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Ansgar Brinkmann, Interview, Karriere, Geburtstag
Ansgar Brinkmann, Interview, Karriere, Geburtstag © Getty Images
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Köln und München - Ansgar Brinkmann feiert seinen 50. Geburtstag. Im SPORT1-Interview spricht der "weiße Brasilianer" über seine nicht ganz normale Karriere.

"Der weiße Brasilianer", "Publikumsliebling", "Enfant Terrible", "Kultkicker"- so lässt sich Ansgar Brinkmann am besten beschreiben. 

Und eins steht fest: Er lässt sich in kein Korsett zwängen, war als Fußballer Genie und Wahnsinn in einer Person. 18 Vereine und 39 Trainer prägten seine 20-jährige Karriere. Brinkmann wird an diesem Freitag 50.

Zu seinem runden Geburtstag am 5. Juli hat der frühere Mittelfeldspieler nach "Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich" nun sein neues Buch "Die Straße holt sich den Fußball zurück" (geschrieben von Peter Schultz) veröffentlicht.

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Im SPORT1-Interview spricht Brinkmann über sein buntes Leben und seine wilde Karriere.

SPORT1: Herr Brinkmann, herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag. Was macht das mit Ihnen?

Ansgar Brinkmann: Ich bin nicht anders aufgewacht als mit 49 (lacht). Ich habe keine Angst vor der 50, aber eine fünf davor ist schon ein kleines Brett. 20 war egal, 30 auch, 40 sowieso, aber ich komme immer zu dem Schluss, dass der liebe Gott es bisher sehr gut mit mir gemeint hat. Meine Mama ist 84 und noch gesund, meine Freunde sind gesund, ich bin es auch und darf mir weiter diese grandiose Welt anschauen. Und ich wünsche mir, dass es noch eine Weile so weitergeht.

SPORT1: Wie blicken Sie auf ihre wilde Karriere zurück?

Brinkmann: (lacht). Es gibt einige, die sagen, ich hatte gar keine. In den vergangenen 20 Jahren hatte ich 39 Trainer und 18 Vereine. Ich kann also sagen, dass in meiner Karriere unglaublich viel Tempo drin war. Aber ich möchte keine Sekunde davon missen.

SPORT1: Gibt es eine Anekdote, die noch keiner kennt? 

Brinkmann: Als ich bei Eintracht Frankfurt spielte, lernte ich eine Diplomaten-Tochter kennen. Ihr Name war Jules. Es war eine gute Freundschaft. Einmal sind wir vor einem Auswärtsspiel beim HSV noch um die Häuser gezogen. Ich erinnere mich, dass ich sie am ersten Abend abgeholt habe und ihr Frankfurt zeigen wollte. Und wir wurden nachts auf einer Brücke angehalten, weil sie sich nicht abgemeldet hatte. Diplomaten-Töchter müssen sich wohl abmelden, sonst werden sie gesucht. Das wusste ich nicht. Ich wurde auf jeden Fall auf dieser Brücke gestellt. Ich kam dann nachts heim aus Hamburg und es brannte Licht in meiner Wohnung. Jules war bei mir eingebrochen. Ich sagte zu ihr: "Du hättest auch einen Schlüssel haben können." Und dachte nur: "Ansgar, nicht nur du bist verrückt."

SPORT1-Interview mit Ansgar Brinkmann, Reinhard Franke
SPORT1-Interview mit Ansgar Brinkmann, Reinhard Franke © SPORT1

SPORT1: Sie wurden "Der weiße Brasilianer" genannt. Hat Sie das eigentlich jemals genervt?

Brinkmann: Genervt nicht. Rolf Schafstall (ehemaliger Trainer von Brinkmann beim VfL Osnabrück, 2018 gestorben, d. Red.) sagte einmal: "Der Ansgar spielt nicht deutsch, er spielt wie ein Brasilianer." Die Medien haben das dann aufgegriffen und weiter getragen. Der Name hat mich nicht groß beschäftigt, aber er ist natürlich etwas Positives und ein Teil von mir.

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SPORT1: Was war der größte Fehler in ihrer Karriere?

Brinkmann: Alles hat seine Zeit, alles sollte so sein, egal wo ich war. Wenn ich natürlich von Anfang an diplomatischer gewesen wäre, dann hätte ich die Bundesliga wahrscheinlich nicht nur gestreift. Ich habe lediglich zwei Jahre Bundesliga-Erfahrung auf dem Buckel - insgesamt 380 Zweitligaspiele und nur 70 Partien in der 1. Liga. Aber ich war schon immer ein Freigeist. Das ist in mir drin. Wie Ex-Bayern-Profi Bixente Lizarazu mal richtig gesagt hat: "Niemand ist Chef von mir." Das ist natürlich schwierig im Fußball. Ich hatte immer schon Probleme mit Hierarchien. Das war nie mein Ding. Ich war einfach immer rebellisch unterwegs. 

SPORT1: Sie haben aber nie damit kokettiert, wollten nie so sein wie Mario Basler oder Stefan Effenberg?

Brinkmann: Nein. Ich glaube auch, dass ich komplett anders bin als die beiden. Ich habe natürlich vor den beiden im sportlichen Sinn absolut Respekt. Aber jeder ist individuell unterwegs.

SPORT1: Es gibt eine Anekdote über ihren Anrufbeantworter. Auf dem sagen Sie: "Ich bin bis fünf Uhr in meiner Stammkneipe zu erreichen." Sowas hört man heute nicht von Profis. Fehlen echte Typen wie Sie? 

Brinkmann: Ich glaube, dass es heute auch noch Typen gibt. Das ging schon zu meiner Zeit nicht und dieser Spruch verfolgt mich bis heute. Meine Freunde, ehemaligen Mitspieler und frühere Trainer, die mich kennen, sie alle wissen, dass ich im Verein zu den Spielern gehört habe, die am wenigsten getrunken haben. Ich habe ein, zweimal im Jahr gefeiert, meist schon kurz vor der Tagesschau. Dann hat es auch jeder gleich mitbekommen. Wenn man natürlich mit einem Taxi vor dem Polizeiwagen flüchtet, dann greifen die Medien das liebend gerne auf und es kriegt jeder mit. Das hat sich auch nach dem Fußball nicht geändert. Solche Spieler wie ich hätten heute aber gar keine Chance mehr. Es war schon zu meiner Zeit schwierig, aber in der heutigen Zeit mit der Knebelei der Vereine würde es gar nicht mehr funktionieren. Die Jungs heute haben noch mehr Zwänge. Es ist nur noch eine Schablone drauf, die dürfen individuell gar nichts mehr. Alles hat seine Zeit, meine ist vorbei. Jetzt sind die Jungen dran.

SPORT1: Was war der schönste Moment in Ihrer Karriere und warum?

Brinkmann: Es gab viele. Fußball, Alkohol, Frauen und Musik. Und mit dem Auto durch die Gegend cruisen. Das gehört irgendwie für mich alles zusammen. All das konnte ich leben, über die Reihenfolge kann man streiten.

SPORT1: Was war der schlimmste Moment in Ihrer Karriere?

Brinkmann: Ich habe in 20 Jahren in ganz vielen Stürmen gestanden, die ich schon auch mit produziert habe. Diese waren krass. Ich habe nicht jeden Kampf gegen jeden Trainer gewonnen, denn die saßen oft am längeren Hebel. Ich habe oft Kämpfe verloren und die taten auch unfassbar weh. Aber ich wollte es so. Ich mag es, wenn es kracht und stürmt. Das hat zu meiner Art Fußball zu spielen dazugehört. Zu meiner Art von Emotionen. Das hat einfach gepasst.

SPORT1: Welcher war ihr erbittertster Kampf?  

Brinkmann: Ich hatte 39 Trainer und mit fast allen hat es gekracht. Aber ich habe auch unter allen gespielt. Und wenn ich auf einen Trainingsplatz eine Übung machen wollte und der Trainer hat zu mir gesagt 'Ansgar stop!', dann habe ich ihm geantwortet, "Ich weiß nicht, was du jetzt machst, aber ich gehe jetzt ins Kino. Und wenn Du Glück hast, dann komme ich morgen wieder." Dann habe ich meinen Ball genommen und bin vom Trainingsplatz gegangen, danach war ich suspendiert. Suspendierungen und Abmahnungen haben meine Karriere begleitet. Ich bin immer meinen Weg gegangen und bin mit treu geblieben.

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SPORT1: Den Trainer Brinkmann wird es nie geben?

Brinkmann: Ich habe die A-Lizenz und es gab auch schon ein paar Anfragen. Ich würde es nie ganz ausschließen und wenn, dann sollte es jetzt auch mal zeitnah passieren, denke ich. Ich arbeite im Fußball, das ist meine Basis und ich bin als Experte für die Medien tätig. So kann ich mir meine Zeit gut einteilen. Ich unterliege nicht den Zwängen der Vereine. Leider ist der Fußball nicht mehr authentisch. 

SPORT1: Wie geht es Ihnen heute finanziell? Was ist für Sie Luxus?

Brinkmann: Ich bin mit null Euro in meine Karriere. Es gibt viele Freunde von mir, die sind mit null Euro rein und null Euro raus. Und sie sagen aber, sie haben gut gelebt in der Zeit als Profi. Doch ich bin mit null Euro in meine Karriere und mit Minus raus. Das muss man auch erst mal schaffen - nach 20 Jahren Profi-Fußball. Ich bin absolut währungsfrei, kein Verein hat mich wegen des Geldes bekommen. Wenn ich eine Strafe erhalten habe, war es okay. Ich kann mich daran erinnern, dass Thomas von Heesen (war bei Arminia Bielefeld Manager, als er Brinkmann dort ziehen ließ, d. Red.) mal zu mir gesagt hat, "Die Geldstrafe in Höhe von 10.000 Euro hebst du jetzt mal von Konto ab und zählst Sie uns vor." Er hatte wohl die Hoffnung, dass mir das weh tut. Und er hat geglaubt, es wird sich etwas ändern. Als ich es vorgezählt habe, sagte ich zu ihm: "Tommy, ganz ehrlich, so lange Sauerstoff noch kein Geld kostet, ist alles okay." Über Geld kriegt man mich definitiv nicht.

SPORT1: Was würden Sie rückblickend anders machen in Ihrer Karriere?

Brinkmann: Ich hätte gerne auch mal um die ersten drei Plätze gespielt und wäre auch gerne im Pokal-Endspiel in Berlin gestanden. 20 Jahre Abstiegskampf waren hart, doch es gab auch Highlights wie die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld.

SPORT1: Hätten Sie sich gewünscht mal länger in einem Verein zu spielen?

Brinkmann: Die Zeit von Uwe Seeler, der nur für seinen HSV gespielt hat, ist schon lange vorbei. Ich hätte jetzt auch nichts dagegen gehabt, als Profi 20 Jahre für Liverpool zu spielen. Am liebsten unter Kloppo (Jürgen Klopp, d. Red.). Aber es sollte alles bei mir so nicht sein. Da war viel Tempo drin. Ich habe auch für einige Klubs mehrfach gespielt. Das ist immerhin kein schlechtes Zeichen, wenn Vereine dich wieder holen. Dann hat es nicht nur sportlich gepasst, sondern auch menschlich. Es ist aber natürlich cool 15 Jahre für nur einen Verein zu spielen. Das hat was. Mir war es nicht vergönnt. 

SPORT1: Wer war Ihr bester und wer Ihr schlechtester Trainer?

Brinkmann: Ich habe keinen besten und keinen schlechtesten Trainer. Ich hatte 39 davon und alle haben meinen Respekt. Ich bin mit dem einen mehr und dem anderen weniger klar gekommen. So ist das bei allen Menschen, alles hat Vor- und Nachteile. 

SPORT1: War das Dschungelcamp im Nachhinein ein großer Fehler?

Brinkmann: Auf gar keinen Fall. Man weiß es immer erst im Nachhinein. Es war anstrengend, aber ein Erlebnis. Ich habe zwei, dreimal abgesagt und zehn Jahre später erst zugesagt. Fast alle Formate haben sich schon bei mir gemeldet, doch das Dschungelcamp ist das einzige, was ich bisher gemacht habe. Ich hatte einfach das Glück, dass ich zehn Tage dort war und in keine Essens-Prüfung musste. Auf diese Bilder hätte ich gar keinen Bock gehabt. Die braucht kein Mensch. Traurig ist, dass vieles dort von den Machern gesteuert wird, unter anderem erhält man vor den Interviews in dem Holzhäuschen Regie-Anweisungen, wen man von den anderen Camp-Bewohnern attackieren soll. Doch da hatten sie die Rechnung ohne mich gemacht. Ein Ansgar Brinkmann lässt sich nichts vorschreiben. 

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