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Uli Hoeneß hat sich bei Bayern ein Denkmal gebaut. Am Freitag hat es erste Risse erhalten. Der Präsident muss einen Turnaround schaffen, kommentiert SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg.

Da war es wieder, dieses Grinsen. Es kommt immer dann zum Vorschein, wenn ein Plan von Uli Hoeneß aufgeht, oder etwas so läuft, wie er sich das vorstellt.

Der mächtige Präsident sah in Bremen einen knappen, aber souveränen 2:1-Sieg seiner Bayern. Ein schwieriges Auswärtsspiel, ein starker Gegner. Die Elf von Trainer Niko Kovac gewann, was nach den vergangenen Wochen keinesfalls als Selbstverständlichkeit erachtet werden darf.

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Wenige Stunden zuvor war Hoeneß' Gefühlslage noch eine andere. Audi Dome, später Freitagabend, ein junger Mann mit schwarzer Lederjacke und weißem T-Shirt betritt das Podium bei der Jahreshauptversammlung der Münchner.

Wortmeldungen der Mitglieder stehen auf dem Tagesordnungs-Punkt 8 unter "Verschiedenes". Bei den Bossen geliebt wie gefürchtet, denn sie sind unberechenbar und nicht zu beeinflussen. Zwischen "Ihr seid die Besten" bis hin zu dem, was geschehen soll, ist alles möglich.

Vor laufenden Kameras, rund 1600 anwesenden Mitgliedern und nur wenige Meter von Hoeneß entfernt, fegt ein Bayern-Fan mit einer epochalen Rede über den Mann hinweg, dem er früher als Kind nacheiferte. Nun aber nicht mehr.

Um zu erklären warum, hält er Hoeneß den Spiegel vor. Getreu dem Motto: Es ist nicht alles rosarot, Mia-san-mia ist nicht mehr vorhanden, die heile FC-Bayern-Welt existiert aktuell nicht. Breitner-Zoff, Kovac, Salihamidzic, Sponsoring, Super League, Medienschelte - es gibt kaum ein Thema, das Johannes Bachmayr nicht kritisiert.

Das Besondere daran war jedoch nicht die Kritik als solche. Es war die Zustimmung, die Bachmayr vom Publikum erfuhr. Und es waren die Pfiffe, Buh-Rufe und Beleidigungen, die Hoeneß über sich ergehen lassen musste, weil er sich der Diskussion mit Bachmayr anschließend nicht stellen wollte.

Hoeneß musste just in diesem Moment einsehen, dass er bei den Mitgliedern des FC Bayern aktuell keine hundertprozentige Unterstützung hat.

Er, der Bayern-Macher. Der den Verein seit den 70ern führt, ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Der FC Bayern ist Hoeneß' Lebenswerk. Er hat sein eigenes Denkmal gebaut, das selbst seinen Gefängnis-Aufenthalt überstand. Am Freitagabend bekam jenes Denkmal erstmals Risse.

Dass es so weit kam, ist gewiss nicht allein Hoeneß' Schuld. Aber er trägt als Dirigent eines Orchesters die Verantwortung und gab in jener Rolle in jüngerer Vergangenheit nicht immer den richtigen Takt vor. Die Folge: schiefe Töne, keine Harmonie, kein Ton passte zum anderen.

Auf der Jahreshauptversammlung gab Hoeneß zu erkennen, dass er aber auch weiterhin den Takt beim FC Bayern vorgeben will, er dafür aber künftig ruhigere Töne anschlagen wolle als zuletzt. Ein verstummender Präsident Hoeneß wäre zugleich einer, der in der Öffentlichkeit nicht mehr omnipräsent wäre. Eigentlich kaum vorstellbar, aber dem FC Bayern würde diese neue Marschroute gut tun.

Versteht sich Hoeneß fortan tatsächlich als primus inter pares wird vor allem der noch immer im Schatten stehende Sportdirektor-Neuling Hasan Salihamidzic profitieren. Er muss zwischen Kovac und der Mannschaft zum starken Mann werden. Zum Puffer, zum Seismograph. Hoeneß muss ihm diese Bühne übergeben, seine Macht mehr im Hintergrund ausüben.

Gelingt Hoeneß dieser Turnaround, wird er zukünftig auch nach einer Jahreshauptversammlung wieder lachen können.

Wenn Applaus überwiegt, nicht Pfiffe. Vielleicht wollen seine Zuhörer dann sogar eine Zugabe - als Präsident.

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