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München - Auf der JHV des FC Bayern München geht es hoch her. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge müssen vieles rechtfertigen. SPORT1 fasst zusammen, was bleibt.

Rund vier Stunden dauerte die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München am Freitagabend.

Mit im Gepäck hatten die Bayern-Bosse um Präsident Uli Hoeneß und Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge allerlei Ansagen und Einsichten.

Sie mussten ob der turbulenten vergangenen Wochen aber auch viel Gegenwind von den 1682 anwesenden Mitgliedern einstecken. Vor allem die Aufsehen erregende Brandrede von Klub-Mitglied Johannes Bachmayr wird in Erinnerung bleiben.

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Aber auch über Transfers, Trainer Niko Kovac, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und die Planspiele mit Oliver Kahn  wurde ausgiebig gesprochen. Was bleibt von der Bayern-JHV 2018? SPORT1 fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen:

- Dreesen vermeldet Rekordzahlen

Dass der FC Bayern seit jeher ein solide wirtschaftender Verein ist, ist bekannt. Es gilt die Maxime: Wir geben nicht mehr aus, als wir einnehmen. So konnte Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen für das abgelaufene Geschäftsjahr erneut Rekordzahlen vermelden.

Das Umlaufvermögen der AG beträgt 210 Millionen Euro, das Eigenkapital des Vereins nunmehr 451,3 Millionen Euro. Das entspricht einer Eigenkapitalquote von 66,5 Prozent. "Damit sind wir im Vergleich der europäischen Top-Klubs weiterhin Spitzenklasse", bilanzierte der 51-Jährige.

Interessant: Der Personalaufwand für alle Mitarbeiter, inklusive der Spieler, belief sich auf 302,5 Millionen Euro.

- Niko Kovac bekommt Rückendeckung

Was man seitens der Bosse lange vermisst hat, holten sie vor dem wichtigen Auswärtsspiel bei Werder Bremen am Samstag (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) nach. Unisono stärkten sie ihrem Trainer den Rücken.

"Ich finde, dass wir mit Niko Kovac einen guten, jungen Trainer verpflichtet haben, dem wir alle unsere Unterstützung geben sollten. Er hat eine Chance verdient", sagte Hoeneß und erntete dafür viel Applaus vom Publikum. Hoeneß beteuerte erneut, dass man gewusst habe, dass dies "eine Übergangssaison werde". Man habe den großen Umbruch bewusst nicht eingeleitet, um Kovac nicht auch noch mit der Integration zahlreicher neuer Stars zu belasten.

Rummenigge fügte hinzu: "Ich sehe einen Niko Kovac, der kämpft und bereit ist, Dinge zu ändern. Das gefällt mir. Unser Wunsch ist, dass Niko noch lange Zeit Trainer beim FC Bayern ist."

Demonstrative Rückendeckung, die nichts daran ändert, dass Kovac letztlich aus eigener Kraft das Ruder herumreißen muss.

- Uli Hoeneß kündigt Transfers "im größeren Stile "an

Der Präsident machte entschieden deutlich, was die Bayern vorhaben. "Wir haben ganz klar beschlossen, dass wir im nächsten Jahr im größeren Stile investieren werden", so Hoeneß. Das dazu "notwendige Kapital" habe man. Ebenso wolle man ab der kommenden Saison "vom ersten Spieltag konkurrenzfähig sein" - auch international.

Indirekt ließ er damit auch erkennen, dass Transfers in der kommenden Winterpause eher unwahrscheinlich sind, zumal verletzte Spieler wie James (Außenbandteilriss im linken Knie) und Corentin Tolisso (Aufbautraining nach Kreuzbandriss) bald wieder zum Kader gehören werden, ebenso wie Neuzugang Alphonso Davies ab Januar.

- Ribery und Robben sind auf Abschiedstournee

Vor allem Rummenigge rechtfertigte sich erneut für die Kaderzusammenstellung, an der es, auch wegen der Verkäufe, zuletzt Kritik gab (womit sie folglich keine Mitverantwortung für die sportliche Krise übernehmen wollen). Der Vorstandsboss lobte ausdrücklich die Neuzugänge Serge Gnabry ("Wird für Furore in der Offensive stehen") und Leon Goretzka ("Wird eine prägende Figur beim FC Bayern") sowie Rückkehrer Renato Sanches ("Werden noch eine Menge Spaß an ihm haben").

Zusammen mit Niklas Süle, Thiago, James, Tolisso, David Alaba, Kingsley Coman, Joshua Kimmich und Alphonso Davies seien sie "die Zukunft". Zudem sei Manuel Neuer "nach wie vor der beste Torwart der Welt" und Robert Lewandowski "der erfolgreichste Torjäger nach Gerd Müller".

Hoeneß verteidigte vor allem die im Frühjahr getätigten Vertragsverlängerungen der Oldies Franck Ribery und Arjen Robben, deren Verträge im Sommer 2019 auslaufen. Schon jetzt seien sie "Legenden beim FC Bayern", so der Präsident. Er verspricht: "Mit ihnen ist in dieser Saison noch zu rechen." Die Betonung lag auf "dieser Saison". Danach wird für die beiden Publikumslieblinge wohl Schluss sein.

- Bayern-Führung der Zukunft: Oliver Kahn wird "warmgehalten"

Auch in den Führungsetagen stellen die Bayern die Weichen. Hoeneß, der sich zu seiner Zukunft nicht äußerte, muss als Präsident im kommenden Jahr wiedergewählt werden. Der Vertrag von Rummenigge als Vorstandsvorsitzender läuft Ende 2019 aus.

"Wir haben vereinbart, dass vor Weihnachten eine Entscheidungen darüber gefällt wird, ob er weitermacht. Aus meiner Sicht würde ich mich darüber sehr, sehr freuen", sagte Hoeneß. Auf die Frage, ob Rummenigge sicher für zwei Jahre verlängern werde, sagte Hoeneß nach der Jahreshauptversammlung entschieden: "Ja."

Der Präsident versicherte zudem, "dass der Name Oliver Kahn in unseren Überlegungen eine Rolle spielt". Hoeneß stellte aber klar: "Oliver Kahn kommt dann in Frage, wenn Karl-Heinz aufhören sollte. Bis dahin werden wir uns gedulden und ihn warmhalten." Ob Kahn solange wartet, ist ein anderes Thema.

Eine mögliches, wenngleich unwahrscheinliches Szenario wäre auch, dass Hoeneß 2019 aufhört, sich Rummenigge dafür zur Wahl des Präsidenten aufstellen lässt und Kahn schon früher eingestellt wird. Auf SPORT1-Nachfrage betonte Hoeneß zudem: Es gebe keinerlei Überlegung, dass Kahn möglicherweise Salihamidzic als Sportdirektor ablösen könnte.

Klarer sind hingegen andere Entscheidungen im Vorstand: Finanz-Vorstand Dreesen und Internationalisierungs-Vorstand Jörg Wacker bleiben weitere fünf Jahre. Marketing-Vorstand Andreas Jung soll auch für weitere fünf Jahre unterschreiben.

- Hasan Salihamidzic wird vor Kritikern geschützt

Der Sportdirektor war auf der Jahreshauptversammlung nicht zugegen, flog dafür nach Absprache bereits mit der Mannschaft nach Bremen. Dennoch war Salihamidzic ein Thema im Audi Dome - auch unter den Fans. Kritiker Bachmayr warf dem Ex-Profi unter anderem vor, dass er bei seinem Antritt "nicht mal seine Tätigkeit beschreiben" konnte.

Auf SPORT1-Nachfrage stellte Hoeneß nach der Veranstaltung klar: "Hasan ist ein junger Mann, der sich da hineinarbeiten muss. Die Qualität der Kritik wird schwieriger, daran muss er sich gewöhnen. Der Fußball wird grundsätzlich auch schwieriger in den nächsten Jahren. Er wird lernen müssen, damit umzugehen. Er macht ein großes Stahlbad durch, aber wenn er ein Großer werden will, dann muss er da durch."

Soll heißen: Wie Kovac steht auch Salihamidzic noch unter dem Schutz der mächtigen Bosse. Die Gelegenheit, aus ihrem Schatten herauszutreten, bekam er aber mal wieder nicht: Hoeneß und Rummenigge erklärten, Salihamidzic wäre gern in den Audi Dome gekommen, sie aber hätten entschieden, dass er bei der Mannschaft gebraucht werde. Es folgte Gelächter im Publikum.

Auf Dauer muss sich Salihamidzic mehr profilieren, wenn solche Szenen sich nicht wiederholen sollen.

- Hoeneß bereut Wortwahl und gelobt Besserung

Der Präsident stellte klar, dass er sich in Form der "Abteilung Attacke" zunehmend zurücknehmen wolle. Das Motto: Lieber eine Nacht drüber schlafen, als loszupoltern. Hoeneß zeigte sich zudem reumütig, ob seines und Rummenigges Auftritts auf der legendären Pressekonferenz, auf der sie die Medien einerseits zu mehr Respekt vor ihren Spielern aufforderten - und Hoeneß im selben Atemzug Ex-Spieler Juan Bernat heftig kritisierte ("Scheißdreck gespielt").

Ein Verhalten, dass das Publikum ebenfalls nicht guthieß. "Diese Pressekonferenz war aus unserer Sicht notwendig", sagte Hoeneß und räumte gleichzeitig ein: "Die Art und Weise, wie diese Pressekonferenz abgelaufen ist, ist sicherlich verbesserungswürdig. Wenn wir wieder mal etwas Ähnliches machen, werden wir uns noch besser abstimmen und eine bessere Tagesform an den Tag legen."

Er macht aber auch klar, sich auch zukünftig verteidigen zu wollen, würde jemand aus dem Verein "unter der Gürtellinie" attackiert.

Was bleibt ist aber auch die Erkenntnis, dass Hoeneß noch immer dünnhäutig auf Kritik reagiert. Als ihn Bachmayr in dessen denkwürdiger Rede, für die das FCB-Mitglied aus dem Publikum massive Zustimmung bekam, heftig anging, reagierte Hoeneß beleidigt und verzichtete auf eine Diskussion. Das Publikum war erzürnt und buhte Hoeneß aus. Eine Reaktion, die ihm zusetzte.

- Riss mit Paul Breitner geht tiefer

Keine Chance auf eine Versöhnung scheint es zwischen Hoeneß und Kritiker Paul Breitner zu geben. "Ich werde zu dem Thema nix mehr sagen, ich habe mit Paul Breitner gebrochen, als ich aus dem Gefängnis kam - und das war's für mich." Beim Zwist zwischen dem Präsidenten und dem Ex-Markenbotschafter geht es also nicht nur um Breitners Kritik an der umstrittenen PK der Bosse.

Hoeneß stellte auch klar: Nicht er hätte Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen beauftragt, um Breitner mitzuteilen, sich nicht mehr auf der Ehrentribüne blicken zu lassen. Dreesen habe von sich aus gesagt: "Das mache ich."

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