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München - Die Bayern schlittern nach furiosem Saisonstart in die Krise. Bei Spielern und Trainer macht sich ungewohnter Frust breit. SPORT1 analysiert die Sieglos-Bayern.

Nicht einmal zwei Wochen ist es her, da attestierte Schalke-Manager Christian Heidel dem FC Bayern noch eine Unbesiegbarkeit. Er könne sich nach dem furiosem Saisonstart nicht vorstellen, dass die Münchner ein Spiel verlieren.

Eine These, die seitdem wie ein Fluch auf dem Rekordmeister liegt, denn die Bayern strauchelten fortan gegen Augsburg (1:1), verloren in Berlin (0:2) und holten nur mit Glück einen Heim-Punkt gegen die flinke Bubi-Truppe von Ajax Amsterdam (1:1).

Noch alarmierender als der drastische 12-Tage-Einbruch seit dem letzten Sieg auf Schalke ist aber, wie die stolzen Bayern mittlerweile klingen, weil sie aber auch nichts beschönigen

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"Keiner hat das erwartet, aber das ist der Fußball und das ist das Leben. Ich weiß, was die Stunde geschlagen hat", sagte Trainer Niko Kovac bei Sky - und bekam Unterstützung von Arjen Robben: "Es ist wichtig, dass wir nicht zu viel reden, sondern auf dem Platz die Dinge zeigen, die wir können."

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Doch woran liegt's? Nicht nur Thomas Müller ("Jetzt haben wir zwar einen großen Willen, aber wir machen einige Dinge falsch. Das ist nicht das, was wir wollen") rätselt über die Ursachen für die unerwartete Flaute. 

SPORT1 analysiert die Gründe für den Bayern-Einbruch.

Zu wenig Tempo

Die Bayern lieben den Ballbesitz und die daraus folgende Dominanz. Bleibt diese aus, gelingt es ihnen nicht, in allen Mannschaftsteilen mit Tempo Spielkontrolle auszuüben - ganz im Gegenteil. Die junge Ajax-Elf, deren Durchschnittsalter in München bei 24,4 Jahren lag, lief die routinierten aber in die Jahre gekommenen Bayern (Durchschnittsalter lag bei 30 Jahren) in Grund und Boden.

Tempo-Dribbler Kingsley Coman (Syndesmoseriss) ist bei den Bayern langzeitverletzt, Serge Gnabry unter Kovac noch kein Stammspieler. Die Außenverteidiger David Alaba und Joshua Kimmich sind gemäß ihrer Position vielfach mit Defensiv-Aufgaben verbunden.

Franck Ribery und Arjen Robben (zusammen 69 Jahre) fehlt es mittlerweile an Tempo auf den ersten Metern. "Man hatte das Gefühl, dass wir nicht den Zugriff hatten. Wir kamen immer einen Schritt zu spät", erklärte der Niederländer das Dilemma.

Zu wenig Kreativität 

Der Bayern-Kader ist zwar eingespielt (gegen Ajax und Berlin stand kein Neuzugang in der Startelf), aber es mangelt derzeit schlichtweg an Ideen im Offensivspiel und an der "Lässigkeit" (Müller). Zu Saisonbeginn war das anders.

"Chancen erspielen können wir. Das hat man auch in den zwei Partien vor Ajax gesehen”, hielt Manuel Neuer dagegen, wenngleich der Kapitän einräumte, dass es derzeit an "Glück", "Zielstrebigkeit" und  "Kaltschnäuzigkeit" fehle. Attribute, die jedoch zurückkämen.

Auffällig ist auch: Das Hinterlaufen der Außenverteidiger, ein Standard-Werkzeug der Bayern, wird immer besser verteidigt - und Robert Lewandowski zugestellt. Freigeist Müller müht sich, tut sich als Achter aber schwer, seine Rolle zu finden.

Während Kreativspieler James auch gegen Amsterdam zunächst auf der Bank saß, erwies sich Thiago als ineffizient. "Wir haben wenig Ideen Richtung Tor. Wir haben Chancen, aber die kommen oft aus dem Nichts. Wir müssen es wieder schaffen, den Gegner durch Ballbesitz hinten einzuschnüren und auch mal Druckphasen zu haben”, kritisierte und forderte Joshua Kimmich zugleich.

Frust-Potenzial steigt

Um 23.02 Uhr, nur rund zehn Minuten nach Abpfiff, verließ James wortlos und frustriert die Allianz Arena. Er war mal wieder nur Einwechselspieler. Der Kolumbianer ist das wohl prominenteste Rotations-Opfer unter Kovac, absolvierte in dieser Saison noch kein Spiel über die volle Distanz.

© SPORT1

Auch die Ersatzspieler Leon Goretzka, Niklas Süle und Dauerreservist Sandro Wagner verließen die Arena zügig und mit finsterem Blick. Robben, der gegen Ajax schwach spielte und bereits nach 62 Minuten ausgewechselt wurde, hält derzeit noch an sich, ließ sich bei der Auswechslung aber anmerken, dass sie ihm nicht schmeckte.

Für seinen Mut zur Rotation wurde Kovac anfangs der Saison vielfach gelobt, fast jede Personalentscheidung zahlte sich durch gute Leistungen aus, wodurch die Ersatzspieler keine Argumente für Kritik hatten. Dem ist jetzt nicht mehr so. Für das Mannschaftsklima ist das Gift.

Zu einfache Fehler

Thiago verlor gegen Ajax in der eigenen Hälfte den Ball, weil er mit einem Übersteiger den Gegenspieler unnötig vernaschen wollte. Boateng leitete mit einem Hacken-Fehlpass an der Mittellinie einen Konter ein. Zudem gab es eklatante Fehler im Spielaufbau.

Die Bayern bringen sich derzeit selbst in Bedrängnis und machen Fehler, die man bis zum Augsburg-Spiel kaum kannte. Erneut deutlich wurde Kimmich: "Wir sind leichtsinnig geworden, auch bei unserem Ballbesitz. Dadurch wurden wir nachlässig, haben viele Fehler gemacht und so den Gegner ins Spiel gebracht." Auch Kovac kritisierte, dass man zu fahrlässig gespielt habe, zu wenige Zweikämpfe gewann und jeder zweite Ball beim Gegner landete.

Vor allem Kovac muss jetzt zeigen, dass er die Bayern wieder auf Kurs bringen kann. Straucheln die Münchner auch am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach und verabschieden sich mit vier sieglosen Spielen in Folge in die Länderspiel-Pause, könnte es erstmals so richtig ungemütlich werden in München. Da würde auch der geplante Wiesn-Besuch der Mannschaft am Sonntag nichts dran ändern.

Schlusswort eines gezeichneten Müllers: "Wir müssen jetzt nochmal alle Kräfte mobilisieren und schauen, dass wir Samstag, egal wie und egal ob die Spielweise wunderschön ist, ein Ergebnis einfahren."

Wer hätte vor zwölf Tagen gedacht, dass solche Sätze von den Bayern kommen.

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