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München und Sindelfingen - DFB-Nachwuchs-Boss Meikel Schönweitz und Schalkes Talentschmied Norbert Elgert sehen die deutsche Entwicklung mit Bedenken. Bei SPORT1 nennen sie Ideen für Veränderung.

Es war 2009, als sich der deutsche Nachwuchs in den fußballerischen Olymp katapultiert hatte: Als erster Verband überhaupt war der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Besitz aller drei EM-Titel bei den Junioren.

2008 wurde die U19 Europameister, 2009 folgten die U17 und die U21 - 16 titellose Jahre gehörten der Vergangenheit an. Mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil bildeten fünf Jahre später obendrein gleich sechs U21-Europameister das Gerüst für den WM-Triumph in Brasilien.

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Seinen Ursprung hatte der Siegeszug im Jahr 2000. Deutschland hatte gerade eine katastrophale Europameisterschaft abgeliefert und befand sich sportlich am Tiefpunkt. Der Anschluss an die internationale Spitze war verloren.

Ein Neubeginn führte zurück in die Weltspitze: Eine Task Force aus Vertretern von DFB und der Bundesliga-Klubs erarbeitete ein Nachwuchskonzept, ein Talentförderprogramm wurde ins Leben gerufen, die Profivereine richteten Nachwuchsleistungszentren ein.

Seit 2009 nur noch zwei EM-Titel

Die Anstrengungen trugen Früchte, gipfelten im Weltmeister-Titel 2014. Inzwischen aber durchlebt der deutsche Fußball eine neue Krise. Das DFB-Team scheiterte im Vorjahr krachend bei der Mission WM-Titelverteidigung, bei den Junioren sprangen nur noch zwei weitere EM-Titel heraus (U19 in 2014 - U21 in 2017).

Kein Wunder, dass Meikel Schönweitz Bedenken am gegenwärtigen Weg anmeldet. Es gebe "einige Baustellen, die wir aufarbeiten müssen", sagt der 38-Jährige bei SPORT1. Schönweitz weiß, wovon er spricht, ist seit 1. Januar übergeordneter Cheftrainer aller U-Nationalmannschaften - und mit seiner Sorge nicht allein.

Auch Norbert Elgert mahnt Fehlentwicklungen an. Der Nachwuchs-Guru des FC Schalke 04 sieht Talente zu sehr reglementiert, die Arbeit der Trainer zu wenig wertgeschätzt. Bei SPORT1 verraten beide, woran es dem deutschen Nachwuchs noch mangelt - und wie sich Abhilfe schaffen ließe.

- Individuelle Qualität:

Wenngleich Schönweitz ("Nicht so schlimm, wie viele denken") und Elgert ("Wir Deutschen neigen zur Übertreibung") die Krise nicht überdramatisieren wollen - es gelte, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die eigenen Qualitäten stärken bedeutet dabei vor allem mehr Ballsicherheit.

"Wir müssen mehr Wert darauf legen, den Ball zu beherrschen. Wenn ich mit dem Ball kämpfen muss, kann ich nicht mit dem Gegner kämpfen", erklärt Elgert. "Wir müssen Dribblings zulassen, brauchen Spieler, die ins Eins-gegen-Eins gehen, um Überzahl zu schaffen. Wenn sich mal einer verdribbelt, dann wird von Eltern und Trainern gleich reingeschrien: Spiel ab, Du Fummelkopp!"

Auch Schönweitz möchte "wieder eine andere Art von Fußballer großziehen. Bei uns fangen wir in der F-Jugend mit einem Sieben-gegen-Sieben an - 14 Leute rennen dem Ball hinterher, und einer hat ihn." In England und Belgien sei in diesem Alter Zwei-gegen-Zwei oder Drei-gegen-Drei angesagt - was heißt, "dass ich als Einzelner viel mehr Ballkontakte habe", sagt der DFB-Lenker. Elgerts Credo lautet deshalb: "Wir müssen Kreativität zulassen und Entscheidungsfreude fördern."

- System und Taktik:

Ex-Profi Mehmet Scholl war vor einem Jahr über die Trainerausbildung des DFB hergezogen, hatte dabei vor allem die sogenannten Systemtrainer kritisiert: "Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen."

Elgert bestätigt das: "Für einen jungen Spieler ist es vollkommen unwichtig, ob man verschiebt oder Viererkette spielt." Gerade in der Offensive sei "vieles zu sehr am Gegner und an einem Matchplan ausgerichtet". Wo dann auch die Rolle des Trainers ins Spiel kommt.

- Trainerausbildung:

"Wir müssen aufpassen, den Trainern durch zu viel Vereinheitlichung und Verschriftlichung nicht ihre Kreativität nehmen", warnt Schalkes Talenteschmied. Dazu kommt oftmals Ungeduld.

"Heutzutage wollen alle etwas sein, aber niemand will mehr etwas werden. Du brauchst Zeit und Vorlaufzeit, um dich zu entwickeln", sagt Elgert. "Das hat auch mit finanzieller Entlohnung zu tun. Die Wertschätzung gegenüber Jugendtrainern ist hierzulande nicht so ausgeprägt, wie sie sein müsste." 

- Durchlässigkeit in den Profibereich: 

Bemerkenswert: Nicht mal jeder Fünfte eines A-Junioren-Jahrgangs eines Bundesliga-Klubs schafft es zu den Profis. Das liegt auch an vielen ausländischen Spielern, die schon in der U17-Bundesliga spielen. Ein Geschäftsmodell, das man den Vereinen nicht verübeln kann: Für wenig Geld wird in ausländische Spieler investiert, um sie dann für viel Geld wieder zu transferieren. 

"In der Bundesliga sind natürlich auch nicht unbegrenzt Plätze frei", erläutert Schönweitz. "Die Aktiven sagen zu nachrückenden Jugendspielern nicht: 'Bitte komm rein, ich mach dir Platz.' Die Jungs müssen sich ihren Platz hart erarbeiten - und dafür wieder ein bisschen mehr tun."

- Fleiß und Willensstärke: 

Erfolg sei am Ende auch Kopfsache, gekoppelt mit der Bereitschaft, sich dafür zu quälen. "Es fehlt an mentaler Stärke, das ist vielleicht auch ein gesellschaftliches Problem", meint Elgert. Dem Nachwuchs werde es "viel zu leicht gemacht, Spieler müssen auch ein Talent und eine Herangehensweise entwickeln, Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden".

Mentale Stärke "wird dann sichtbar, wenn es darauf ankommt. Das kann man trainieren."

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