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Raphael Honigstein schreibt über das Duell von Jose Mourinho und Jürgen Klopp © SPORT1/Getty Images

London - Jose Mourinho hat sich womöglich mehr Feinde gemacht, als er vertragen kann. Jürgen Klopp könnte ihm nun im direkten Duell den Knockout verpassen. Mal wieder.

Von Raphael Honigstein

Die wichtigste Nachricht vorweg: José Mourinho wird am Samstag auch da sein, ganz offiziell, auf der Trainerbank.

Dem 52-Jährigen droht nach seiner letzen Verfehlung, beim 1:2 gegen West Ham am vergangenen Wochenende, ein Stadionverbot. Er hatte in der Halbzeitpause etwas zu energisch das Gespräch mit dem Schiedsrichter gesucht und war zur Strafe auf die Tribüne beordert worden.  Der Fall wird aber erst in der kommenden Woche vor der Disziplinarkommission der Football Association verhandelt.

Gegen Liverpool (Sa., ab 13.30 Uhr im LIVETICKER) muss sich Mou also nicht wie einst in der Champions League gegen Felix Magaths Medizinball-Bayern im Wäschekorb in die Kabine der Blauen schmuggeln lassen. Damals, vor gut zehn Jahren, hatte ihn die UEFA wegen unsportlichen Bemerkungen über Schiedsrichter Anders Frisk gesperrt und als "Feind des Fußballs" bezeichnet.

Mannschaft von Mourinho schockiert

Ob Mourinhos Anwesenheit in West-London zum Vorteil für den FC Chelsea gereicht, muss sich allerdings erst konkret zeigen. Obwohl der englische Meister im Ligapokal gegen Stoke City am Dienstag recht unglücklich im Elfmeterschießen unterlag, hatte man in den vergangenen Wochen eher nicht den Eindruck, dass die Mannschaft bedingungslos für den Trainer spielte.

Insider berichten von einem fröstelnden Klima in der Kabine. Das Team soll regelrecht schockiert gewesen, mit welcher Härte der Portugiese wichtige Stammspieler wie Eden Hazard oder Nemanja Matic schon früh in der Saison in den Senkel stellte.

Öffentliche sowie interne Kritik an der fast ausnahmslos schwächer als in der vorherigen Runde spielenden Truppe erwies sich bisher als komplett kontraproduktiv. Das scheint auch der Meistertrainer selbst gemerkt zu haben. Am Dienstag sprach er seine Mannschaft auffallend deutlich von aller Schuld frei. 

Mourinhos Botschaft an Abramovich

"Sie denken, dass meine Spieler nicht auf meiner Seite sind?" fragte er einen Journalisten. "Das ist traurig. Nicht für mich, sondern für die Spieler. Das zeugt von mangelndem Respekt. Für mich wäre es fantastisch, wenn die Spieler nicht auf meiner Seite wären, denn dann könnte ich die (schlechten) Resultate darauf schieben. Aber meine Spieler sind nicht so. Sie haben alles probiert. Sie sind frustriert, weil sie nicht das bekommen haben, was sie verdient hätten." Wie immer bei Mourino hatte diese Antwort natürlich auch eine zweite Ebene. Die Botschaft galt Roman Abramovich, dem Chelsea-Eigentümer, und sie lautete: "Ich kann die Spieler noch erreichen". 

Der russische Milliardär hat sich bislang als erstaunlich geduldig erwiesen. Andere Trainer wären nach fünf Saisonniederlagen in zehn Ligaspielen schon längst freigestellt worden. Chelsea möchte grundsätzlich an Mourinho festhalten, aber sein Soll an völlig unnötigen Kontroversen (diverse Schiedsrichter, Arsène Wenger, Physiotherapeutin Eva Carneiro) hat der Zampano aus Setúbal wieder längst übererfüllt.

Mourinho ignoriert die Youngster

Zudem hat er sich nicht an konkrete sportliche Vorgaben gehalten. Er sollte auf Wunsch des Vereins in der laufenden Saison verstärkt Nachwuchsspieler an die erste Mannschaft heranführen, stattdessen klagt er jedoch über fehlende Verstärkungen im Sommer und nahm den talentierten Mittelfeld-Youngster Ruben Loftus-Cheek beim 2:0 gegen Aston Villa vor zwei Wochen demonstrativ schon zur Halbzeit vom Platz. Der 19-Jährige sei halt noch nicht so weit, sagte er danach lapidar. Verstehn’ se, Roman? 

Für den vier Spielen bei den Reds noch ungeschlagenen Jürgen Klopp ist es sicher nicht der schlechteste Zeitpunkt, auf die Champions des Vorjahres zu treffen. Mourinho kann nicht taktieren, er muss gewinnen, und wenn möglich auf überzeugende Art und Weise.

Böse Erinnerungen an Jürgen Klopp

Liverpool hat da weitaus weniger Druck; ein Punkt wäre schon ein großer Erfolg, eine Niederlage zu verschmerzen. Obwohl damals in rein sportlicher Hinsicht viel mehr auf dem Spiel stand, ist die Rollenverteilung zwischen "Special One" Mourinho und “Normal One” Klopp ähnlich wie vor dem Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund 2013.

Vier Tore von Robert Lewandowski beim sensationellen 4:1-Sieg in Hinspiel leiteten damals Mourinhos Abschied aus dem Bernabéu ein; in der dritten Saison in Madrid hatte er sich mit der Presse und einigen wichtigen Spielern komplett überworfen. 

Klopp könnte am Samstag unter Umständen einen zweiten, ebenso gewaltigen Knockout-Treffer gegen den an der Stamford Bridge vergötterten Coach landen. Das macht das Match so irre spannend. Obwohl auf dem Papier nur der Tabellenfünfzehnte den Neunten empfängt. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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