Großkreutz: Lasst Götze in Ruhe
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Krefeld - Kevin Großkreutz ist dem BVB weiter eng verbunden. Bei SPORT1 spricht der 2014er-Weltmeister über die neue Euphorie und Mario Götze. Hier das Interview.

Mit der Verpflichtung von Kevin Großkreutz hat der KFC Uerdingen im Sommer auf dem Transfermarkt gesorgt. Beim Drittliga-Aufsteiger unterschrieb der Weltmeister von 2014 einen Dreijahresvertrag.

Sein Herzensverein war, ist und bleibt aber Ex-Klub Borussia Dortmund, für den er von 2009 bis 2015 spielte.

Im SPORT1-Interview spricht Großkreutz über den aktuellen Höhenflug der Schwarz-Gelben und die Stimmung in Dortmund, Trainer Lucien Favre, Mario Götze - und sein Ziel mit dem KFC.

SPORT1: Herr Großkreutz, wie fällt Ihr Fazit aus nach den ersten Monaten in der 3. Liga

Kevin Großkreutz: Wir stehen oben, die Mannschaft hat mich toll aufgenommen und im ganzen Verein herrscht eine prima Stimmung. Die 3. Liga ist in dieser Saison absolut spannend. Da können acht bis zehn Mannschaften aufsteigen. Ich fühle mich total gut und bereue die Entscheidung nicht. 

SPORT1: Sie sind Weltmeister geworden. Hatten Sie wirklich kein Problem, sich die 3. Liga anzutun?

Großkreutz: Natürlich achtet man wegen meines Namens mehr auf mich. Aber das macht mir nichts aus. Ich möchte der Mannschaft helfen, und die Jungs helfen mir. Die Meinung anderer, die von meinem Abstieg reden, ist mir egal. 

SPORT1: Es gab Zeiten bei Ihnen, da wollten Sie mit Fußball nichts mehr zu tun haben. Wie denken Sie jetzt? 

Großkreutz: Ich fühle mich wieder rundum wohl als Profi. Ich bin gesund und spiele in einer klasse Mannschaft. Stefan Krämer ist ein toller Trainer, der die 3. Liga bestens kennt. Eins weiß ich: Ich möchte so lange wie möglich noch Fußball spielen. Auch familiär passt alles für mich. Ich werde Vater und bin glücklich. 

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf Kevin Großkreutz in Krefeld zum Interview. © Reinhard Franke

SPORT1: Auch wegen des Laufs von Borussia Dortmund?

Großkreutz: Na klar. Das freut mich total. Im Moment spielt der BVB überragenden Fußball. Die Jungs schießen fast in jedem Spiel vier Tore. Das ist sensationell, aber man sollte trotzdem auf dem Teppich bleiben. Irgendwann werden auch mal Rückschläge kommen - und dann muss man stark bleiben.

Intelligente Personalpolitik der BVB-Bosse

SPORT1: Was ist der Grund für die BVB-Stärke?

Großkreutz: Die Personalpolitik war sehr intelligent. Es wurde richtig gut eingekauft. Spieler, die auch dazwischen gehen, mit der Kugel umgehen können, und Leidenschaft zeigen. Das passt zu Dortmund. Und dann gibt es in der Offensive eine brutale Qualität. Da sind ganz starke Einzelspieler und Riesentalente. Es macht richtig Spaß zuzuschauen, wie die Jungs im Spiel explodieren.

SPORT1: Wie fanden Sie die Gala gegen Atletico Madrid?

Großkreutz: Ich habe es mit meiner Frau und unserer Tochter angeschaut, einfach nur genossen - ein geiles Spiel. Was mich begeistert, ist, wie die Tore herausgespielt werden. Der Sieg war auch in dieser Höhe absolut verdient. Natürlich war auch etwas Glück dabei, das gehört in der Champions League aber dazu.

SPORT1: Mario Götze hat eine schwere Zeit hinter sich, nun ist er wieder da. Haben Sie mit ihm mitgefühlt?

Großkreutz: Ja. Es tut mir sehr leid für ihn, was passiert ist. Er ist ein großartiger Spieler, ein toller Mensch, hat Deutschland mit seinem Tor zum Weltmeister gemacht. Mario hat viel einstecken müssen, vieles war nicht fair. Alle wissen, was er kann. Aber es gibt solche Krisen im Leben. Jetzt ist Mario wieder besser drin. Ich hoffe, er wird sich am Ende durchsetzen. Und ich wünsche ihm, dass man ihn in der nächsten schwächeren Phase endlich einfach mal in Ruhe lässt.

"Favre scheint es ihnen einzuimpfen"

SPORT1: Ist Lucien Favre der Schlüssel zu Dortmunds Erfolg?

Großkreutz: Er hat einen großen Anteil daran. Dass er ein fantastischer Trainer ist, ist unbestritten. Er hat taktisch unheimlich viel drauf. Und er kann gut mit jungen Spielern. Die Jungs haben alle viel mehr Selbstvertrauen als vergangene Saison, Favre scheint es ihnen einzuimpfen. Das Team blüht unter ihm richtig auf.

SPORT1: War der Atletico-Sieg eine Art Reifeprüfung für das junge Team?

Großkreutz: Das 4:0 war ein deutliches Zeichen. Der BVB zeigt souveräne Stärke. Aber wie gesagt: Es wird auch Rückschläge geben.

SPORT1: Wie fällt Ihr Urteil über Paco Alcacer aus? 

Großkreutz: Er trifft und trifft und trifft. Alcacer ist der Wahnsinn. Wenn er fit bleibt, wird er Dortmund noch sehr viel Spaß bereiten. Aber nicht nur er tut dem Klub richtig gut, sondern auch Sebastian Kehl. Er kennt den BVB, einer wie er hat in der Vergangenheit gefehlt. "Kehli" bringt Ordnung rein und macht einen super Job. Auch Matthias Sammer als externer Berater ist extrem wichtig und steht für den neuen Erfolg.

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SPORT1: Ist der BVB reif für den Titel?

Großkreutz: Langsam, langsam. Es gibt viele junge Spieler in der Mannschaft. Erst in einer Krise wird sich zeigen, ob man die Bayern richtig attackieren kann. Die Münchner haben die Erfahrung, auch nach Niederlagen stark zurückzukommen. Ich bin gespannt. Ich würde mich riesig freuen, wenn Dortmund Meister wird.

"Das Ergebnis ist herausragender Fußball"

SPORT1: Warum hat es etwas gedauert, bis nach den Ergebnissen auch der Glanz in der Mannschaft sichtbar wurde?

Großkreutz: Ich glaube, Favre wollte erst mal die Defensive stärken. Trainer und Mannschaft mussten sich kennenlernen, die ersten Spiele sind da immer schwer. Jetzt ist Euphorie da - und das Ergebnis ist herausragender Fußball.

SPORT1: Sehen Sie Parallelen zur Saison 2012/13, als Sie mit dem BVB bis ins Champions-League-Finale gestürmt sind?

Großkreutz: Wir waren auch eine sehr junge Truppe, haben jeden Gegner an die Wand gespielt. Natürlich sieht man Parallelen. Jetzt ist da auch eine junge Truppe, die richtig Bock auf Fußball hat. Das spüren auch die Fans. Ich traue der Mannschaft Ähnliches zu wie uns damals.

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SPORT1: Die Stimmung im Stadion soll jedoch nicht mehr so gut sein wie damals...

Großkreutz: Die Stimmung heute ist anders. Gegen Augsburg zuletzt explodierte das Stadion aber zum ersten Mal wieder. Da war es überragend. Dass es nicht mehr ganz wie damals ist, liegt an vielen Dingen. Die Fans kriegen das aber schon wieder hin, die Stimmung der Ultras auf die gesamte Tribüne überschwappen zu lassen. Das muss auch wieder passieren. Man darf nicht nur den Erfolg sehen, man muss auch wissen, wo man herkommt.

SPORT1: Wie wichtig ist der Fan in Dortmund für die Spieler?

Großkreutz: Die Stimmung im Stadion ist für einen Profi super-wichtig. Da können unglaubliche Kräfte freigesetzt werden. Vor allem in der 70. oder 80. Minute, wenn man als Spieler auch mal kaputt ist. Da muss die Borussia wieder hinkommen. Dann ist es sehr schwer, Dortmund zu Hause zu schlagen.

SPORT1: Wollen Sie nach Ihrer aktiven Karriere beim BVB einsteigen?

Großkreutz: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber erst mal spiele ich noch ein paar Jahre. Ich will Erfolg mit Uerdingen, der Aufstieg wäre genial. Ich möchte hier etwas aufbauen und den Fans etwas zurückgeben. Der KFC hat sich das nach vielen schlechten Jahren verdient.

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