfänger zu entwickeln und wurde von Scholl ohnehin ausgenommen von seiner Kritik. Tuchel sei nämlich einer wie Guardiola.

Bleiben noch Gisdol (schon seit 1997 Trainer!) und VfB-Coach Zorniger, der mit Scholl 2012 die Fußballlehrer-Ausbildung absolviert hat und dem VfB ein Vollgas-System verpasst hat, mit der die Mannschaft zur Zeit noch fremdelt. Zorniger ist auch eher Charakterkopf als Streber, außerdem ähnlich schlagfertig wie Scholl. "Das ist eben Mehmet. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er auch immer einen Laptop im Unterricht dabei", konterte er via Bild den Ex-Nationalspieler.

Scholl hat sich in besagtem Interview übrigens wegen eines drei Jahre alten Spruchs entschuldigt. Während der EM 2012 hatte er gesagt, er hoffe, Mario Gomez habe sich während des Spiels nicht wund gelegen. "Ich habe einem Spieler damit richtig geschadet. Das tut mir leid. Es ist Zeit, mich zu entschuldigen. Marios Karriere ist zu groß, als dass man sie auf diesen Spruch reduzieren sollte", sagte er nun.

Mal sehen, ob er irgendwann auch die Legende des Laptop-Trainers revidiert.

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