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Jürgen Hunke (l.) war von November 1990 bis Oktober 1993 Präsident des HSV
Jürgen Hunke (l.) war von November 1990 bis Oktober 1993 Präsident des HSV © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago
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München - Fünf Spiele ohne Sieg! Der Hamburger SV befindet sich wieder tief in der Krise. Bei SPORT1 legt der frühere Klub-Boss Jürgen Hunke den Finger in die Wunde.

Beim Blick auf die Tabelle bleibt so manchem Hamburger das Fischbrötchen im Hals stecken. Jedenfalls denjenigen, die es mit dem HSV halten.

Die Rothosen spielen im dritten Jahr in der 2. Liga, und wie schon in den beiden Spielzeiten zuvor stecken die Hanseaten im Winter in der Krise - aktuell nach fünf sieglosen Spielen und dem Absturz auf Platz vier. (Tabelle der 2. Bundesliga)

Aber auch hinter den Kulissen rumort es gewaltig. Ex-Präsident Jürgen Hunke findet im SPORT1-Interview deutliche Worte.
 
SPORT1: Herr Hunke, was sagen Sie zur aktuellen Herbst-Krise beim HSV?
 
Jürgen Hunke: Als Anhänger mit der Liebe zum Verein bin ich natürlich traurig. Andererseits habe ich das die vergangenen Jahre leider kommen sehen, dass im Verein die Begeisterung und die Leidenschaft fehlt. 

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Hunke: Mir fehlen Offenheit und Ehrlichkeit

SPORT1: Wie sehr ähnelt das Bild den vergangenen Jahren?
 
Hunke: Ich sehe die die gesamte Saison und weiß gar nicht, ob das nur im Winter so ist. Die Pläne des HSV laufen darauf hinaus, dass er unbedingt aufsteigen will oder muss. Der Verein hat momentan noch kein Ergebnisproblem, er steht an vierter Stelle. Aber das ist gerade auch nicht entscheidend. Entscheidend ist die wirtschaftliche Problematik und wie sich der Verein als Ganzes darstellt. Da habe ich meine Bedenken. Es fehlen mir die Offenheit und Ehrlichkeit. In so einer schönen und gleichzeitig komplizierten Stadt wie Hamburg, in der sehr viele Kaufleute zu Hause sind, wollen die Menschen die Wahrheit und echte Zahlen haben.

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SPORT1: Und wenn das nicht passiert?
 
Hunke: So lange das nicht passiert, wird es auch wenig Unterstützung geben. Ich merke, wie sich immer mehr Menschen vom HSV zurückziehen. Auch Freunde und Bekannte von mir wollen gar nichts mehr mit dem Verein zu tun haben. Der HSV ist nur noch eine traurige Geschichte. Dies gleicht den Problemen, die der Fußball insgesamt gerade hat. Man muss aufpassen, dass dies nicht in einer Spirale nach unten führt. Dass man nachher sportlich keinen Erfolg hat, aber gleichzeitig die wirtschaftlichen Probleme dann noch viel größer sind. Wenn das passiert, wird es ganz schwer, aus dieser Spirale herauszukommen.

"Das wäre das Dümmste, was man machen könnte"

SPORT1: Warum schenkt der Verein denjenigen, die helfen wollen, nicht reinen Wein ein?
 
Hunke: Ich habe in den zurückliegenden Jahren immer wieder darauf hingewiesen und bin dafür immer wieder kritisiert worden, weil man die wahren Gründe und ehrlichen Argumente gar nicht hören will. Es bringt auch wenig, dies immer zu wiederholen. Man kann es am besten daran erkennen, wie zuletzt von einigen Verantwortlichen des HSV die Idee kam, weitere Anteile zu verkaufen. Ich werde bei der nächsten Versammlung deutlich machen, dass man Anteile eines so großen Vereins, der in früheren Jahren noch weltweit eine Rolle spielte, nicht einfach verkaufen darf, nur um aktuell Liquidität zu erlangen.

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SPORT1: Wie sollte man da rangehen?
 
Hunke: Das muss kaufmännisch verantwortungsvoll und hanseatisch gelöst werden. Man darf doch keinen Beschluss herbeiführen, wenn man überhaupt nicht weiß, wen man haben will, gerade im Fußball. Wer soll Eigentümer werden? Wie viel Geld bekomme ich und wie sieht das Konzept aus? Das sind ganz grundsätzliche Dinge, die man vorher löst. Mit diesen Vorschlägen geht man dann in eine Versammlung. Nicht, dass man - wie erfolgt - die Prämisse ausgibt, man braucht Geld, damit Gehälter bezahlt werden können und am Ende ist es egal, wer das kauft. Das können dann nur drei, vier Leute entscheiden. Das wäre wohl das Dümmste, was man machen könnte.

Verkauf des Stadion-Grundstücks "bringt keinen Mehrwert"

SPORT1: Es gibt den Vorwurf, dass eigene Gehälter gesichert werden sollen. 
 
Hunke: Es scheint so. Um dies erfolgreich und nachhaltig zu tun, muss man dies vorher publik machen. Man muss sein Konzept erklären und vorhersagen, zu welchem Preis man diese Anteile verkaufen will. Sich durch eine emotionale Situation so einfach eine Mehrheit zu besorgen, dazu ist diese Entscheidung zu wichtig. Solche Dinge müssen sachlich diskutiert werden. Die Stadt hat auch gerade das Grundstück gekauft und der HSV besitzt das Erbbaurecht (Der HSV verkaufte das Stadion-Grundstück - nicht das Stadion - in Bahrenfeld für 23,5 Millionen Euro an die Stadt Hamburg. Damit werden die Modernisierungen für die EM 2024 finanziert. Der HSV besitzt ein Erbbaurecht über die 75.961 Quadratmeter, Anm. d. Red.). Auch das ist eine Sache, die dem HSV keinen Mehrwert bringt.
 
SPORT1: Die Bilanz des HSV soll auch gewaltig hinken...
 
Hunke: Das stimmt. Ich habe gehört, dass das Eigenkapital des Vereins, das sich in der Bilanz wiederfindet, zum großen Teil aus der Bewertung des Markenzeichens des Vereinswappens beruht. Dieses Wappen ist aber in der 2. Liga diese Summe gar nicht wert. Alle, die gerade Verantwortung tragen, sind von außen in den Klub gekommen. Alle anderen haben sich mehr oder weniger zurückgezogen, weil es eine schwierige Situation ist. Und weil sie über die Jahre den Abstieg und das ganze Durcheinander vorhergesehen haben. Wer hat schon Lust, sich ehrenamtlich zu engagieren, wenn man am Schluss weiß, dass man persönlich dadurch Probleme bekommt? Ich bin da ein ganz gutes Beispiel. Da ich das nach wie vor aus Liebe zum HSV mache und auch aus Liebe zum Fußball, wird man mich da auch nicht klein kriegen. Ich werde immer meine Meinung sagen.

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SPORT1: Was schadet dem HSV wirklich?
 
Hunke: Ich sehe zwei Gefahren. Die Sportliche, da kann man sich immer wieder neu erfinden. Viel schlimmer ist aber, dass die Schere wie bei den armen und reichen Klubs immer weiter auseinander geht. Die Vereine einzuholen, die in der Mitte oder oben sind, ist die Schwierigkeit, weil die finanziellen Voraussetzungen gar nicht gegeben sind. Finanzielle Voraussetzung heißt auch, organisatorisch dazu in der Lage zu sein. Deshalb war der Verkauf des Grundstücks an die Stadt meines Erachtens ein großer Fehler, weil ein möglicher notwendiger Investor, den der Verein braucht, das ganze Paket will. Dieser will auch über alles mitentscheiden.

Hunke: Kühne ist mit seinem Engagement gescheitert

SPORT1: Klaus-Michael Kühne hält sich schon länger zurück...
 
Hunke: Weil er merkt, dass er mit seinem Engagement gescheitert ist. Ich habe immer gefordert, dass er liefern muss. Er hat es nicht getan. Kühne ist am Ende, der HSV noch nicht ganz. Ich finde es wäre jetzt Zeit, dass er sich zurückzieht und den Schaden wieder gutmacht, den er mit der Ausgliederung der Profi-Abteilung verursacht hat. Die Ausgliederung wurde nur für die Leute umgesetzt, die davon profitieren wollten. Immer mehr Menschen wollen in den Fußball, weil sie sich da ein Stück vom Kuchen abschneiden wollen, um leicht Geld zu verdienen.
 
SPORT1: Könnte das ein Motiv sein?
 
Hunke: Wenn das Motiv war, dass irgendwelche Funktionäre schnell ans Geld kommen wollen und deswegen Anteile verkaufen oder ausgliedern wollen, dann ist das falsch. Eine Ausgliederung kann nur Erfolg bringen, wenn man ein tolles Konzept hat und da mit Wahrheit und Klarheit ran geht. Mit Schnellschüssen, wie das jetzt auch wieder in Hamburg geplant ist, wird das vielleicht ein Frühtod.

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SPORT1: Was sind die Hauptvorwürfe an die Verantwortlichen?
 
Hunke: Es bringt nichts, einzelne Personen zu denunzieren. Das habe ich selbst alles erlebt. Fußball ist Leidenschaft und Begeisterung und daran fehlt es. Man nimmt die Menschen nicht mit. Natürlich ist durch Corona alles doppelt schwer. Genau in diesen Zeiten zeigt es sich aber, wie eng so ein Verein zusammenhält. 

"Kühne könnte die Schulden zumindest ausgleichen"

SPORT1: Kann der HSV nicht froh sein, dass momentan keine Zuschauer in den Stadien erlaubt sind?
 
Hunke: Ja, aber das ist ja kein HSV-Problem. Wir müssen alle überlegen, dass Fußball das bleiben muss, was er immer war: Nämlich ein wunderbares Vergnügen, Kameradschaft, auch eine Art Tradition, die weiterlebt. Wir dürfen das nicht wenigen Leuten überlassen, die nichts anderes im Kopf haben, als sich selbst Vorteile zu erhoffen. Ich habe Herrn Kühne das alles in einem persönlichen Gespräch gesagt, dass es genauso kommen wird. Und wenn er ehrlich ist, wird er das auch bestätigen. Nur mit Geld geht es nicht. Ebenso wenig wie sich aus der Schweiz nur ins Geschäft einzumischen und Ratschläge zu geben, wie eine Mannschaft aufzustellen ist und wer spielen darf. Das war schon der Tod des HSV. Ich hätte so etwas überhaupt nicht zugelassen. Auch ein Milliardär muss mal seinen Fehler einsehen. Kühne ist dazu auch in der Lage, er könnte die Schulden, die in seiner Zeit angehäuft wurden, zumindest ausgleichen. Sonst gibt es den HSV irgendwann gar nicht mehr.

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SPORT1: Ruht sich der HSV zu sehr auf der Tradition aus?
 
Hunke: Nein. Tradition ist ein ganz wichtiger Teil. Das war in meiner Generation viel ausgeprägter und etwas ganz Besonderes. Wenn Fußball ein gesellschaftliches Spiel ist, in dem sich viele Menschen über Generationen wiederfinden, dann muss man diesen Aspekt auch akzeptieren. Es gibt heute viele Fans der Vereine, weil der Vater schon Fan war. Tradition verpflichtet, traditionelle Haltung und traditionelle Werte zu vermitteln.
 
SPORT1: Was passiert, wenn der HSV 2021 nicht aufsteigt?
 
Hunke: Der Verein wird immer überleben und es wird immer zu Situationen kommen, dass sich Menschen finden, die zusammenstehen und den Verein mit Offenheit und Klarheit dorthin zurückführen, wo er hingehört. Es gab Zeiten beim HSV, als ich in Brasilien oder Argentinien als Präsident des Klubs wie ein Staatsgast empfangen wurde. In den Zeiten, als man mit den Bayern auf gleicher Höhe war. Da wird mir der Absturz in den vergangenen Jahren erst richtig bewusst. (Spielplan und Ergebnisse der 2. Bundesliga

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SPORT1: Wie beurteilen Sie Trainer Daniel Thioune nach einem halben Jahr?

Hunke: "Thioune hat dieselbe Krankheit wie Hecking"

Hunke: Er ist ein sehr sympathischer Kerl ohne Vorurteile, wie man sich einen Trainer wünscht. Er lebt Fußball. Er hat aber die gleiche Krankheit, die Dieter Hecking hatte. Sie reden viel zu viel über andere Dinge. Ich will von einem Trainer nicht wissen, wie die politische Situation in Hamburg ist. Ich möchte, dass er sich ausschließlich auf Fußball konzentriert und nur darüber redet. Und am besten, dass er mehr einhält, als er ausspricht. Dann kann man sich hinterher auch mehr darüber freuen.
 
SPORT1: Möchten Sie zukünftig nicht wieder eine entscheidende Position im Verein einnehmen?
 
Hunke: Nein, jetzt sind Jüngere dran. Im alten Rom hat es auch Ratgeber mit langer Erfahrung und einem guten Bauchgefühl gegeben. So sehe ich mich. Wir müssen uns verändern, müssen offener werden. Transparenz ist das wichtigste Gut, das ich in meinen Positionen erlernt habe.  Mit Geheimnissen lockt man keinen hinterm Ofen hervor.
 
SPORT1: Sie klingen wenig hoffnungsvoll...
 
Hunke: Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wird man reagieren. In der Demokratie ist das so. Da sind Leute gewählt worden, die entscheiden. Und in einer Demokratie entscheiden nicht nur die Leute, die von einer Sache etwas verstehen, sondern es haben auch genau die eine Stimme, die gar nichts davon verstehen. Das ist eben das Schwierige, genauso wie in der Politik. Da muss man den richtigen Konsens finden und die richtigen Antworten dazu. 

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