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Der frühere HSV-Präsident Jürgen Hunke (l.) mit dem aktuellen Präsidenten Bernd Hoffmann. © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago
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München - Der Hamburger SV rutscht immer tiefer ins Verderben. SPORT1 zeigt auf, welche Auswirkungen ein erster Abstieg der Vereinsgeschichte für den Klub hätte.

Die Uhr tickt unerbittlich. Am Dienstag beträgt die verbleibende Zeit in der Bundesliga für den Hamburger SV noch 74 Tage. Jedenfalls auf hsv-countdown.de - einem Portal, das die Zeit bis zum scheinbar Unvermeidlichen herunterzählt.

In der Tat: Der erste Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds rückt immer näher. Dem HSV, der als einziger Verein seit ihrem Bestehen durchgehend in der deutschen Eliteliga spielte, droht aber nicht nur der Abstieg, sondern ein regelrechter Zerfall.

Wie bedrohlich ist die Situation? Welche Konsequenzen hätte der Abstieg für Verein, Verantwortliche, Spieler und Stadt? SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

Sportliche Situation

Seit elf Spielen ist der HSV nun schon ohne Sieg. Der letzte Dreier gelang am 26. November 2017 beim 3:0 im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim. In der Rückrunde holten die Norddeutschen aus sieben Spielen nur zwei Punkte.

Mit 17 Zählern steht der HSV nur wegen der besseren Tordifferenz vor dem 1. FC Köln auf Rang 17. Der Rückstand auf Mainz 05 auf dem Relegationsplatz beträgt sieben Punkte. Am Samstag (15.30 Uhr Liveticker) empfängt der HSV die Mainzer. Nur ein Sieg würde die Hoffnung aufrecht halten. Sonst kann der HSV schon langsam anfangen, die Uhr abzumontieren.

"Das hat sich lange angedeutet und es wollte keiner wahrhaben. Die Ursachenforschung wird man nicht vor dem Spiel gegen Mainz betreiben, sondern, wenn es endgültig feststeht. Nach meinem Gefühl glaube ich nicht, dass sich der Verein retten wird", sagt der frühere HSV-Präsident Jürgen Hunke (1990-1993) im Gespräch mit SPORT1.   

Experten einig: HSV-Abstieg ist notwendig

Der Trainerwechsel von Markus Gisdol zu Bernd Hollerbach hat so gut wie gar nichts gebracht: Zwei Remis und drei Niederlagen lautet die traurige Bilanz des früheren HSV-Profis.

Trainer und Sportdirektor

In dieser Saison wird es keinen Trainerwechsel mehr geben. Steigt der HSV ab, dürfte Trainer Bernd Hollerbach allerdings keine neue Chance bekommen.

Die Tage von Sportdirektor Jens Todt sind in jedem Fall gezählt. Einen neuen Trainer zu verpflichten, wird die Aufgabe des neuen Sportvorstands sein, den Aufsichtsratsboss Bernd Hoffmann installieren will.

Hoffmanns Wahl zum HSV-Präsident wird angefochten

Hoffmann schwebt ein starker Sportvorstand vor, der die Richtung vorgibt. Der Name Jörg Schmadtke wird heiß gehandelt. Hoffmanns Problem: Todt ist nur Sportdirektor, kein Sportvorstand und kann daher nur von Vorstandsboss Heribert Bruchhagen entlassen werden. Der wird diesbezüglich aber erst einmal die Finger still halten.

Vereinsspitze

Doch Hoffmann will auch Bruchhagen loswerden. Man müsse jede einzelne Position überprüfen, hatte der neue starke Mann nach seiner Wahl auf der Mitgliederversammlung (Neue Posse um den HSV) erklärt. Ein klarer Wink.

"Ich gehe davon aus, dass Bruchhagen unter Hoffmann gar nicht weitermachen will", erklärt Hunke. "Bruchhagen hat immer gesagt, dass er geht, wenn er nicht mehr gebraucht wird."

Und weiter: "Er will dem Klub auch nicht finanziell zur Last liegen, er ist ein hoch anständiger Kerl."

Eine Abstimmung über Bruchhagens Zukunft im Aufsichtsrat würde aktuell aber in einer krachenden Pleite enden. Hoffmann muss also warten, bis er den Aufsichtsrat Zug um Zug nach seinem Gusto gestaltet hat.

Nach der Derby-Pleite: So ist die Lage beim HSV

Hoffmann selbst möchte nach dem Vorbild von Schalke-Boss Clemens Tönnies der starke Mann im Hintergrund sein, als Anteilseigner auf Augenhöhe mit Mäzen Klaus-Michael Kühne.

Finanzen und Lizenz

Finanzvorstand Wettstein sagte bei der Mitgliederversammlung: "Wir werden ligaunabhängig für die Folgesaison die Lizenz erhalten, das ist sicher."

Das verwundert ein wenig, da den HSV ein enormer Schuldenberg drückt. Allein bei Großinvestor Klaus-Michael Kühne stehen die Hamburger mit über 30 Millionen Euro in der Kreide.

Laut Hunke kein Problem: "Ich bin Insider und kenne die Situation seit 25 Jahren. Wir haben zwar Schulden, aber die Kühne-Schulden sind nur fällig, wenn der Klub ganz viel Erfolg hat und danach sieht es aktuell nicht aus. Meiner Meinung nach haben wir keine Liquiditäts-Probleme für die 2. Liga.

In der Tat muss der HSV die Gelder an Kühne nur zurückzahlen, wenn er sich für den Europacup qualifiziert.

Stadt und Umfeld

Ein Abstieg wäre eine einzige Katastrophe für Hamburg. Die Stadt steht seit Bestehen der Bundesliga für diesen Klub.  

"Für die Stadt selbst wäre ein Abstieg höchst dramatisch", so Hunke. "Wir haben erst den Handball verloren, da waren wir Champions League-Sieger und alle waren stolz. Beim Eishockey gab es eine Insolvenz. Wir waren mal eine richtige Sportstadt und ein Abstieg des HSV würde richtig weh tun."

Und weiter: "Die Menschen in Hamburg haben nicht so viel sportlichen Spitzensport, es ist dramatisch und man wird es erst dann merken, wenn der Abstieg endgültig feststeht. Dann muss man auch nochmal über die Rolle von Herrn Kühne sprechen, ob er nicht die eigentliche Ursache für den Niedergang war."

Vor allem aus Sicht des Hamburger Tourismus wäre ein HSV-Abstieg fatal.

"Der HSV erzielt eine Vielzahl von wirtschaftlichen Effekten für die Stadt Hamburg, deren Ausmaße die üblichen Dimensionen eines klassischen Sportvereins weit übersteigen. Ein Abstieg würde die Anzahl der Tages- und Übernachtungsgäste voraussichtlich deutlich reduzieren und damit auch spürbare Auswirkungen auf die Einnahmen von Einzelhandel, Gastronomie, Hotellerie und Verkehrsbetriebe haben", hält Sascha Albertsen von der Hamburg Tourismus GmbH bei SPORT1 fest.

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