Darum ging Trapp zurück nach Frankfurt
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München - Die Entwicklung bei deutschen Torhütern weist gerade eine kleine Delle auf. Bei SPORT1 sprechen eine Torwartlegende und der Torwartkoordinator des DFB.

Deutschland hat einen Ruf zu verlieren. Doch das Bild der Torwartnation bekommt derzeit erste Kratzer.

Von 2013 bis 2017 war Manuel Neuer zum Welttorhüter gekürt worden. Und auch Marc-Andre ter Stegen hat sich mit seinen starken Leistungen für den FC Barcelona international ein gutes Standing erarbeitet. Doch dahinter klafft inzwischen eine Lücke.

Nicht von ungefähr nominierte Bundestrainer Joachim Löw für die Länderspiele gegen Frankreich und Peru nur diese beiden Schlussleute.

WM-Fahrer Kevin Trapp war bei Paris Saint-Germain zuletzt nur noch die Nummer drei und wechselte am letzten Tag der Transferperiode zurück zu Eintracht Frankfurt.

Bernd Leno zog es zwar in der Sommerpause von Bayer Leverkusen zum FC Arsenal. Dort sitzt er hinter Routinier Petr Cech aber nur auf der Bank.

Und mit Loris Karius hat ein weiterer Nationalmannschaftsaspirant albtraumhafte Monate hinter sich. Der 25-Jährige sah beim FC Liverpool nach seinen spielentscheidenden Aussetzern im Champions-League-Finale gegen Real Madrid keine Chance mehr und ließ sich zu Besiktas Istanbul ausleihen. Dort gab er am Wochenende beim späten Gegentor zum 1:1 gegen Bursa auch keine glückliche Figur ab.

Der Blick auf die Bundesliga verrät, dass dort inklusive Trapp nun immerhin elf Klubs wieder eine deutsche Nummer eins besitzen. Doch wirkliche Ausnahmeklasse, die die Stürmer das Fürchten lehrt, ist dabei selten zu finden. Und außer dem Mainzer Florian Müller drängt sich kaum ein Nachwuchstorwart für einen Platz im Tor eines Bundesligisten auf.

Ein Zustand, der Bundestorwarttrainer Andreas Köpke Sorgen bereitet. "Man muss ehrlich sein: Da gibt es bei uns im Moment eine kleine Delle", sagte er jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Darum ging Trapp zurück nach Frankfurt

Ziegler: "Müssen Spitzenleute entwickeln"

DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler Marc Ziegler pflichtet Köpke bei. "Andreas hat absolut Recht, dass wir dringend Spitzenleute entwickeln müssen. Das ist unser aller Ziel“, sagt der langjährige Bundesligatorwart zu SPORT1.

"In der Breite sind wir weiterhin sehr gut aufgestellt. Aber die letzten zehn bis 15 Prozent Leistungssteigerung sind der wichtigste und schwierigste Schritt, um Weltklasse zu werden. Und die wollen wir herausholen."

Unter den jungen Torhütern sorgen derzeit eher Namen wie Kepa (FC Chelsea), Jordan Pickford (FC Everton) oder Gianluigi Donnarumma (AC Mailand) für Aufsehen. 

Die teuersten Keeper der Welt kommen inzwischen aus Spanien, England und Brasilien. Beim DFB wird nun auch analysiert, was diese Länder im Vergleich zu Deutschland anders bzw. besser gemacht haben

"Wir schauen, was in anderen Nationen passiert und wie sie ihre Torwart-Ausbildung gestalten", erklärt Ziegler. "Zuletzt haben wir uns in Europa und bei internationalen Endrunden-Turnieren umgeschaut, wie etwa der U20-WM, der U17-EM oder der WM in Russland, bei der wir eine umfassende Analyse des Torwartspiels erstellt haben. Letztlich möchten wir aber auch mit unseren eigenen Ideen arbeiten."

"Wir basteln am nächsten Manuel Neuer"

Diesbezüglich hat er klare Vorstellungen: "Wir basteln am nächsten Manuel Neuer, orientieren uns an ihm und daran, wie er das Torwartspiel interpretiert. Die Torhüter sollen mitspielen, beidfüßig sein, nur ganz selten lange Bälle schlagen, mutig nach vorne spielen. Der Torwart ist der erste Angreifer. Dass er in den Basistechniken exzellent sein muss, versteht sich von selbst."

Das Kerngeschäft bleibe, "die Bälle sicher zu halten, aber die Anforderungen darüber hinaus sind beachtlich gewachsen“. Der Austausch mit den Nachwuchsleistungszentren ist Ziegler dabei "sehr wichtig, schließlich werden die Juniorentorhüter dort nahezu täglich trainiert."

Gemeinsam müsse man "die richtigen Schwerpunkte setzen. Auch unsere Analyse des Torhüterspiels bei der Weltmeisterschaft teilen wir mit den Torwarttrainern in Deutschland, um die richtigen Inhalte für unsere Ausbildung abzuleiten."

Ehrmann: Spielerisches Element nicht vernachlässigt

Torwartlegende Gerald "Gerry" Ehrmann, der seit 1996 die Keeper beim 1. FC Kaiserslautern ausbildet, war früher regelmäßig in seiner Freizeit im Fitnessstudio und legte Extra-Schichten ein. Dass in der Vergangenheit zu sehr auf Kraft trainiert und das Spielerische vernachlässigt wurde, glaubt Tarzan, wie Ehrmann wegen seiner Vorliebe für Bodybuilding einst genannt wurde, nicht.

"Es kann sein, dass im Torwartspiel zuletzt sogar etwas zu viel auf das Spielerische Wert gelegt wurde", sagt Ehrmann zu SPORT1. "Heute sind alle so gut ausgebildet, dass es fußballerisch ganz sicher reicht. Es wurde nicht zu sehr auf Kraft gesetzt.“ 

In Kaiserslautern hat Ehrmann schon die späteren Nationaltorhüter Roman Weidenfeller, Tim Wiese und Trapp ausgebildet und immer Wert darauf gelegt, dass sich seine Torhüter "eine gewisse Art angewöhnen, um sich auch woanders durchzusetzen."

Er erklärt auch, warum ihm das so wichtig ist. "Wenn du in international großen Vereinen spielst, musst du eine gewisse Persönlichkeit mitbringen und dich wehren können. Das versuche ich meinen Jungs früh genug beizubringen, wenn ich mit ihnen in der B- und C-Jugend trainiere."

Trapp hadert mit verpatztem Debüt

"Kein Laptop-Trainer"

Persönlichkeit, Psyche und Siegermentalität seien "Grundvoraussetzungen, die du dir aneignen musst. Abgezockt und nicht naiv sein, gewinnen zu wollen - das ist wichtig." Er sei "kein Laptop-Trainer", betont Ehrmann, "bei mir geht es viel über meine Erfahrungswerte, das reine Gefühl und über das Auge, was ich sehe."

Um jemandem etwas beizubringen, müsse man "selber auch einiges erlebt haben. Du brauchst auch eine gewisse Glaubwürdigkeit, wenn es bei den Jungs mal nicht so läuft. Talent, Eigenantrieb, ein gewisser Lebenswandel, Selbstkritik sind wichtig und die Identifikation mit dem, was man macht."

Den Teufel eines anstehenden Mangels Toptorhütern will Ehrmann noch nicht an die Wand malen. "Die Jungs, die da sind, brauchen das Vertrauen. Ich mache mir keine großen Sorgen. Das ist eine Delle bei den jungen Torhütern, mehr nicht." Die ersten Kratzer am Bild der Torwartnation sollen nach Möglichkeit die einzigen bleiben.

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