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Nationaltrainer Eduard Geyer verfolgt das letzte Länderspiel der DDR in Österreich
Nationaltrainer Eduard Geyer (r.) verfolgt das letzte Länderspiel der DDR in Österreich © Imago
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München - Er war eine der prägenden Figuren vor und nach der Wende, war ein Kauz, ein Typ, Cottbuser Trainerikone, aber weit mehr als nur das: Eduard Geyer wird 75.

Eigentlich hatte Eduard Geyer gar nicht viel Lust. Beziehungsweise andere Vorstellungen. Er und Energie Cottbus - anfangs passte das nicht zusammen. Keine Chance. Ein Jahr hatte er gerade geschafft, da wollte er schon wieder weg.

Er war selbstbewusst damals, er war zu DDR-Zeiten ja ein erfolgreicher Trainer gewesen, nach der Wende hatte er dann auch Kontakt zu Schalke, zu Hertha BSC, zu Bochum.

Verschlagen hat es ihn dann aber nach Cottbus. Damals Regionalligist, dritthöchste Spielklasse. Nicht das ganz große Kino. Noch nicht.

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Langer Anlauf in die Bundesliga

Denn Geyer blieb. Und wenn die Bundesliga Geyer nicht holen will, kommt Geyer eben selbst in die Bundesliga. So formulierte er den langen Anlauf, den er nach der Wende nehmen musste.

Seine Ära in Cottbus begann - sagen wir - anders. "Das ging dort mit dem Einmaleins des Fußballs los", sagte Geyer der dpa: "Wir hatten einen Trainer, einen Co-Trainer, den Präsidenten Dieter Krein, Geschäftsführer Klaus Stabach und eine Sekretärin. Wir hätten alle mit aufs Mannschaftsfoto gepasst. Damals gab es keine sechs Ernährungsberater."

Trotzdem schrieb er in der Lausitz ein kleines Märchen. Schaffte mit dem "gallischen Dorf" den Aufstieg in die Bundesliga und blieb dort drei Jahre. Insgesamt kam Geyer auf zehn Jahre, prägte von 1994 bis 2004 bei Energie eine Ära. Auch wenn er nach zwei Aufstiegen letztendlich erst 2000 zum Bundesliga-Trainer wurde.

Was er in Cottbus auch wurde: eine Trainerikone, bundesweit bekannt, als knorriger Kauz, als "Ede Gnadenlos". Ein unbequemer Trainer, geradeaus, ungefiltert. Streng und autoritär, aber durchaus demokratisch, mit einem guten Draht zu seinen Spielern. Kompromissbereit. Ein Ordnungs- und Disziplinfanatiker. 

Geyer begründet hartes Training kurios

Er leerte jungen Spielern auch schon mal kurzerhand den Kabinenschrank, wenn es zu unübersichtlich wurde, wie er im Interview n-tv verriet. Oder hatte Blasröhrchen griffbereit, wenn einer seiner Spieler im Verdacht stand, zu tief ins Glas geschaut zu haben. Benutzt hat er sie aber nie. Er begrüßte die Spieler mit Handschlag, erkannte so, ob es jemand übertrieben hatte. Derjenige musste dann laufen. Wie auch der Rest hart rangenommen wurde.

"Natürlich hatten wir ein sehr umfangreiches Pensum, haben sehr hart trainiert. Das lag aber auch daran, dass ich oft Spieler hatte, die technisch nicht so gut waren. Die mussten dem Ball nach der Annahme erst fünf Meter hinterher sprinten und deshalb fit sein." Geyer-Humor. Gewöhnungsbedürftig, keine Frage. Anders als andere. Deswegen aber auch besonders.

Trotz seiner knallharten Sprüche und den rauen Umgangston ist er ein Harmoniemensch, wie er weiter verriet. Er ist mit sich schon lange im Reinen. Mit seinem Leben sowieso, mit seiner Karriere auch. Er würde sich nicht unbedingt als Wendegewinner bezeichnen, als Verlierer allerdings auch nicht.

Als Spieler feierte er mit Dynamo Dresden große Erfolge und wurde zweimal DDR-Meister (1971 und 1973) sowie Pokalsieger (1971). Als Trainer führte Geyer Dresden 1989 zum Meistertitel. Damit durchbrach er die mehrjährige Regentschaft von Dynamo Berlin. Und wurde anschließend letzter DDR-Nationaltrainer.

Drama mit DDR-Nationalmannschaft

Ein Drama. 1989 scheiterte er in der WM-Quali an Österreich. Ein Remis hätte gereicht, und das Ticket nach Italien wäre gebucht gewesen. Ein 0:3 bedeutete hingegen das Aus aller Träume.

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"Damals war eine Woche vorher die Grenze aufgegangen. Man wusste nicht, wo es langgeht. Es ging auch los mit dem Ausverkauf. Und dann hatten wir großes Pech mit dem Schiedsrichter", sagte er n-tv: "Wir waren besser als die Österreicher, obwohl wir verloren haben. Wir sind dort schon echt beschissen worden. Die Situation war für mich als Trainer bedrückend und äußerst schwierig."

Vergangenheit als Stasi-Spitzel

Schwierig war auch seine Vergangenheit als Stasi-Spitzel. Eine Jugendsünde, ein Nachtbummel in Amsterdam nach einem Europapokal-Spiel, die ihn vor einem Jahr mal wieder einholte.

Da verzichtete er auf die Ehrenspielführer-Würde bei Dynamo Dresden, nachdem er unter dem Decknamen "Jahn" von 1975 bis 1986 über 100 Berichte über Teamkollegen verfasst hatte. "Wer nie im DDR-Leistungssport war, kann meine Situation sicher nie verstehen. Ich hätte damals viele Dinge hinterfragen müssen", erzählte Geyer später in einem Interview.

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Er verzichtete zum Wohle des Vereins, wie er sagte. Und aufgrund des Drucks ehemaliger Mitspieler. Es war einer der wenigen Momente in seiner Karriere, wo er zurücksteckte.

Was bei vor allem bleibt, ist die Art, die man im glatt gebügelten Profi-Fußball heute immer mit ein bisschen Wehmut sucht. Die auch Geyer sucht. "Wenn ich die Interviews von Trainern lese mit den immer gleichen Phrasen, dann ist das nicht der gelebte Fußball.“

Geyer hat ihn gelebt. Jeden Tag. "Sogar" in Cottbus. Und zum Glück länger als ein Jahr.

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