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München - Hoffenheim stagniert, die Zukunft von Trainer Julian Nagelsmann ist Dauerthema. Jetzt spricht Ex-1899-Profi Tobias Weis über die Situation und legt den Finger in die Wunde.

Fast zwei Jahre ist Julian Nagelsmann jetzt Cheftrainer der TSG Hoffenheim.

Seine Bilanz kann sich sehen lassen. Erst rettete er den Verein vor dem Abstieg, dann führte der 30-Jährige den Klub in seiner ersten kompletten Saison in die Europa League. Aktuell allerdings stockt der Motor etwas.

Im Kraichgau gibt es zum ersten Mal unter Nagelsmann leise Misstöne. Der Verein belegt nach nur vier Siegen aus den vergangenen 19 Pflichtspielen derzeit Platz neun. In Europa gab es in der Gruppenphase das Aus.

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"Ich mache mir jetzt keine großen Sorgen, aber in Hoffenheim ist es gerade eine merkwürdige Situation und man muss aufpassen. Diesen Platz hatte man seit anderthalb Jahren nicht mehr", sagt Tobias Weis im Gespräch mit SPORT1. Der 32-Jährige spielte von 2007 bis 2014 in Hoffenheim, wurde 2008 mit dem Klub als Aufsteiger Herbstmeister.

Die Zeiten haben sich geändert. Stars gehen, wenige kommen nach. Im vergangenen Sommer verließen mit Niklas Süle und Sebastian Rudy zwei Nationalspieler die TSG in Richtung FC Bayern.

Zum Jahreswechsel ließ der Klub auch Stürmer Sandro Wagner für 13 Millionen Euro nach München ziehen. Zudem wird im Sommer ein weiterer Leistungsträger den Verein verlassen: Mark Uth wechselt dann ablösefrei zum FC Schalke. Zuletzt wurde auch Kerem Demirbay forscher, als er meinte, dass er sich einen Wechsel zu Borussia Dortmund vorstellen könne.

"Die Bilanz ist schon schlecht"

"Es ist nicht ganz ungefährlich, wenn jetzt auch noch Demirbay weggehen sollte. Die Bilanz mit vier Siegen aus 19 Spielen ist schon schlecht, vor allem mit so einer Mannschaft", so Weis. "Nach der vergangenen Saison war die Erwartungshaltung natürlich groß." Ein Platz für die Europa League sei aber "immer noch möglich".

Weis führt einen Grund für den Abwärtstrend an. "Ein Grund können diese ständigen Spekulationen um die Zukunft von Julian Nagelsmann sein. Das geht nicht spurlos an einer Mannschaft vorbei."

Seit Monaten wird über einen vorzeitigen Abschied von Nagelsmann berichtet. Zuletzt sprach TSG-Mäzen Dietmar Hopp in der Sache zwar ein Machtwort, indem er klar stellte, Nagelsmann müsse seinen Vertrag, der bis 2021 datiert ist, zumindest bis 2019 erfüllen, doch die Gerüchte werden nicht weniger.

TSG Nagelsmann: "Absoluter Mittelpunkt"

Nagelsmann sei "der absolute Mittelpunkt in Hoffenheim", meint Weis. "Manchmal denke ich der Klub heißt schon TSG Nagelsmann."

Schmunzelnd ergänzt er: "Da geht es manchmal nur noch darum, welche Farbe seine Jacke hat, die Spieler sprechen in der Kabine bestimmt darüber. Natürlich ist er ein junger Top-Trainer, aber man sollte die Kirche mal im Dorf lassen."

Weis wünscht sich ohnehin mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die junge Trainer-Generation. "Diese jungen Trainer sind sicher alle sehr gut, aber wenn ich dann einen Jupp Heynckes sehe, er leistet auch großartige Arbeit. Ein gutes Mittelmaß in der Trainer-Beurteilung wäre ganz gut."

Gefahr der Abnutzung?

Weis sieht bei der Analyse der aktuellen Situation eine ganz andere Gefahr: "Vielleicht besteht auch die Gefahr, dass sich Nagelsmann etwas abnutzt. Er ist jetzt zwei Jahre Cheftrainer bei der TSG. Wenn ein neuer Trainer kommt, der viele Dinge ändert und das fruchtet, dann hält das auch mal zwei Jahre, aber auf Dauer wird es schwierig weiter zu motivieren und noch einen drauf zu setzen."
Der Verein habe im Sommer "den Fehler gemacht, nicht drei, vier Topspieler zu verpflichten. Und jetzt im Winter hätte man auch nachbessern können, weil das Geld da ist", so Weis. "Es brechen immer die besten Jungs weg und wenn ich als Klub die Erwartungen weiter erfüllen will, sind Transfers zwingend notwendig."

Für Weis ist der Trainer in keiner leichten Situation. "Wenn ich Nagelsmann wäre, würde mich das brutal ankotzen. Natürlich holt er junge Spieler hoch, aber an seiner Stelle würde ich klar sagen, dass ich neue Spieler brauche. Deshalb denkt er sicher auch an einen Wechsel zu einem anderen Klub, wo er mehr Möglichkeiten hat neue Spieler zu holen.“

Nagelsmann zu Borussia Dortmund?

Bei der TSG gibt es diese Möglichkeiten offenbar nicht. Weis kann eines nicht nachvollziehen.

"Ich verstehe nicht, warum da so gebremst wird. Dietmar Hopp (TSG-Mäzen, d. Red.) ist ein herzensguter Mensch. Wenn ich in seinem Alter wäre, würde ich auf dem Transfermarkt einfach nochmal zuschlagen und den einen oder anderen Star einkaufen, um auch den Trainer zufriedenzustellen. Das Ziel muss doch irgendwann auch mal die Meisterschaft sein."

Und da nennt Weis einen Klub, bei dem dies für den TSG-Coach möglich wäre. "Nagelsmann passt momentan besser zu Borussia Dortmund, um noch ein paar Jahre Erfahrung mitzunehmen, dann traue ich ihm auch den großen FC Bayern zu."

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