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Troisdorf und München - Der 1. FC Köln ist wieder erstklassig. Im SPORT1-Interview spricht Klub-Legende Wolfgang Overath über seinen Herzensverein und eine schwere Zeit.

Wolfgang Overath verbindet der Fußball-Fan mit dem 1. FC Köln wie Uli Hoeneß mit dem FC Bayern.

Der heute 75-Jährige spielte seine gesamte Karriere nur bei den Geißböcken. Von 1963 bis 1977 absolvierte Overath 409 Bundesligaspiele für die Kölner. 1974 wurde er mit der Nationalmannschaft Weltmeister. Nach seiner aktiven Laufbahn war Overath in verschiedenen Positionen beim FC tätig, unter anderem von 2004 bis 2011 als Präsident.

Im SPORT1-Interview spricht der gebürtige Siegburger über den Aufstieg seines Herzensvereins, die ihn begleitenden Querelen und die Aussichten für die neue Saison.

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SPORT1: Herr Overath, Ihr FC ist mal wieder aufgestiegen. Wie fühlen Sie sich damit? 

Wolfgang Overath: Gut. Aber das 'mal wieder‘ ist stark übertrieben. Wir sind zwar ein paar Mal in den vergangenen zehn oder 20 Jahren auf- und abgestiegen. Aber der FC gehört nach wie vor zu den ganz großen Vereinen in Deutschland. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, der Hamburger SV oder auch Schalke 04 - diese Klubs haben alle eine große Tradition. Und natürlich ist immer wieder die Leistung der Münchner in den vergangenen Jahrzehnten ganz hoch einzuschätzen.

Wir gehören in die Bundesliga. Und ich hoffe, wir bleiben auch länger da. Der FC war immer mein Verein, und das bleibt auch so. Ich habe nirgendwo anders gespielt. Deshalb hänge ich am Klub, mit allem was ich habe.

SPORT1: Sie sprechen daher immer noch von wir? 

Overath: Ich würde nie in ein anderes Stadion gehen und sagen 'So, jetzt bin ich Fan von diesem Klub'. Und wenn wir noch zwei Klassen weiter absteigen würden, wäre ich mit meinem ganzen Herzen immer noch FCer. Ich freue mich unglaublich, dass wir wieder in der ersten Liga spielen, weil es eine ganz andere Außendarstellung für den Verein ist. Wir gehören einfach in die erste Liga.

Wichtig ist für mich auch. große Spieler wieder zu sehen. Nichts gegen die Qualität der 2. Liga. Aber es ist natürlich interessanter, wenn man ins Stadion geht und einen Robert Lewandowski sehen kann. 

SPORT1: Früher wurde der FC in einem Atemzug mit den Bayern genannt.

Overath: Wir hatten zu Beginn der Bundesliga gute Zeiten wie heute die Bayern. Wir waren den anderen Klubs meilenweit voraus. Bei Auswärtsspielen haben wir uns noch in der Garage umgezogen, während es bei uns schon ein wunderschönes Geißbockheim gab. Wir hatten weiße Trikots, die wurden von Dior gemacht. Und die anderen spielten in bunten Trikots, die oft wie Kartoffel-Säcke aussahen. Diese Zeit wurde durch unseren damaligen Präsidenten Franz Kremer geprägt, der leider viel zu früh gestorben ist. Aus dieser Zeit ist diese große Tradition entstanden. 

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SPORT1: Sie waren selbst Präsident des FC.

Overath: Ich habe das fünf Jahre mitgemacht. Damals spielten wir in der 2. Liga. Dann sind wir mit Huub Stevens aufgestiegen und er hörte nach dem großen Erfolg auf. Das war damals für uns eine schwierige Situation, weil er mit der Mannschaft sehr gut zurechtkam. Doch er konnte wegen seiner erkrankten Frau nicht mehr weiterarbeiten. Wir holten Uwe Rapolder als neuen Trainer. Er hatte in Bielefeld zuvor einen überragenden Job gemacht. Man konnte seine Handschrift als Trainer absolut erkennen. Rapolder war und ist ein feiner, anständiger Kerl mit sehr viel Fachwissen. Jedoch war der Standort Köln für ihn im Vergleich zu Bielefeld nicht einfach. Es war wahrscheinlich eine Nummer zu groß. 

Dann sind wir abgestiegen, uns gelang aber wie jetzt zum Glück die direkte Rückkehr in die Bundesliga. Der FC hat alle Möglichkeiten aufgrund der Tradition, der Fans und der Mitgliederzahl sich länger dort zu etablieren. Ich glaube, dass es für uns von Vorteil ist, dass Union Berlin und der SC Paderborn jetzt in der Bundesliga spielen. Beide sind aufgrund Ihrer finanziellen Situation wahrscheinlich nicht in der Lage, die ganz großen Schritte auf dem Transfermarkt zu unternehmen. Wenn Stuttgart, Hamburg, Nürnberg oder Hannover in der Liga geblieben wären, wäre das schwieriger für uns geworden. Das heißt jedoch nicht, dass Union und Paderborn gleich wieder absteigen werden. 

SPORT1: In Köln werden aber schnell Luftschlösser gebaut.  

Overath: So ist das oft bei den Rheinländern (lacht). Man sollte nicht zu schnell zu viel Druck ausüben. Man muss dem neuen Team und Achim Beierlorzer (neuer FC-Coach, d. Red.) Zeit geben. Und eins ist natürlich schwer: Vor fünf oder zehn Jahren waren zwei Millionen Euro Ablösesumme eine ganze Menge Geld für einen Spieler. Wenn man heute einen guten Profi verpflichten will, kostet er fünf bis zehn Millionen Euro. 

SPORT1: Schwierig war in den vergangenen Jahren auch Ihre Verbindung zum FC. Was waren die Gründe? 

Overath: Es gab diese Auseinandersetzungen mit dem ehemaligen Präsidenten Werner Spinner. Ich fand es damals einfach nicht okay, wie er über mich und den Vorstand in der Öffentlichkeit gesprochen hat. Deshalb zog ich mich zurück. Ich wollte da nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Das war nicht mein Niveau. Es war eine schwere Zeit. Irgendwann konnte ich wieder einen Schritt auf den Verein zugehen und gehe auch wieder ins Stadion. Herr Spinner ist nicht mehr da, und unseren Streit haben wir in der Zwischenzeit beigelegt. Ich bin im Reinen mit dem FC.

SPORT1: Armin Veh hat den Machtkampf gegen Herrn Spinner zuletzt gewonnen.

Overath: Es scheint so. Ich weiß aber im Detail nicht, was da genau passiert ist und zwischen den beiden besprochen wurde. Es wäre also fatal, da etwas hineinzuinterpretieren. Spinner ist nicht mehr da, und Veh macht weiter. Warum sollte man sich von ihm trennen, wenn er Erfolg hat? Er macht einen guten Job. Genauso wie Alexander Wehrle (Geschäftsführer Finanzen, d. Red.). Beide arbeiten ruhig und kommen gut miteinander aus. Ständige, interne Querelen gehören der Vergangenheit an. Veh ist ein alter Hase im Fußball-Geschäft. Er hat ein gutes Auge und kann mit Leuten umgehen. Er macht das sehr geschickt, drängt sich nicht zu sehr in den Vordergrund. Die Trainer-Entscheidungen im vergangenen Sommer mit Markus Anfang und jetzt mit Beierlorzer hat er konsequent getroffen. 

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in Troisdorf bei Köln mit Wolfgang Overath zum Exklusiv-Interview © Reinhard Franke

SPORT1: Sie haben Markus Anfang angesprochen. Er wurde auf Platz 1 beurlaubt. Für Sie nachvollziehbar?

Overath: Als Außenstehender wirkt das natürlich etwas sonderbar. Aber Veh wollte das Ziel Aufstieg nicht gefährden. Anfang ist ein guter Typ und ein guter Fußballlehrer. Was zwischen den beiden diskutiert und besprochen wurde, müsste man Veh und Anfang fragen. Man muss aber auch sagen: ein Wechsel von Kiel in die Millionen- und Medienstadt Köln ist nicht einfach für einen Trainer.  

SPORT1: Der neue Trainer Achim Beierlorzer kommt auch aus einem idyllischeren Umfeld als in Köln. Was halten Sie von ihm? 

Overath: Vor dem, was er bei Jahn Regensburg geleistet und bewegt hat, muss man den Hut ziehen. Er wirkt sehr kompetent, sachlich und ruhig. Und ist offenbar total von sich überzeugt. Aber das traf auch auf Markus Anfang zu. Wenn Beierlorzer mit dem Umfeld klarkommt, wird er das sicherlich schaffen. Er hat in Regensburg eine Mannschaft aufgebaut, mit der keiner gerechnet hat. Das war ansehnlicher und auch erfolgreicher Fußball.

SPORT1: Wie möchten Sie den neuen FC sehen?

Overath: Ich möchte gerne einen FC sehen, der fußballerisch Mittel findet, um mitzuspielen. Einen Trainer, bei dem man erkennen kann, dass da Fußball gespielt und nicht nur gearbeitet wird. Der FC muss zu Hause wieder eine Macht werden. Das ist das Wichtigste für einen Aufsteiger, man muss in den Heimspielen entscheidend punkten. Begeisterung im eigenen Stadion ist ein ganz wichtiger Faktor.  

Die Mannschaft muss jetzt nicht um die ersten fünf oder sechs Plätze spielen. Es wäre jedoch schön, wenn sie relativ schnell mit den hinteren Plätzen nichts zu tun hätte. Unter Peter Stöger wurde richtig guter Fußball gespielt - mit einem bärenstarken Anthony Modeste. Wenn man so einen Stürmer hat, dann ist das schon eine Menge wert. Aber ganz wichtig ist eine starke Defensive, wie wir sie unter Stöger hatten. Ich hoffe, dass wir unter Beierlorzer ähnlich spielen werden. 

SPORT1: Ein trauriges Thema ist das Aus von Toni Schumacher. Was sagen Sie dazu?  

Overath: Toni hat sicher nicht damit gerechnet und ist bestimmt enttäuscht, weil er immer mit Leib und Seele beim Verein dabei war. Er liebt den FC. Es fing an, als Herr Spinner seinen Rücktritt erklärte. Bis dahin sind alle sicher davon ausgegangen, dass sie im nächsten Jahr in der gleichen Konstellation weitermachen, also mit Toni. Ich finde es für ihn persönlich sehr schade, kann aber zu den Gründen nichts sagen. 

SPORT1: Was ist Ihre Hoffnung für den FC?

Overath: Zuerst einzig und allein der Klassenerhalt. Wir haben eine gute Mannschaft. Das Ziel muss es sein relativ schnell an die 40 Punkte heranzukommen und nicht abzusteigen. Kleine Schritte zum großen Ziel. Im nächsten Jahr kann man dann einen Platz im Mittelfeld anstreben. Alles sollte langsam weiterentwickelt werden.

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