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München - Auch wenn es nicht klappen sollte mit dem Wunder: Das Rückspiel der Bayern gegen Barcelona wird entscheiden, wie Pep Guardiolas zweite Saison in Erinnerung bleibt.

Es gibt ja zwei Arten, die Geschichte der Saison des FC Bayern bis zu diesem Dienstag, den 12. Mai 2015, zu erzählen.

Die eine Geschichte ist die der "wunderbaren" Spielzeit, von der Trainer Pep Guardiola am Ende der vergangenen Woche schwärmte. Meistertitel bei totaler Dominanz in der Liga, einmal mehr. Internationale Gala-Auftritte gegen den Rom, Donezk, Porto. Halbfinal-Einzug in der Champions League, der vierte in Folge.

Und das alles trotz der zahlreichen Verletzungen, trotz all der Komplikationen, die den Münchnern vorausgesagt wurden in der großen, längst vergessenen WM-Kater-Debatte im Sommer.

Sie überspielten sämtliche Probleme, im wahrsten Wortsinn - bis sie dann irgendwann an den Gegner gerieten, gegen den man es nicht mehr überspielen konnte.

Wenig Hoffnung auf das Wunder

Klar, eine Woche nach dem 0:3 beim FC Barcelona könnte im Rückspiel noch ein Fußballwunder passieren (ab 20.15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER).

Mit diesem Wunder rechnen sie nicht ernsthaft bei Bayern. Selbst Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge gesteht in der ihm eigenen Art ein, dass die Finalchancen nach dem 0:3 im Hinspiel "vernichtend klein" sind.

Trotzdem: Unwichtig ist das nun anstehende Rückspiel keineswegs. Es wird nämlich eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob die Geschichte der wunderbaren Bayern-Saison so hängen bleibt. Oder die andere.

Diskussionen um Guardiola

Die andere, unsentimentale Story dieser Spielzeit ist die, dass Pep Guardiola das große Ziel des Champions-League-Gewinns wohl einmal mehr verfehlen wird. Und diesmal, nach dem Pokal-Aus gegen Dortmund sogar noch einen Titel weniger in der Bilanz hat.

Um den Kern dieser Geschichte schweben allerhand Fragen, die derzeit von Medien, Experten und Fans in aller Breite diskutiert werden.

Hat Guardiola das Halbfinal-Hinspiel mit taktischen Missgriffen vercoacht? Hat er es schon zuvor verloren, indem er die Mannschaft mit falschen Rotationen und falschen Signalen aus dem Rhythmus brachte? Oder noch viel früher, bei der Kaderzusammenstellung, die vielleicht zu sehr auf Kante genäht war, beim Ziehenlassen von Xherdan Shaqiri und Pierre-Emile Hojbjerg?

Und überhaupt: Warum verliert er jetzt schon das dritte Halbfinal-Spiel gegen ein Top-Team in Folge - und das zweite davon klar und deutlich? Ist seine Strategie des konsequent Spielerischen wirklich so zwingend, wie sein Biograf Marti Perarnau im SPORT1-Interview behauptet - oder nicht auch ein bisschen unpraktisch? Fehlt ihm der Faktor Lionel Messi, um in München das zu erreichen, was er in Barcelona erreicht hat?

Fluch der guten Tat

Man merkt bei diesen Diskussionen den Fluch der super-super-guten Tat, den sich Guardiola und die Bayern durch ihre Erfolge selbst auferlegt haben.

Champions League gewinnen können beide erwiesenermaßen, da wirft alles darunter Fragen auf. Und es sind natürlich auch immer die ganz großen.

"Was bedeutet diese Niederlage für Ihren Nimbus als bester Trainer der Welt?": Fragen, wie sie Guardiola bei der PK vor dem Rückspiel gestellt bekam, hätten sich seine Vorgänger nie anhören müssen. Weil kein Reporter je auf sie gekommen wäre.

Guardiola wehrt sich

"Ich bin nicht hier, um der beste Trainer der Welt zu sein", antwortete Guardiola - und redete mit Vehemenz an gegen die Überhöhung, deren Schattenseiten er gerade wieder zu spüren bekommt.

"Ich habe mit Barcelona alle Titel gewonnen, weil ich überragende Spieler hatte", hielt er fest. Und dass er das im Übrigen schon immer so gesagt habe: Die Spieler seien der Schlüssel, er als Trainer könne nur "mein Bestes tun", um ihnen auf dem Weg zum Erfolg zu helfen.

Genau das tue er auch in München, genau das habe er im Hinspiel getan: "Für manche Leute war es genug, für andere nicht. Ist okay."

Rückendeckung von den Bayern-Bossen

Ernsthaft muss Guardiola derzeit niemanden fürchten, der seine Leistung ungenügend finden könnte. Zu offensichtlich ist für praktisch alle im Klub das hohe Niveau, auf dem Guardiola sein Team nach dem Triple-Gewinn Jupp Heynckes' 2013 stabilisiert hat. Und zu naiv der Glaube, dass eine Wiederholung dieses Erfolges unter Guardiola eine selbstverständliche Sache ist.

Die Klubführung um Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge steht unbeirrt zu ihrem Coach, aus dem Team ist ebenfalls kein Murren zu vernehmen. Und auch die meisten Meinungsführer der Anhänger-Szene sind von der Massivität der Guardiola-Kritik deutlich irritierter als von der Niederlage in Barcelona.

Der Fanblog Miasanrot etwa beklagt "eine Erwartungshaltung, die wie selbstverständlich vom Triple als Saisonziel ausgeht". Und wundert sich darüber, "wie leicht sich die sportlich Verantwortlichen die Deutungshoheit über diese Saison aus der Hand nehmen lassen".

Viele offene Fragen

Die eigentliche Guardiola-Debatte im Klub geht in eine andere Richtung: in die, wie lange der Katalane selbst sich noch auf die Münchener einlassen will.

Die Gerüchte um einen Abgang vor seinem Vertragsende 2016 hat der Coach am Montag einkassiert, für danach aber steht die Option Manchester City weiter undementiert im Raum.

Die Frage der Vertragsverlängerung ist also zu klären, ebenso die, wie viel Umbruch in einem Kader mit diversen älter werdenden Leistungsträgern nötig ist. Und wie viel sinnvoll, so lange man nicht weiß, wer diesen Kader mittelfristig führen soll.

Ein überzeugender Auftritt im Rückspiel gegen Barca würde sehr helfen, diese Fragen in Ruhe zu bearbeiten. Und die Deutungshoheit über die Geschichte dieser Saison zurückzugewinnen.

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