„Fast schon kaputte Welt“: Biathlon-Star über Probleme in Norwegen
Vetle Sjastad Christiansen hat sich fest an der Weltspitze des Biathlons etabliert. Mit SPORT1 spricht er über die Dominanz seines Heimatlandes, die Zukunft des Sports und erklärt, welche mentalen Hürden er für seinen Erfolg in Kauf nimmt.
Die Norweger dominieren den Biathlon seit Jahren – zu diesem starken Team zählt auch Vetle Sjastad Christiansen. Der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister gehört seit vielen Jahren zur Weltspitze und denkt trotz seiner inzwischen 34 Jahre noch lange nicht ans Aufhören.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Christiansen darüber, was aus seiner Sicht hinter dem anhaltenden Erfolg des Landes im Spitzensport steckt und wie Norwegens Biathleten die interne Kritik an schnellen Weltcup-Ausbootungen nutzten, um eine wichtige Änderung anzustoßen. Zudem verrät er, warum die Fußball-WM in den USA womöglich „die Erfahrung seines Lebens“ war.
SPORT1: Sie haben im Sommer die Fußball-WM vor Ort miterlebt und gesagt, es sei fast so schön wie der Gewinn einer olympischen Goldmedaille. Wie war die Erfahrung und gibt es etwas, das sich der Biathlon vom Fußball abschauen kann?
Vetle Christiansen: Das war vielleicht die Erfahrung meines Lebens. Ich bin ein riesiger Fußballfan. Schon immer Liverpool-Fan, ein Fan der Norweger und auch Bundesliga-Fan. Ich war schon oft hier in Deutschland, um Fußball zu schauen. Ich war schon bei Hertha, in Dortmund, sogar in Wolfsburg. Dortmund ist mein deutscher Lieblingsverein. Wegen (Julian) Ryerson, der da spielt, (Erling) Haaland früher, und weil Jürgen Klopp damals ihr Trainer war. Aber um zur WM zu kommen – die Atmosphäre war fantastisch. Wir können im Biathlon viel von dem lernen, was sie für die Fans gemacht haben. Jeden Abend vor dem Spiel hat der norwegische Verband ein Konzert, ein Quiz oder einen Live-Podcast organisiert – für rund 5.000 bis 6.000 Menschen, die dort zusammengekommen sind. Als Fußballfan hat man sich sehr gut betreut gefühlt.
Das ist „die Zukunft des Biathlons“
SPORT1: In der Saisonvorbereitung fand das Loop One Festival statt, Biathlon im Olympiapark in München auf Skirollern. Wie wichtig ist so ein Event für den Sport?
Christiansen: Events wie „Loop One“ sind die Zukunft des Biathlons. Nicht jeder hat die Zeit, für das Wochenende wegzufahren. Nicht jeder hat das Geld. Und mal ehrlich: Gibt es in den Bergen heutzutage noch verlässlich Schnee? Es spricht vieles dafür, dass man den Sport zu den Menschen bringen muss, nicht die Menschen zum Sport. Wir konkurrieren mit so vielen anderen Sportarten und interessanten Freizeitangeboten. Es den Leuten leichter zu machen, live zuzuschauen, ist definitiv die Zukunft. Auch auf Skirollern, da es selbst in den Bergen immer weniger Schnee gibt.
SPORT1: Sie haben das Blinkfestivalen in Norwegen dominiert. Sind Sie in der Form Ihres Lebens?
Christiansen: Das hoffe ich sehr – aber es ist schwer zu sagen. Die Form ist definitiv gut. Wir haben hervorragend trainiert. Vor jeder Saison verbringen wir normalerweise viele Tage in der Höhe. Dieses Jahr waren wir etwas weniger da, um die Dinge zum Ende hin ein wenig anders anzugehen. Ich werde versuchen, etwas schneller zu schießen, da die jungen Kerle nachrücken – Eric Perrot, Tommaso Giacomel und die Deutschen, die man beim Loop One teils sehr schnell schießen sah.
SPORT1: Ist das auch ein Jahr zum Ausprobieren, weil es die Saison nach den Olympischen Spielen ist?
Christiansen: Das stimmt. Nicht, um alles komplett umzuwerfen, aber um ein paar Dinge auszuprobieren. Das hilft auch enorm für die Motivation. Wenn du planst, deine Karriere 15 Jahre lang fortzuführen, kannst du nicht jedes Jahr das Gleiche machen. Du musst an andere Orte reisen und die Abläufe ein wenig variieren. Auch wenn meine Karriere keine 15 Jahre mehr dauern wird, hoffe ich, noch ein paar Jahre dranzuhängen. Ich versuche, mich in diesem Jahr zu motivieren, indem ich das Training etwas anders gestalte.
Christiansen: „Müssen ständig über die Konsequenzen nachdenken“
SPORT1: Norwegen hat ein unglaublich starkes Team. Es reichen oft ein, zwei schlechte Wochenenden – und man wird in den IBU-Cup versetzt. Wie hart ist das mental, damit umzugehen?
Christiansen: Das ist wirklich hart für den Kopf. Einerseits ist es natürlich die Stärke des norwegischen Teams, dass wir so viele starke Athleten haben. Aber das kann uns über eine lange Saison hinweg in den Hintern beißen, besonders wenn es auf WM und Olympia zugeht. Als Norweger musst du verdammt früh in Topform sein. Wenn nicht, schnappt sich jemand anderes sofort deinen Platz im Team. Du kannst deine Höchstform nicht einfach bis zum Saisonhöhepunkt aufschieben. Wir haben in diesem Jahr viel mit den neuen Trainern darüber gesprochen. Schau dir Frankreich an, das uns in der olympischen Staffel geschlagen hat. Warum schlagen sie uns? Weil sie schneller schießen. Sie trauen sich das – und gehen das Risiko ein. Wir in Norwegen können es uns oft nicht leisten, dieses Risiko einzugehen, weil die Gefahr, aus dem Team zu fliegen, so gigantisch groß ist. Wir müssen ständig über die Konsequenzen nachdenken.
SPORT1: Wie kann man das ändern?
Christiansen: Wir haben gesagt: Okay, wir wollen in diesem Jahr etwas lockerer an die Sache herangehen, damit wir auch versuchen können, so spektakulär zu sein wie die Franzosen – besonders beim Stehendschießen. Man sieht, dass sie in 16, 17 Sekunden fünfmal abdrücken und keinerlei Zweifel haben. Sie machen es einfach. Wir werden versuchen, in diesem Winter etwas tougher zu sein.
SPORT1: Es gab in der Vergangenheit ja häufiger Frustration über die eine oder andere Personalentscheidung. Haben Sie und Ihre Teamkollegen diesbezüglich den Austausch mit den neuen Trainern gesucht?
Christiansen: Wir waren ein wenig unzufrieden darüber, dass wir nicht genau wissen, was eigentlich verlangt wird. Wir müssen vor der Saison wissen: Was ist das Wichtigste? Was sind die Schlüsselrennen? Wo sollen wir in Topform sein? Wo dürfen wir eine Trainingsphase einlegen? Wir hatten das Gefühl, dass es zu oft willkürliche Entscheidungen gab: Okay, an diesem Wochenende schauen wir auf das, am nächsten auf etwas völlig anderes. Wir wollen klarere, strukturelle Vorgaben. Wir wissen, dass man als Profi in einer unsicheren Welt lebt, in der man schlicht gut genug sein muss – aber man braucht feste Parameter, damit man weiß: Okay, wenn ich das liefere, bin ich sicher und qualifiziere mich.
Norwegen und das Erfolgsgeheimnis im Profisport
SPORT1: Wie sind Sie bisher ohne dieses Wissen damit umgegangen?
Christiansen: Wenn dir das fehlt, ist es mental hart – besonders beim Stehendschießen, wenn du um den Sieg kämpfst, aber gleichzeitig im Hinterkopf hast, was passiert, wenn du verfehlst und deinen Platz im Team verlierst. Es ist eine fast schon kaputte Welt als Norweger, weil man an so viele Dinge gleichzeitig denken muss. Und um im Biathlon erfolgreich zu sein, gilt: Das Schlimmste ist, Angst vor dem Fehlschuss zu haben. Ich glaube, genau die hatten wir manchmal. Das wollen wir in diesem Jahr besser machen: Mehr riskieren und die Konsequenzen vor den Rennen genau kennen.
SPORT1: Ein Vorteil in Norwegen scheint zu sein, dass die Athleten trotz vieler gemeinsamer Einheiten auch viele individuelle Freiheiten bei der Trainingsgestaltung haben. Wie wichtig ist das?
Christiansen: Ich denke, das ist einer der Hauptgründe, warum Norwegen nicht nur im Biathlon dominiert, sondern in vielen Sportarten führend ist: Weil es am Ende einzig und allein an dir selbst liegt. Wir haben Trainer, aber sie sagen dir nicht starr vor, was du tun musst. Es geht darum, es von innen heraus zu spüren und früh zu lernen, seinen Körper zu kennen. Ich bin etwa 90 Kilo schwer und 1,93 Meter groß. Isak (Frey, sein Teamkollege, Anm. d. Red.) hingegen ist ein sehr kleiner Typ. Er braucht vielleicht mehr Krafttraining, ich mehr Ausdauerläufe. Auch wenn wir denselben Sport ausüben, ist Biathlon recht einzigartig, weil man an der Weltspitze so viele verschiedene Körpertypen sieht. Das norwegische Modell basiert darauf, das Training an den eigenen Körper, Lebensstil und die Bedürfnisse anzupassen. Du kannst einem Athleten nicht sagen: ‚Du trainierst jetzt 20 Jahre lang genau das und das, und wenn es dir keinen Spaß macht, wirst du eben nicht der Beste.‘ Es hat also viel mit Eigenverantwortung zu tun.
SPORT1: Man hört, dass Sie und Ihre Teamkollegen sich auch recht unbequeme Wahrheiten offen sagen, zum Beispiel, wenn einer nicht so abliefert, wie er könnte. Ist das auch ein Baustein des Erfolgs?
Christiansen: Ja, ich halte es für enorm wichtig, absolut ehrlich zu sein. Es ist besser, offen miteinander zu sprechen als hinter dem Rücken. Aus Diskussionen zieht man Lehren und kann sich weiterentwickeln. Das ist eine unserer größten Stärken, und darin sind wir in diesem Jahr noch besser geworden. Wir hatten einige sehr ehrliche Meetings, in denen wir über Qualitäten und die gegenseitigen Erwartungen gesprochen haben. Man kann auch da den Fußball heranziehen: Schauen wir auf Bodö/Glimt. Genau deshalb sind sie so gut – wegen der Kultur in der Gruppe. Man kann im Grunde jedem alles sagen. Auch hier versuchen wir also, ein wenig vom Fußball zu lernen.
Bö? „Ich vermisse ihn mehr, als dass ich ihn nicht vermisse“
SPORT1: Johannes Thingnes Bö war über viele Jahre sehr dominant, und der Fokus lag fast ausschließlich auf ihm. Ist es schön, nicht mehr in seinem Schatten zu stehen – auch wenn Sie und Ihre Kollegen ihn als Typen sicher vermissen?
Christiansen: Ganz ehrlich, ich vermisse ihn mehr, als dass ich ihn nicht vermisse. Ich hätte ihn lieber hier im Team und würde in jedem Rennen von ihm zerstört werden, als dass er nicht hier wäre. Aber für meine eigenen Resultate ist es natürlich besser, wenn er nicht da ist (grinst). Ich finde aber nicht, dass wir jemals das Gefühl hatten, in seinem Schatten zu stehen. Wir mögen einander, und es ist uns egal, wer von uns besser ist. Wenn einer mehr Aufmerksamkeit bekommt, jubeln wir für ihn. Wir sind ein großes Team und freuen uns riesig über den Erfolg des anderen.
SPORT1: Sie gehören zu den Athleten, die immer offen ihre Meinung sagen. Braucht der Biathlonsport ein bisschen mehr Typen wie Sie oder Émilien Jacquelin (der in dieser Saison ja pausiert), um für mehr Entertainment zu sorgen?
Christiansen: Ja, ich finde das positiv: Immer die Wahrheit zu sagen, selbst wenn es für jemanden schmerzhaft ist. Aber im Biathlon ist das schwierig, weil es ein sehr mentaler Sport ist. Viele haben Angst davor, offen auszusprechen, was sie wollen oder was ihre konkreten Ziele sind. Für den Erfolg des Biathlons gilt aber: In dieser modernen Welt geht es nicht nur darum, was wir in der Loipe und am Schießstand abliefern, sondern auch um die gesamte Unterhaltung drumherum. Mit mehr offenen Meinungen wäre es sicher noch unterhaltsamer zuzuschauen, und man könnte mehr Geschichten hinter den Kulissen erzählen.
SPORT1: Im Frühjahr gab es Rücktrittsgerüchte, die Sie dementiert haben. Was treibt Sie noch an?
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Christiansen: Mich treibt vor allem die Weiterentwicklung meiner Fähigkeiten an. Ich spüre tief in mir drin: Okay, ich kann diesen Biathlonsport noch besser machen. Ich habe Dinge, die ich verbessern kann – vor allem die Schießgeschwindigkeit und auch das Einteilen des Rennens auf der Strecke. Ich bin überzeugt, dass ich meine Geschwindigkeit über ein 20-Kilometer-Rennen noch konstanter halten kann, was automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Was die Resultate angeht, habe ich schon viel Großartiges erreicht – ich bin glücklich damit, aber es gibt eben spezifische Dinge, die ich im Sport noch optimieren kann. Und das ist für einen Athleten in meinem Alter das Wichtigste, um motiviert zu bleiben.