Medina: Der erhoffte argentinische Krieger
Leverkusen-Coach erklärt kurioses Missverständnis
Die Bosse um Simon Rolfes und Fernando Carro haben den Kader von Bayer Leverkusen im Sommer erneut großflächig umgebaut. Einer der Neuzugänge erweist sich schon jetzt als Glücksgriff.
Viel Zeit hatte Facundo Medina am vergangenen Sonntag nicht. Ohne große Feiereien ging es nach dem Sieg von Bayer Leverkusen gegen RB Leipzig auf direktem Wege zum Flughafen und zurück nach Argentinien. Die erste Länderspielphase der neuen Saison brach an, die Albiceleste versammelte sich erstmals seit dem verlorenen WM-Finale. Selbst vor die Mikrofone trat der Neuzugang also nicht mehr. Dennoch wurde über ihn gesprochen – sogar auf der Gegenseite. Und zwar von Landsmann MartÃn Demichelis, seit wenigen Monaten Coach der Sachsen.
„Als Trainer von River Plate (bis Juli 2024; Anm. d. Red.) wollte ich Facu holen, aber er war zu teuer“, erzählte Demichelis über Medina, der damals beim RC Lens in Frankreich spielte: „Er hat eine gute Entscheidung getroffen, in Europa zu bleiben. Facu hat die WM gespielt und ist jetzt bei einem großen Verein. Als Argentinier wünsche ich ihm nur das Beste. Er bringt viel Aggressivität mit, spielt aber auch sehr gut mit dem Ball und hat viel Fußballverstand. Ein solcher Innenverteidiger gefällt mir sehr gut“. Bei Bayer dürfte man dieser Einschätzung kaum widersprechen.
Erst sechsmal stand Medina für die Werkself auf dem Platz. Aber schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass der 27-Jährige ein echter Glücksgriff und genau der Spielertyp ist, der zuletzt immer wieder gefehlt hat: kompromisslos in den Zweikämpfen, selbstbewusst im Auftreten und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Seit dem Abschied von Granit Xhaka im vergangenen Sommer konnten diese Qualitäten nie vollständig ersetzt werden. Nun geht der Versuch, dem Kader ein Stück jener Mentalität zu verleihen, die auch die argentinische Nationalmannschaft auszeichnet, zumindest fürs Erste auf.
Medina lernte von großen Persönlichkeiten wie Messi
Aus der Startelf ist Medina, der von Beginn an eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit ausstrahlte, kaum mehr wegzudenken. Der Abwehrspieler verteidigt in aller Regelmäßigkeit aggressiv, sucht die Zweikämpfe, hält engen Kontakt zu seinen Gegenspielern, scheut keine unangenehmen Duelle und verkörpert dadurch einen natürlichen Leader. Zufall ist das nicht.
Seit Jahren lebt die Albiceleste von einer auffallend großen Zahl an Führungsspielern. Von erbarmungslosen Alphatieren, die nicht nur gut Fußball spielen, sondern vor allem auch vorangehen wollen. Von Persönlichkeiten wie Lionel Messi, Lautaro MartÃnez, Cristian Romero, Nicolás Otamendi oder Emiliano MartÃnez. Von Akteuren, die in schwierigen Momenten selten einen Schritt zurück machen. Der für 20 Millionen Euro plus Boni von Olympique Marseille gekommene Medina scheint sich von dieser Kultur einiges abgeschaut zu haben.
In Argentinien gehören Selbstbehauptung und Resilienz zum Anforderungsprofil. Was in Europa und andernorts nicht selten als übertriebene Härte, Grenzgang oder bloße Arroganz interpretiert wird, gilt dort vielfach als fester Bestandteil der Mentalität. Jederzeit Präsenz zeigen. Den Gegner spüren lassen, dass es wehtun kann. Im Zweifel lieber dominant und kampfbereit auftreten als unsichtbar bleiben. Dass auch Medina diese Haltung wie viele seiner Landsmänner nach außen trägt, verwundert nicht.
Geprägt von einer Jugend im Armenviertel von Buenos Aires
Aufgewachsen ist er in Villa Fiorito, einem Armenviertel im Süden von Buenos Aires, nur wenige Straßenzüge von Diego Maradonas Geburtshaus entfernt. Der Weg in den Profifußball war alles andere als selbstverständlich. Schon als Jugendlicher half Medina als sogenannter „Cartonero“ mit, den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern, sammelte verwertbare Materialien und verkaufte sie weiter. Wer dort groß wird, lernt also früh und auf eine raue Art, sich zu behaupten.
Seine Widerstandsfähigkeit ist nun auch in Leverkusen zu sehen. Jedenfalls haben seine neuen Mitspieler diesen Eindruck längst gewonnen. „Er ist ein typisch argentinischer Spieler – sehr aggressiv, kann aber trotzdem wirklich gut mit dem Ball umgehen“, sagte Torjäger Patrik Schick zuletzt und fügte voller Anerkennung hinzu: „Er ist jemand, den du unbedingt als Spielertyp in deiner Mannschaft haben willst – ein wirklich überragender Spieler.“
Medina sendet eine Botschaft
Ibrahim Maza formulierte sein Urteil mit einem Grinsen: „Facundo spielt giftig und ist auch ein bisschen ein kleiner Treter – da kann man schon etwas Angst vor ihm bekommen.“ Betrachtet man Medinas Auftreten auf dem Platz, wird schnell deutlich, wovon Maza spricht. Gleichzeitig sorgt er mit seiner Präsenz dafür, dass Mitspieler wie Kapitän Edmond Tapsoba stabiler wirken. Und er ist selbst torgefährlich. Sowohl beim 4:0 gegen Union Berlin als auch beim 2:0 in der Europa League gegen Celje erzielte er einen Treffer.
Vor allem aber sendet Medina eine Botschaft. An die Gegner. Und an die eigene Mannschaft. Dass Fußballspiele nicht nur mit Technik und Kreativität gewonnen werden. Sondern manchmal auch mit Beharrlichkeit, Härte und der Bereitschaft, keinen Zentimeter freiwillig herzugeben. Genau diese Eigenschaften waren Bayer, einem mit Künstlern gespickten Team, in den vergangenen Monaten mitunter abhandengekommen. Dem soll der argentinische Krieger jetzt wie erhofft weiter gegensteuern.