Hitzfeld glaubt an Kovac
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München - Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld kennt den FC Bayern aus seiner Amtszeit beim Rekordmeister ganz genau. Im SPORT1-Interview analysiert der 69-Jährige die aktuellen Probleme.

Nach zwei Unentschieden und einer Niederlage aus den letzten drei Spielen steckt der FC Bayern München zum ersten Mal in der Ära Niko Kovac im Leistungsloch.

Dabei hatte der Rekordmeister zuvor mit sieben Siegen aus sieben Spielen eine makellose Bilanz aufzuweisen.

Was hat diese Mini-Krise hervorgerufen? Trainerlegende Ottmar Hitzfeld analysiert im exklusiven SPORT1-Interview die aktuellen Probleme.

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SPORT1: Herr Hitzfeld, wie lautet Ihre Zusammenfassung der aktuellen Bayern-Lage?

Ottmar Hitzfeld: Es ist keine Krise, sondern eine gewisse Verunsicherung. Mit Siegen kommt man da wieder raus. So wird es Niko Kovac auch kommentieren.

SPORT1: Wie kann es aus psychologischer Sicht sein, dass die Mannschaft innerhalb von 13 Tagen ein komplett anderes Gesicht abgibt als noch zu Saisonbeginn?  

Hitzfeld: Bei einer Spitzenmannschaft ist das immer möglich, weil sie ein sensibles Gebilde ist. Bayern München ist wie ein Ferrari-Motor. Da muss jedes Schräubchen passen. Wenn dann irgendwo was fehlt, kann das Große und Ganze nicht funktionieren. Und derzeit sind es eben Kleinigkeiten, die im Spiel der Bayern nicht passen.

SPORT1: Welche genau?

Hitzfeld: Die Mannschaft ist verunsichert, wenn sie auf Ungewohntes trifft. Und die Top-Stars sind auch nur Menschen, die Gefühle haben. Bei ihnen ist derzeit aber eine gewisse Verunsicherung da. Jeder hat aktuell ein bisschen mit sich selbst zu kämpfen.

SPORT1: Es fehlt auch an Spielwitz.

Hitzfeld: Wir haben ja über den psychologischen Aspekt gesprochen. Sobald der eine negative Rolle spielt, kommen die Pässe nicht mehr hundertprozentig an. Und wenn das Timing nicht stimmt, kommt auch kein Spielfluss auf. Ich glaube aber nicht, dass es mit der Kreativität zu tun hat. Die Bayern haben ja in den ersten sechs Spielen souverän gezeigt, dass sie das in sich haben. Jetzt ist halt eine Unsicherheit da, und man spielt den Pass eben mal einen Meter zu weit nach vorne oder hinten.

SPORT1: Sie kennen die Bayern aus dem Effeff. Ist da schon Feuer unter dem Dach?

Hitzfeld: Nein, und das wäre auch nicht gerechtfertigt. Niko Kovac wird die richtigen Worte finden. In so einer Situation brauchen die Spieler auch die Unterstützung vom Trainer und keine Kritik. Sie wissen genau, dass sie zurzeit nicht so gut spielen und auf dem Level sind, auf dem man sein könnte. Das sieht man ja auch an der Kritik der Spieler, denn die Bayern haben auch selbstkritische Spieler. Jetzt helfen nur Erfolgserlebnisse in Form von Siegen.

SPORT1: Thomas Müller forderte für das kommende Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach diesen Sieg. Ganz gleich, ob die Spielweise "wunderschön" sei oder nicht. 

Hitzfeld: Das hat er richtig gesagt. Es geht nicht darum, dass Bayern den Schönheitspreis gewinnt, sondern drei Punkte holt.

SPORT1: Dann fiele sicherlich auch der Wiesn-Besuch der Bayern am Sonntag etwas fröhlicher aus.

Hitzfeld: Genau, der gehört auch dazu. (lacht)

Verunsicherte Bayern-Stars: Wir sehnen uns nach einem Sieg

SPORT1: Würde Kovac eigentlich wackeln, wenn die Bayern auch im vierten Spiel hintereinander und unmittelbar vor der Länderspielpause straucheln?

Hitzfeld: Nein, da passiert sicher nichts. Kovac wird nicht in Frage gestellt. Aus meiner Sicht gibt es auch keinen Ansatz von Kritik an ihm. Bayern hat jetzt zwar geschwächelt und auch in Berlin verloren. Das kann aber passieren.

SPORT1: Lassen Sie uns bitte abschließend über die Rotation des Trainers sprechen.

Hitzfeld: Vor zwei Wochen wurde Kovac für sein goldenes Händchen noch gelobt, weil er rotiert hat und die Mannschaft trotzdem gewann. Von daher kann jetzt nicht alles falsch sein. Kovac wird auch weiterhin rotieren, und das ist auch richtig. Die Bayern haben so eine große Belastung, dass man die Kräfte einteilen muss. Man hat auch eine große Bank. Da muss man auch dem einen oder anderen Spieler eine Einsatzchance geben. Daran wird Kovac nichts ändern. Denn nach der Länderspielpause wird mit den Englischen Wochen wieder ein straffes Programm kommen.

SPORT1: Wie geht man mit Stars wie James um, die wegen ihrer Rotations-Rolle jetzt schon Frust schieben?

Hitzfeld: Zu Beginn der Saison kommentiert und moderiert man das mit den Spielern. Dann wissen sie, dass rotiert wird. Danach muss man als Trainer nicht immer alles kommentieren. Denn das sind schlichtweg Entscheidungen, welche die Spieler akzeptieren müssen.

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