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Bremen - Borussia Dortmund stellt im Weserstadion die komplette Spielzeit nach und muss nach einem unerklärlichen Leistungseinbruch das große Ziel wohl abschreiben.

Nach einer Heimniederlage im Derby gegen Schalke 04 hätte der Empfang der Dortmunder Fans für ihre Mannschaft verbittert sein können oder demoralisierend.

Die Anhänger von Borussia Dortmund entscheiden sich beim Auswärtsspiel in Bremen aber für einen anderen, aufmunternden und kämpferischen Weg. "Es ist erst vorbei, wenn's vorbei ist", hatten die Fans auf ein Plakat gemalt und über den kompletten Gästeblock gespannt.

Die Chance auf den Meistertitel war ja immer da und vielleicht ist das auch nach dem letztlich enttäuschenden Remis von Bremen noch so. Aber die Art und Weise, wie Dortmund gegen Werder den sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand gab und zum wiederholten Mal in dieser Saison extreme Probleme dabei offenbarte, eine komfortable Führung auch über die Zeit zu bringen, ließ fast alle Beteiligten ratlos zurück.

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Lucien Favre, Michael Zorc, Thomas Delaney und Christian Pulisic stellten sich nach dem 2:2 (0:2) im Bauch des Weserstadions. Vier Protagonisten, vier Einschätzungen, kein befriedigendes Ergebnis. Immerhin: Es gibt ein paar Ansätze, warum der BVB nicht nur in Bremen, sondern im Prinzip in der kompletten Saison zwei Gesichter zeigt. (Zum Spielbericht)

"Von sehr gut bis schlecht"

"Wir haben in der ersten Halbzeit hervorragend gespielt und hätten mehr Tore machen müssen. Und in der zweiten Halbzeit verlieren wir die Kontrolle und schenken den Sieg durch zwei individuelle Fehler einfach her", sagte Zorc. "Wir haben mal wieder den Sack nicht zugemacht."

Seine Spieler waren um tiefgründigere Ursachenforschung bemüht. "Wir sollten nicht so müde sein in den Beinen und im Kopf", meinte Pulisic. "Mit dem Druck hat das nichts zu tun. Wir sind Profis, gehen raus und spielen unser Spiel. Aber wir müssen diese Probleme endlich abstellen."

Delaney, der an alter Wirkungsstätte erst bärenstark spielte und danach mit unterging, erlebte "eine gefühlte Niederlage. Wir haben in den letzten Wochen kein Rezept, keinen Schlüssel, wenn der Gegner drückt und Dinge bei uns nicht mehr laufen. Unser Leistungsniveau geht von sehr gut bis schlecht. Ich kann das nicht erklären, warum uns kleine Dinge so aus der Ruhe bringen."

Gewohnt kryptisch blieb der Trainer, Lucien Favre verwies einmal mehr auf die Tatsache, dass viele Sachen zu verbessern seien - so wie der Schweizer schon vor einem dreiviertel Jahr geklungen hatte, in der Vorbereitung auf diese Saison. Substanzielles zur Ergründung der Frage, warum diese gar nicht so unerfahrene Mannschaft immer wieder die selben Symptome zeigt, wollte Favre aber offenbar nicht beitragen.

Für SPORT1-Experte Reinhold Beckmann ist das Nervenflattern der Dortmunder nach ihrem 2:0-Vorsprung nicht nachvollziehbar. "So ein Spiel kannst du nicht weggeben. Das Selbstvertrauen ist in der Rückrunde wacklig. Alles ist zerbrechlich", sagte Beckmann im CHECK24 Doppelpass.

Zum fünften Mal verspielte die Mannschaft in dieser Saison eine Führung und zeigte auch in einigen erfolgreich bestrittenen Partien dramatische Auflösungserscheinungen. Gegen Hoffenheim wurde aus einem 3:0 noch ein 3:3. Mainz spielte der BVB 80 Minuten lang komplett an die Wand und hätte auch 5:0 führen können. Am Ende wirkte die Mannschaft nach einem eher zufälligen Gegentor wie ein Hühnerhaufen und schummelte sich irgendwie noch ins Ziel.

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Gegen Schalke führte Dortmund im Derby, ließ sich durch einen zweifelhaften Elfmeter aus der Bahn werfen und verlor in der Folge komplett die Nerven, was zu zwei ultraharten Fouls und entsprechenden Platzverweisen führte. Und nun der Absturz fast aller Systeme im Weserstadion.

Es fehlt der Killerinstinkt

Es fehlt offenbar auch im Endspurt der Saison noch an Abgeklärtheit, Reife und einer guten Portion Killerinstinkt. Der BVB kontrollierte Werder im eigenen Stadion wie noch keine andere Mannschaft zuvor in dieser Saison und erspielte sich ein gutes halbes Dutzend bester Einschussmöglichkeiten zusätzlich zu den beiden Toren. Und dann genügt meist schon ein Negativerlebnis, um die scheinbare Dominanz wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. In Bremen war das Roman Bürkis Fehler beim Anschlusstreffer, von dem sich die Mannschaft kaum noch erholte.

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Auch Favres Wechsel und Umstellungen in der Schlussphase und der Versuch, volles Risiko zu gehen, konnten das Spiel - und damit vielleicht auch die komplette Saison - nicht mehr wenden. Eine Szene verdeutlichte die eigenartige Gemengelage bei der Borussia wohl sehr gut: Als Schiedsrichter Marco Fritz das Handspiel von Mario Götze überprüfte und beide Mannschaften fast zwei Minuten lang warten mussten, steckten die Bremer und ihr Trainerteam an der Seitenlinie die Köpfe zusammen, schmiedeten zusammen den Schlachtplan für die letzten Minuten. Dortmunds Spieler dagegen blieben alleine oder in kleinen Grüppchen über das Spielfeld verstreut, jeder offenbar mit sich selbst beschäftigt und ohne zusätzlichen Impuls von der Bank.

Wo ist die (eingekaufte) Mentalität?

Vor der Saison und in der an den Ergebnissen gemessen herausragenden Hinserie lobten sich die Dortmunder Verantwortlichen unter anderem auch dafür, auf die Analyse der ziemlich missratenen letzten Saison auf dem Transfermarkt entsprechend reagiert zu haben. In Delaney und Axel Witsel holte der BVB nicht nur mehr Körperlichkeit, sondern auch Mentalität ins Team - so durfte man bis vor wenigen Wochen glauben. Spieler, die gegensteuern und sich in den Wind stellen, wenn es schlecht läuft oder die Mannschaft dringend Hilfe benötigt. Aber auch Delaney und Witsel, für viel Geld eingekauft, können in diesem Segment derzeit keine Lösungen bieten. Ein am Ende unterschätztes Problem?

In den wichtigen Spielen des letzten halben Jahres hat die Mannschaft die nötige Widerstandsfähigkeit vermissen lassen und muss jetzt nach dem Pokal und der Champions League wohl auch die dritte Titelhoffnung zu den Akten legen. "Wir sind ja keine Träumer. Die Bayern sind in der klaren Pole Position und haben diese weiter ausgebaut", sagte Zorc. "Aber im Fußball gibt's die dollsten Dinge und es ist unsere Pflicht, bis zum Ende daran zu glauben."

In der Tat scheint in dieser verrückten Saison bis zum letzten Spieltag alles möglich. Auch, dass die Bayern aus ihren beiden Spielen in Leipzig und gegen Frankfurt nur noch einen Punkt holen und der BVB dann bei eigener maximaler Ausbeute doch noch vorbeizieht. "Gefühlt ist die Meisterschaft vorbei", sagte Thomas Delaney und fügte im besten Deutsch-Englisch-Mix an: "Jetzt brauchen wir ein Miracle!"

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