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München - Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München sorgte nicht nur mit der erzwungenen Pokal-Absage für Aufsehen. Jetzt verrät Klubboss Hasan Kivran bei SPORT1 seine Sicht der Dinge.

Turbulente Wochen liegen hinter Hasan Kivran, dem Boss von Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München.

Der Klub war juristisch gegen die Entscheidung des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) vorgegangen, Regionalligist Schweinfurt für den DFB-Pokal zu melden - und bekam insofern Recht, dass das Gericht eine einstweilige Verfügung aussprach.

Über eine Neuansetzung wird entschieden, sobald die juristische Klärung herbeigeführt ist. Hintergrund war, dass Unklarheit herrschte, wer nach der Unterbrechung der Regionalliga Bayern als Vertreter für den Freistaat in den Pokal einziehen darf. Kivran warf den Schweinfurtern in der Angelegenheit Wortbruch vor.

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Wer aber ist dieser Mann, der so viel Einfluss hat? Zuletzt wurde viel über ihn gesprochen, jetzt spricht der türkische Vereinsboss bei SPORT1.

SPORT1: Herr Kivran, wie bewerten Sie die Turbulenzen nach Ihrem Erfolg vor Gericht, das Pokalspiel zwischen Schalke und Schweinfurt abzusagen? 

Hasan Kivran: Es macht mich traurig. Aber hervorgerufen wurde dies durch die juristische Vorgehensweise des Schweinfurter Geschäftsführers Markus Wolf gegen unsere Lizenzierung für unseren Aufstieg in die 3. Liga. Es gibt eine Mail vom DFB vom 28.08.2020 an uns, in der uns empfohlen wurde, unsere Lizenzierungsunterlagen an die Anwälte von Schweinfurt freizugeben. Das haben wir auch gemacht.

Hasan Kivran (r.) mit SPORT1-Reporter Reinhard Franke
Hasan Kivran (r.) mit SPORT1-Reporter Reinhard Franke © Reinhard Franke

SPORT1: Haben Sie erwartet, dass die Pokal-Absage für so viel Wirbel sorgt?

Kivran: Wir haben nur unser Recht gesucht. Welche Aufregung es verursacht, war nicht abzusehen, ist aber auch sekundär.

SPORT1: Können Sie verstehen, dass die Art und Weise Ihres Vorgehens für Kritik sorgt? Erst zwei Tage vor dem eigentlichen Spieltermin wurde das Spiel abgesagt, der BFV hatte keine Kenntnis davon.

Kivran: Wir haben Herrn Koch am selben Tag, als wir die oben genannte Mail vom DFB erhielten, in einer Sprachnachricht informiert, dass die besprochene Vorgehensweise durch das juristische Handeln seitens Herrn Wolf beziehungsweise Schweinfurt gegen unseren Aufstieg hinfällig ist. Der BFV war sehr wohl informiert. Aus diesem Grund hat der BFV anschließend die Corona bedingte Ergänzung in der Spielordnung vom Mai 2020, die allen Vereinen in einem Video-Call vorgestellt wurde, klammheimlich erneut verändert. Zu unseren Ungunsten, weil die wichtige Passage, welche uns zum Teilnehmer für den DFB Pokal gemacht hätte, entfernt wurde. 

SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass Türkgücü in der Öffentlichkeit zum Schuldigen gemacht wird und Sie vom BFV verschaukelt werden?

Kivran: Nicht nur das Gefühl. Man muss hier nur die zahlreichen Auftritte von Herrn Koch anschauen. Auch die unberechtigt schützende Haltung gegenüber Schweinfurt ist uns nicht entgangen. Schade.

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SPORT1: Ihr Vorwurf an Schweinfurt lautet, dass sie entgegen der Absprachen Ihre Lizenz-Unterlagen für die 3. Liga prüfen wollten. Hätte man das nicht noch mal mit ihnen klären können, bevor Sie das Gericht einschalten? 

Kivran: Nein, dazu war es einfach zeitlich zu knapp. Markus Wolf hatte bereits am 13.07.2020 mit einem offenen Brief an den DFB unsere Lizenzierung beanstandet und den DFB zu einer Stellungnahme aufgefordert. Die Moderation zu diesem Thema hatte von Anfang an Herr Koch in vollem Umfang übernommen. Ende Juli hatte ich ein Gespräch mit Herrn Koch, der mir erneut versicherte, dass Herr Wolf dies unterlassen werde. Ich habe ihm in diesem Gespräch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass bei einer Wiederholung auch wir den juristischen Weg einschlagen werden. Leider hat sich Herr Markus Wolf beziehungsweise Schweinfurt nicht daran gehalten. 

SPORT1: Warum kam es Ihrer Meinung nach überhaupt zu der Entscheidung, dass Schweinfurt in den DFB-Pokal darf, obwohl es ihnen als Zweitplatziertem nicht zugestanden hätte? 

Kivran: Ich habe in zahlreichen Gesprächen im April und Mai Herrn Koch gegenüber zu verstehen gegeben, dass wir aufgrund der wirtschaftlichen Situation der 3. Liga und den zusätzlichen Corona bedingten Belastungen sowie fehlenden Sponsoren und Zuschauern nicht auf den DFB Pokal verzichten können. Ich denke, dass Herr Koch es hier allen Vereinen recht machen wollte, was in einer solchen Situation nicht funktionieren kann. Sogar Bayreuth, die bei elf restlichen Spielen mit 13 Punkten abgeschlagen waren.

SPORT1: Wie geht es jetzt weiter? Können Sie garantieren, dass die Schalker ihr Spiel vor der Auslosung zur zweiten Runde am 18. Oktober bestritten haben? 

Kivran: Nein. Das hängt auch nicht von mir ab. Der BFV hat gegen den Beschluss des Landgerichts Widerspruch eingelegt. Unklar, wieso hier der BFV die Interessen von Schweinfurt sogar juristisch vertritt. Auch wenn das Gericht am 28.09.2020 erneut zu unseren Gunsten entscheidet, gehe ich davon aus, dass der BFV in die nächste Instanz geht. 

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SPORT1: Sie haben auch mit den Stadion-Plänen für mächtig Wirbel gesorgt. Warum kamen überhaupt solche Gedankenspiele auf, nach NRW oder Würzburg zu wechseln? 

Kivran: Das sind zwei Themen. NRW ist nur entstanden, weil die Stadt München alle Vereine aufgefordert hatte, sich Gedanken in der Stadion-Frage zu machen. Die einzige wirtschaftlich realisierbare Variante für uns war es, in NRW zu spielen. Nur dort können wir die Mehrkosten wieder einfahren. Herr Koch teilte mir mit, dass dies nicht möglich sei. Die Stadt München war zunächst nicht in der Lage, uns eine geeignete Spielstätte zur Verfügung zu stellen. Auf der anderen Seite mussten wir unsere Lizenzierungsunterlagen fertigstellen. Aus diesem Grund haben wir neben anderen Spielstätten auch Würzburg und Burghausen angegeben. 

SPORT1: Wie ist der aktuelle Stand bei der Stadionfrage? Wie viele Spiele werden im Grünwalder Stadion gespielt und wie viele im Olympiastadion? 

Kivran: Aktuell ist geplant, dass wir die Mehrzahl der Spiele im Grünwalder austragen und die restlichen im "Oly".

SPORT1: Wann wird es da Konkretes geben und welche Spiele werden wo ausgetragen?

Kivran: Es gibt bereits Konkretes wie zum Beispiel das Spiel gegen Wiesbaden, das am 10. Oktober im "Oly" ausgetragen wird. 

SPORT1: Es war zu hören, dass Sie mit Türkgücü die zweite Macht in München werden wollen. Wollen Sie den TSV 1860 wirklich verdrängen?

Kivran: Das habe ich zu keinem Zeitpunkt gesagt. Wir schauen auf uns und würden uns gerne in der 3. Liga behaupten und dann in den nächsten Jahren die 2. Liga wagen. Mir ist es nicht wichtig, welche Kraft wir sind. Wir wollen attraktiven Fußball spielen und uns als Neuling nicht verstecken. Es wäre schön wenn wir eine gute Rolle spielen und die Liga bereichern. 

SPORT1: Zuletzt stand ein Umzug nach NRW im Raum. Jetzt der Zoff mit Schweinfurt. Sehen Sie da die Gefahr mit Türkgücü ähnlich angefeindet zu werden wie einst die TSG Hoffenheim oder RB Leipzig?

Kivran: Wir polarisieren seit Gründung. Jetzt aufgrund des sportlichen Erfolges umso mehr. Ich gehe davon aus, dass es sich wie bei den genannten Klubs mit der Zeit auch legen wird. Die gegnerischen Fans werden auch merken, dass wir der Liga gut tun. 

SPORT1: Kritiker sagen, Sie würden Personalpolitik mit der Brechstange betreiben. Haben sie recht? 

Kivran: Wir haben kein einziges Verfahren mit Spielern laufen. Die Mehrzahl der Spieler verlassen uns, weil die Verträge auslaufen, von einigen trennen wir uns im Einvernehnen. Also business as usual.

SPORT1: Was halten Sie eigentlich von 1860-Investor Hasan Ismaik?

Kivran: Ich habe sein Engagement nie verstanden. Ihn verbindet mit 1860 nichts. Aber das ist seine Sache

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