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München - Der ehemalige Nationalspieler Cacau ist nicht mehr der Integrationsbeauftragte beim DFB. Bei SPORT1 wehrt er sich mit deutlichen Worten gegen anonyme Kritiker.

Cacau war etwas mehr als vier Jahre Integrationsbeauftragter beim Deutschen Fußball Bund. Vergangene Woche gaben beide Seiten das Ende der Zusammenarbeit bekannt.

Im Jahr 2000 war Cacau mit 19 Jahren fast ohne deutsche Sprachkenntnisse aus Brasilien nach Deutschland gekommen. Über den 1. FC Nürnberg kam er zum VfB Stuttgart, bei dem er seinen Durchbruch schaffte, deutscher Nationalspieler und WM-Teilnehmer wurde. 2016 beendete er seine Karriere.

Im SPORT1-Interview spricht er über das Aus beim DFB, anonyme Kritiker und Mesut Özil.

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SPORT1: Herr Cacau, wie kam es dazu, dass Sie beim DFB aufgehört haben. War das Ihr Wunsch?

Cacau: Günter Distelrath, mein Ansprechpartner im DFB-Präsidium, und ich haben in den vergangenen Monaten natürlich auch wegen der aktuellen Situation mit Corona nicht viele persönliche Gespräche führen und uns austauschen können. Aufgrund meines Einstiegs in die Sportagentur Ness & Network hat mir dann der DFB telefonisch mitgeteilt, dass mein Amt als Integrationsbeauftragter aus ihrer Sicht aufgrund einer Satzung nicht mehr mit meiner neuen beruflichen Aufgabe als Geschäftsführer der Agentur zu vereinbaren ist. Deshalb haben wir danach relativ schnell und einvernehmlich beschlossen, mein DFB-Engagement nach vier Jahren und zwei Monaten zu beenden.

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SPORT1: War das wirklich der Grund oder hätten Sie schon ganz gerne weitergemacht?

Cacau: Als mit mir der Satzungsinhalt besprochen wurde, war für mich sofort klar, dass es nicht weitergeht. Es ist doch klar, dass ich juristische Vorgaben akzeptiere.

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SPORT1: Es gab Kritik, wie Sie mit dem Thema Rassismus und mit dem Fall Özil umgegangen sind. Was sagen Sie dazu?

Cacau: Ich habe kürzlich erfahren, dass mir ein DFB-Funktionär, der mit mir in Sachen Integrationsarbeit zusammengearbeitet hat, anonym vorgeworfen hat, dass ich nicht energisch genug und zu schwach gewesen sei, Dinge durchzusetzen. Wenn allerdings jemand Kritik äußert, und nicht den Mut hat, seinen Namen zu nennen, kann man diese Person nicht ernst nehmen und er stellt sich ins Abseits im Blick auf einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander.

Cacau: "Ich habe immer meine Meinung gesagt"

SPORT1: Wie haben Sie sich denn gesehen beim DFB? Waren Sie bei schwierigen Themen wie eben Rassismus oder dem Fall Özil kritisch, energisch und auch stark genug nach außen hin?

Cacau: Ich habe immer meine Position bezogen und meine Meinung gesagt. Und diese habe ich auch stets zu 100 Prozent öffentlich vertreten, wenn sie meinem Arbeitsauftrag entsprach. Zu Mesut wurde schon alles gesagt. In den vier Jahren habe ich neben der Arbeit an strukturellen Aufgaben sowie der Teilnahme an Sitzungen und Konferenzen über 200 Termine in ganz Deutschland an der Basis wahrgenommen. Diese Basisarbeit war ausdrücklich ein besprochener Schwerpunkt meiner Tätigkeit, der mich auch ausgefüllt hat. Mein Aufgabengebiet lag nicht bei der Nationalmannschaft. Aus diesem Grund wurde ich daher auch nicht dort gefragt oder eingesetzt.

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SPORT1: Haben Sie das Thema Rassismus unterschätzt? Sind Sie vielleicht doch zu ruhig?

Cacau: Nein, auf gar keinen Fall! Ich bin in Brasilien unter schwierigen Umständen aufgewachsen, wurde diskriminiert und rassistisch beleidigt. Doch ich habe mich immer durchgekämpft und bin nach Deutschland gekommen. Ich habe mir diesen Weg in meinem Stil und mit meiner Persönlichkeit erarbeitet. Ich war Bundesligaprofi und Nationalspieler. Und ich bin davon überzeugt, dass diese Vita für mich richtig und wichtig ist, um schwierige Themen zu behandeln und mich zu Wort zu melden. Und das werde ich auch ohne DFB-Amt weiterhin tun. Sorry für das Wortspiel, aber ich lege im Rückblick auf meine Aufgabe als Integrationsbeauftragter großen Wert auf die Feststellung: Es gibt nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt immer auch den Mittelweg. Man muss stets aufs Neue abwägen, ob etwas richtig oder falsch ist. Natürlich lebt die Medienwelt davon, zu polarisieren und bei gewissen Themen provokant zu sein. Meine Aufgabe jedoch war, bei allen Themen immer auch die Details abzuwägen und zu prüfen, wie ein Problem entstanden ist. Ich habe mich beim und vom DFB nicht verbiegen lassen.

SPORT1: Hätten Sie sich mehr Unterstützung vom DFB gewünscht?

Cacau: Nein, intern haben wir viele Dinge nach vorne geschoben und umgesetzt. Natürlich gibt es auch immer Spannungen und unterschiedliche Meinungen innerhalb eines Entwicklungsprozesses. Das ist völlig normal. Ich denke aber, dass wir immer sinnvolle Lösungen nach oft intensiven Diskussionen gefunden haben. Vor allem haben wir gemeinsam für die Amateurvereine unter anderem mit dem überarbeiteten Integrationskonzept viel erreicht.  

Cacau: Das Mitsingen der Nationalhymne "ist ein emotionales Thema"

SPORT1: Wo gab es die größte Meinungsverschiedenheit?

Cacau: Aus meiner Sicht sollte man sich zu gewissen Themen klarer positionieren.

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SPORT1: Können Sie das konkreter erklären?

Cacau: Ein Punkt für mich persönlich, über den wir häufiger diskutiert haben, war die Nationalhymne. Ich finde, dass jeder Spieler sie mitsingen sollte. Für mich war das immer selbstverständlich als Spieler und eine Herzensangelegenheit. Durch das Mitsingen der Hymne wird man eins mit den Fans und identifiziert sich auch mit einem ganzen Land.

SPORT1: Sieht man das mit der Hymne beim DFB anders?

Cacau: Das Mitsingen bei der Nationalhymne war intern ein emotionales Thema. Es gibt an diesem Punkt sicherlich unterschiedliche Sichtweisen.

Cacau: Özil ist der beste Spieler, mit dem ich zusammengespielt habe

SPORT1: Auf was sind Sie besonders stolz und was ist Ihnen als Integrationsbeauftragter nicht gelungen?

Cacau: Das Thema ist sehr vielfältig. Als Beispiel mal zwei Dinge: Zu Beginn wollte ich wissen, welche Probleme es an der Basis der Landesverbände gibt, um herauszufinden, wo der DFB helfen kann. Es wurden viele Repräsentanten von Vereinen und Institutionen angehört, und ich war mit vor Ort, was für mich sehr bereichernd war und zu guten Ergebnissen führte. Der zweite Punkt ist die Arbeit mit den Kindern, die Fußball spielen wollen. Es sollte deutlich mehr erwähnt werden, wie viel Gutes bisher von den Vereinen und Landesverbänden geleistet wird. Diese Zusammenarbeit vor Ort, auch mit den Kindern, war toll und hat mir viel Freude gemacht in meinem Amt als Integrationsbeauftragter.

SPORT1: Hat Sie die Zeit als Integrationsbeauftragter geprägt? Sagen Sie Ihre Meinung jetzt deutlicher?

Cacau: Ich habe meine Meinung schon immer klar und deutlich gesagt. Es ist wichtig, authentisch zu bleiben, und dabei gerade bei kontroversen Themen miteinander zu reden und zu argumentieren. Das war immer schon meine Art und wird für mich stets ein großes Anliegen bleiben. Ich habe viel gelernt in der Zeit, vor allem, wie man gemeinsam gewisse Projekte entwickelt und voran bringt. Das werde ich mitnehmen.

SPORT1: Sie wollen über den Fall Özil nicht mehr sprechen. Wie sehen Sie ihn sportlich nach seinem Wechsel zu Fenerbahce Istanbul?

Cacau: Ich finde es großartig, dass er diese Entscheidung getroffen hat, und ich möchte seine neuen sportlichen Perspektiven auch gar nicht verknüpfen mit alten Auseinandersetzungen, die zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft geführt haben. Ich habe ein Bild gesehen, auf dem der große Mesut den kleinen Mesut an die Hand nimmt. Das ist eine schöne Geschichte für ihn. Er ist ein überragender Fußballer und für mich immer noch der beste Spieler, mit dem ich zusammengespielt habe. Ich hoffe, dass er sein Können wieder auf dem Platz zeigen und die Fans verzaubern kann, auch wenn sie in nächster Zeit nicht dabei sein können. Ich wünsche ihm auf seiner neuen sportlichen Etappe von Herzen alles Gute.

SPORT1: Laut einer Aussage von Oliver Bierhoff hat der DFB ein Imageproblem. Stimmen Sie dem zu?

Cacau: Oliver meinte ja, dass sich die Nationalmannschaft zu weit von den Fans entfernt habe und dass er dem entgegen steuern möchte. Ich stimme ihm in seiner Einschätzung zu. Ein entscheidender von mehreren Aspekten ist für mich: Man sollte sich intensiver auf U-Nationalteams konzentrieren und mit ihnen arbeiten, damit die Spieler schon in jungen Jahren wissen, was es bedeutet, Nationalspieler und ein Vorbild zu sein. So kann man früh eine bessere Identifikation herstellen. Diese kommt nur, wenn man sich zu 100 Prozent in unserer Gesellschaft einbringt und mit dem eigenen Land identifiziert. Dann werden die Fans sehen, dass die Spieler alles für die Nationalmannschaft geben. Und nur dann kann der Funke wieder überspringen. Ein spezielles Engagement in diesem Sinne hätte ich mir als reizvolle Aufgabe für mich vorstellen können.

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