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Nach der Pleite gegen Leverkusen beginnt auf Schalke der Abstiegskampf. Ex-Schalke-Trainer Peter Neururer kritisiert die Verantwortlichen und fordert ein Umdenken.

Wenn der FC Schalke 04 zum Abschluss der Hinrunde am Samstagnachmittag (Bundesliga: VfB Stuttgart - FC Schalke 04 ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) beim VfB Stuttgart gastiert, treffen die Knappen auf ihre Vergangenheit. 

Markus Weinzierl, als Vorgänger des jetzigen Schalke-Coaches Domenico Tedesco krachend gescheitert, sitzt seit einigen Wochen auf dem Trainerstuhl der Schwaben. 

Dabei gibt es eine frappierende Parallele: Der Rucksack eines Fünf-Pleiten-Starts, den Weinzierl vor zwei Jahren in Gelsenkirchen durch die Saison schleppen musste, sitzt nun auch auf den Schultern seines Nachfolgers.

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Und nicht nur das. Denn während Weinzierl 2016/17 nach 16 Spieltagen (Platz 11, 18 Punkte) die schlimmsten Sorgen hinter sich gelassen hatte, ist Schalkes Abstand zu den Abstiegsplätzen bedrohlicher denn je.

Nach der 1:2-Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen befinden sich die Königsblauen einen kümmerlichen Zähler vor dem Relegationsplatz - und den belegt ausgerechnet der kommende Gegner Stuttgart.

Keine Weiterentwicklung bei Schalke erkennbar

"Ich mache mir sehr viel Sorgen", gab Tedesco nach den frustrierenden 90 Minuten zu, die einmal mehr die eklatante Offensivschwäche der Schalker offenbarten.

Dass der Abstiegskampf mittlerweile in den Köpfen der Protagonisten angekommen ist, begrüßt Peter Neururer zwar. Der SPORT1-Experte hat dennoch große Sorgen um sein früheres Team und prangert vor allem dessen spielerische Armut an.

"Dass die Mannschaft kämpft, ist keine Frage", sagt Neururer bei SPORT1. "Sie muss aber mal langsam anfangen, Fußball zu spielen - und das mit Plan und Ordnung." Mittlerweile stelle sich heraus, dass sich der Segen des zweiten Platzes in der Vorsaison als Fluch erweist. 

Zu lange wurde am Erfolgskonzept festgehalten, das primär aus einer kompakten Abwehr und Standardtoren bestand. Eine spielerische Weiterentwicklung ist nicht zu erkennen, zudem gerät die Mannschaft zunehmend in eine Spirale aus Erfolgslosigkeit und Angst. 

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Die Folgen sind nicht nur sichtbar - sie sind mittlerweile auch zu hören: Schon bei der Champions-League-Pleite in Porto pfiffen sich die mitgereisten Fans ihren Unmut aus den Fingern, ebenso wie bei der Niederlage gegen Leverkusen. Selbst bei den treuesten Anhängern, die Tedesco nach der sensationellen Vize-Meisterschaft einen riesigen Vertrauensvorschuss zugestanden, scheint der Kredit mittlerweile aufgebraucht.

Neururer: "...dann herzlichen Glückwunsch!"

Die Schalker spielen trotz vermeintlich hochkarätiger Zugänge wie Suat Serdar, Omar Mascarell, Sebastian Rudy, Mark Uth und Salif Sane einen derart schlechten Fußball, dass es mit Tedescos Schonfrist vorbei ist.

Angesprochen auf Tedesco bleibt Sportvorstand Christian Heidel bei seiner Ansicht, dem letztjährigen Erfolgscoach weiter den Rücken zu stärken. "Ich tue mich schwer, einen Trainer infrage zu stellen, den vor vier Monaten noch alle bejubelt haben."

Während sich Neururer beim Übungsleiter zurückhält ("Ich kann seine tägliche Arbeit nicht beurteilen"), hinterfragt der Kulttrainer die Arbeit von Heidel. "Man hat für 150 Millionen Euro Spieler eingekauft, seitdem Heidel da ist, und ist im letzten Jahr bejubelt worden. Wenn diese Mannschaft nicht Fußball spielen kann - dann herzlichen Glückwunsch!"

So ganz ungeschoren kommt Tedesco bei Neururer dennoch nicht davon. "Ich kann mir vorstellen, dass er zumindest mal seine Ansprache ändern sollte", bemängelt er, "und 27 Systemwechsel innerhalb eines Spieles als gut zu bezeichnen - da sollte man sich auch mal überprüfen." 

Das prall gefüllte Lazarett lässt Neururer nur bedingt gelten, er vermisst schlicht den roten Faden: "Natürlich ist es problematisch, wenn vier, fünf Spieler aus dem Offensivbereich ausfallen. Nur wenn dann ein Haji Wright, der in der Oberliga nicht überragend spielt, plötzlich dabei ist, eine Woche später nicht mal im Kader steht und eine weitere Woche danach wieder in der Startelf steht - dann erkenne ich keine Linie."

Kaderausdünnung für Neururer keine Option

"Eine Mannschaft ohne Gesicht und Spielidee" - so lautet das ernüchternde Fazit von Neururer. "Wofür steht Schalke? Wofür hole ich einen Rudy? Mal spielt er, dann ist er wieder raus. Dann wird er mal eingewechselt. Wo ist da die Linie? 

Dass die Knappen Teile ihres Kaders gerüchteweise im Winter ausdünnen wollen (Embolo, Konoplyanka, Mascarell, Di Santo, Geis), kann Neururer ebenfalls nicht nachvollziehen. 

"Bei Johannes Geis ist es richtig, dass man ihn abgeben will, er spielt auf Schalke keine Rolle mehr. Aber alle anderen hat man doch erst verpflichtet. Wenn ich überlege, dass Embolo der Königstransfer war. Die jetzt alle wieder abzugeben - dadurch wird der Kader doch nicht besser!"

Geht es nach den Verantwortlichen, soll das Spiel in Stuttgart nun die Wende zum Besseren bringen - und die Statistik macht tatsächlich Hoffnung. Schalke hat bislang alle Spiele gegen die Mannschaften auf den letzten Tabellenplätzen (Nürnberg, Hannover und Düsseldorf) gewonnen.

Falls nicht, könnte der Rucksack für Tedesco tatsächlich so schwer werden, dass er ihn nicht mehr über die Winterpause hindurch schleppen kann - oder darf.

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