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Thomas Müller, Xabi Alonso und David Alaba haben mit dem FC Bayern schon bessere Tage erlebt © dpa picture alliance

München - Der Rekordmeister erlebt unter Carlo Ancelotti die erste Mini-Krise. Boss Rummenigge zürnt, der Trainer schützt die Mannschaft. SPORT1 erklärt, warum Bayern nicht mehr gewinnt.

Man sagt, die Lage eines Unternehmens lasse sich am Gemütszustand seines Chefs ablesen. Gemessen daran stehen dem FC Bayern schwierige Zeiten bevor - zumindest aus sportlicher Sicht.

So erregt wie in den Katakomben der Frankfurter Commerzbank-Arena ward Karl-Heinz Rummenigge seit Jahren nicht gesehen. Das gefühlt letzte Mal, als der Bayern-Boss vor Kameras einen seiner Angestellten geißelte, war noch ein gewisser Mathematiklehrer Trainer in München.

Die Rotations-Rechenspiele Ottmar Hitzfelds brachten Rummenigge einst derart in Rage, dass er den Coach in aller Öffentlichkeit anzählte.

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Seine neuerliche Brandrede, die nach SPORT1-Informationen nicht nur aus der Emotion heraus entstand, zielt direkt auf die Mannschaft. Rummenigge hat gravierende Schwächen im Spiel des Rekordmeisters ausgemacht. 

SPORT1 erklärt, warum die Bayern nicht mehr gewinnen.

1. Die lasche Einstellung

Anders als unter Pep Guardiola gewährt Carlo Ancelotti seinen Spielern mehr Freiheiten. Ein Vertrauensvorschuss, den nicht jeder Akteur zurückzahlt.

SPORT1-Experte Thomas Strunz moniert: "Mehr Freiheit bedeutet auch mehr eigenverantwortliches Verhalten der Spieler. Dem werden derzeit nicht alle gerecht."

Philipp Lahm hatte zuletzt im SPORT1-Interview erklärt: "Ich denke, dass sich jeder schon bewusst ist, dass Freiheit auch Vertrauen bedeutet. Jeder sollte mit der Situation umgehen können, dass man Vertrauen bekommt, das aber auch einschätzen kann." Es sei "wichtig heutzutage, dass jeder Verantwortung übernimmt".

Aber: Bayern hat nach Jahren des Erfolgs mit einem kleinen Mentalitätsproblem zu kämpfen.

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Kapitän Philipp Lahm beklagte nach dem Remis in Frankfurt: "Wir müssen uns die Frage stellen, warum wir das, was uns in den letzten Jahren stark gemacht hat, gerade jetzt nicht mehr hinbekommen. Wenn man denkt, dass es statt mit 100 Prozent mit weniger geht, läuft man Gefahr, nicht die Kontrolle über das Spiel zu haben."

Kontrollverlust, fehlende Einstellung, Angst vor Verantwortung - all das hat die Bayern zuletzt sowohl in der Liga als auch in der Champions League Punkte gekostet.

2. Ancelottis weicher Kern

Einen emotionalen Ausbruch wie den von Rummenigge wird man bei Ancelotti nicht erleben. Am Tag nach dem Frankfurt-Spiel verzichtete der Coach nach SPORT1-Informationen auf eine Kabinenpredigt - business as usual war angesagt. Manch einer wünscht sich von Ancelotti eine härtere Gangart. 

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Es gibt Beobachter, die sich dieser Tage an seine letzte Saison bei Real Madrid erinnert fühlen. Nach dem Champions-League-Triumph ließ Ancelotti die Spieler an allzu langer Leine, sie verfielen in einen Wohlfühl-Modus. 

Noch am selben Tag, an dem die Königlichen 0:4 gegen Atletico Madrid verloren, gab Cristiano Ronaldo eine rauschende Geburtstagsparty. Er hatte vorher artig bei Ancelotti um Erlaubnis gefragt. Am Ende der Saison landete Real unter ferner liefen, holte nicht einen Titel. Ancelotti wurde gefeuert. Präsident Perez störte die fehlende Distanz zur Mannschaft.

Will Ancelotti in München ein ähnliches Szenario vermeiden, muss er ab sofort ganz genau hinschauen, auf welche Spieler er setzen kann - und auf welche nicht. Oder beobachtet der Trainerfuchs aktuell nur die Lage und entscheidet anschließend knallhart, auf welche Spieler er setzen will?

3. Die Verfassung der Spieler

Die Bayern mussten in dieser Saison zwei Mal Spieler für Nationalmannschaften abstellen. Gleich ein halbes Dutzend kehrte mit Verletzungen zurück. Allein: Bayern ist nicht der einzige Klub, dem es so ergeht. Viel auffälliger ist, wie sehr der Rekordmeister im Kollektiv seiner Topform hinterherläuft. 

Die angeschlagenen Jerome Boateng und Mats Hummels haben ihre liebe Müh und Not, den Defensivverbund zusammenzuhalten. David Alaba bringt durch sein anhaltendes Formtief inzwischen sogar seine Landsleute gegen sich auf. 

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Im Mittelfeld wird Xabi Alonso nicht jünger, und einer seiner Nebenleute ist garantiert immer verletzt. Arturo Vidal droht wegen einer Knöchelverletzung sogar ein Ausfall bis zur nächsten Länderspielpause. Franck Ribery ist mindestens die nächsten drei Wochen zum Zuschauen verurteilt. Und Douglas Costa war erst bei zwei Pflichtspielen einsatzfähig.

Am deutlichsten fallen derzeit Kingsley Coman und Renato Sanches ab - auch in physischer Hinsicht. Es gibt Stimmen in München, die bezweifeln, ob diese Spieler genügend Qualität für die Ziele der Bayern mitbringen. Andere müssen sich selbst die Frage stellen, ob sie aktuell alles für den Erfolg einbringen.

4. Das veränderte System

Die Partie in Frankfurt hat die Erkenntnis geliefert: Die von Pep Guardiola geformte Pass- und Pressingmaschine hat unter Ancelotti ausgedient.

Unter dem Italiener spielen die Bayern nur 665 Pässe pro Partie, bei Guardiola waren es noch mehr als 700. Das führt dazu, dass sie selbst in Führung liegend keine komplette Kontrolle übers Spiel gewinnen. Zum ersten Mal seit Oktober 2008 brachten die Münchner in einem Bundesliga-Duell eine zweimalige Führung nicht ins Ziel.

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Ancelotti lässt wesentlich tiefer verteidigen. Die Bayern kommen nicht mehr so in die Zweikämpfe. Unter Ancelotti bestreiten die Bayern nur 166 Zweikämpfe pro Partie. Bei Guardiola waren es 194. 

Die Bayern müssen also mehr Aufwand betreiben, um ihr Spiel durchzuziehen. Erschwert wird dieses Unternehmen durch eine höhere Fehlpassquote. Gegen Frankfurt betrug sie knapp 20 Prozent. Im vergangenen Jahr lag sie im Schnitt bei zwölf Prozent. 

Und wann immer der Rekordmeister den Ball verliert, ist er anfällig für Konter. In dieser Saison ließ der Rekordmeister genauso viele Torschüsse pro Spiel zu wie unter Guardiola (8) - trotz defensiverer Ausrichtung.

5. Die Problematik im Sturm

Auf dem Transfermarkt hat sich der Rekordmeister im Sommer zurückgehalten. Mats Hummels für die Abwehr, Renato Sanches als Zukunftsinvestition - das war's. Nicht wenige haben mit einem zusätzlichen Stürmer-Backup gerechnet. 

Es war der Wunsch des Trainers, keinen neuen Angreifer zu verpflichten. "Lewandowski und Müller - sonst nix": Das war Ancelottis Ansage an den Vorstand. Die Bosse vertrauten seinem Gespür. Sind beide in Topform, haben die Münchner tendenziell sogar einen Spieler zu viel für das Zentrum.

Doch Robert Lewandowski hat seit dem 3. Spieltag Ladehemmung. Thomas Müller wird wie in der Nationalmannschaft allzuoft Opfer des Systems. Er ist in der Liga noch ohne Treffer. 

Der zweitbeste Torjäger der Bayern ist derzeit Joshua Kimmich mit vier Treffern. Der Mann wird gerade als kommender Rechtsverteidiger Deutschlands gepriesen. So richtig passt das nicht zusammen.

6. Das Sammer-Loch

In München konnten sie sich schon immer auf ihre Selbstheilungskräfte verlassen. Wann immer der FC Bayern von einer Krise bedroht wurde, setzte Uli Hoeneß zu einem medialen Donnerwetter an. Und als er verhindert war, übernahm Matthias Sammer diesen Part.

Jetzt, da Sammer von Bord ist, wissen sie alle beim Rekordmeister, was sie an dem mahnenden Feuerkopf hatten.

Bei seiner Schelte in Frankfurt sprach Karl-Heinz Rummenigge auffällig oft vom Finger, der in die Wunde gelegt werden müsse. Das klang nach bester Sammer-Rhetorik.

7. Ancelotti setzt alles auf die heiße Saisonphase

Es gab Zeiten unter Pep Guardiola, da war der FC Bayern gefühlt schon im Herbst Meister und Champions-League-Gewinner. Als es dann im April und Mai ans Eingemachte ging, konnten die Münchner nicht mehr zulegen.

Diesen Fehler darf Ancelotti nicht wiederholen. Sein Formaufbau ist so ausgerichtet, dass die Mannschaft in der heißen Saisonphase auf Topniveau spielt. Und doch passt es zur Ironie dieser ersten Bayern-Minikrise, dass Ancelotti ausgerechnet vor dem Frankfurt-Spiel den Gewinn der Königsklasse als Ziel auserkor.

Soll dieser Plan aufgehen, muss schleunigst eine Trendwende her. Ansonsten droht dem FC Bayern "ein Problem", wie Boss Rummenigge prophezeite.

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