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München - Der Vater von Hans-Joachim Watzke arbeitete sich vom Maurer zum Bundesverdienstkreuzträger hoch. Auch der Sohn hat sich nicht nur als BVB-Boss hervorgetan.

Hans-Joachim "Aki" Watzke schmunzelte und lehnte sich zurück. Borussia Dortmunds Geschäftsführer war zu Gast im SPORT1-Doppelpass. Er sollte über seinen Spieler Marco Reus sprechen. Über das Werben des FC Bayern. Und über die Aussagen von Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, dass man keine Unruhe beim BVB erzeugen wolle.

Und Watzke sprach: "Auf der nach oben hin offenen Heuchler-Skala ist das schon ein ganz hoher Wert." Das Publikum johlte. Watzke genoss den Applaus.

Dieser Auftritt aus dem November 2014 charakterisiert den BVB-Boss ganz gut. Watzke, der am 21. Juni 60 Jahre alt wurde, ist kein Mann für verklausulierte Sätze. Er schätzt das klare Wort, hat dabei mitunter den Hang zum Poltern. Angst, sich angreifbar zu machen? Scheint er nicht zu haben.

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"Aki habe ich das erste Mal getroffen in dem Unternehmen eines seiner Freunde. Es war nach Feierabend, alle Leute waren schon weg, und ich saß da allein mit ihm", schildert Dortmunds langjähriger Erfolgstrainer Jürgen Klopp das Kennenlernen in "Echte Liebe. Ein Leben mit dem BVB". Das Buch, das Watzke gemeinsam mit dem FAZ-Sportjournalisten Michael Horeni verfasste, stellt er am heutigen Donnerstag gemeinsam mit dem Coach des FC Liverpool auf dem Literaturfestival lit.ruhr vor.

Klopp kannte Watze nur aus dem Doppelpass

"Ich kannte Aki zuvor eigentlich nur aus dem Fernsehen, aus dem Doppelpass. Da kam er mir immer vor wie ein Bezirksliga-Zehner, der den Fußball liebt, dem klassische Stammtischparolen nicht fremd sind und der die Öffentlichkeit nicht scheut", meinte Klopp weiter. 

"Er machte aber durchaus einen intelligenten Eindruck. (...) Wir waren uns direkt sympathisch. Und wir haben schnell gemerkt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Offensichtlich war bald: Wir haben beide, lapidar gesagt, ein ziemlich großes Mundwerk. Und wir haben kein Problem damit, was einzustecken."

Mit seiner Art, für die ihn die ganze Fußballnation kennt, war Watzke in Dortmund stets erfolgreich. 2005 kam der langjährige Schatzmeister an die Klubspitze. Der Bundesligist durchlebte damals eine existenzbedrohende Krise. Watzke erzählte später, dass der damals hochverschuldete BVB einen Millimeter vor der Insolvenz gestanden habe. Letztendlich stimmten die Anleger bei einer Versammlung dem Sanierungsplan zu. Der BVB war gerettet.

Als Fußballer war Watzke Spielmacher

Sechs Jahre nach dem Showdown um die Klubzukunft konnte Watzke feiern. Seine Schwarzgelben gewannen 2011 die Deutsche Meisterschaft. Der Geschäftsführer lag sich mit Klopp in den Armen. Watzke schmauchte Siegerzigarren. Und er stand mit auf dem Wagen, der den Borsigplatz entlangfuhr.

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Es war die Zeit der rauschenden Feste in Dortmund. In der Saison 2011/2012 holte der Klub das Double. Für Watzke gab es sogar das Triple: Deutscher Meister, Sieger im DFB-Pokal und Aufstieg in die Landesliga Westfalen.

Letztgenannten Erfolg schaffte der Sauerländer als Präsident von Rot-Weiß Erlinghausen. Im Ortsteil der Stadt Marsberg ist Watzke zuhause. Sein 2014 verstorbener Vater Hans - der sich in der Nachkriegszeit vom einfachen Maurer zum Bauingenieur, CDU-Landtagsabgeordneten und Bundesverdienstkreuzträger hochgearbeitet hatte - schleppte den damals dreijährigen Sohn mit zum Amateurklub.

Hans-Joachim Watzke (ebenfalls CDU-Mitglied) durchlief in Erlinghausen sämtliche Jugendteams. In der ersten Mannschaft übernahm er später die Rolle des Spielmachers.

BWL studiert, Unternehmen gegründet

Watzke hatte Talent. Für eine Profikarriere reichte es aber nicht. Er studierte also Betriebswirtschaftslehre. Im Alter von 30 Jahren gründete Watzke seine eigene Firma - mit der er schon die Fähigkeiten unter Beweis stellte, die später für den BVB so wertvoll wurden.

Mit einem Angestellten, einer Halbtagskraft und einem Gabelstapler ging es 1990 bei Watex los. Nun macht das Unternehmen, das Sicherheitsbekleidung und Feuerwehr-Uniformen herstellt, pro Jahr bis zu 20 Millionen Euro Umsatz.

Hans-Joachim Watzke und Ehefrau Annette haben zwei gemeinsame Kinder
Hans-Joachim Watzke und Ehefrau Annette haben zwei gemeinsame Kinder © Getty Images

Watzkes Frau Annette führt mittlerweile die Geschäfte bei Watex. Mit Sohn Marc steht schon die nächste Generation bereit. Der 24-Jährige ist Stammspieler in Erlinghausen. Wenn es seine Zeit zulässt, mischt sich Hans-Joachim Watzke bei den Landesliga-Partien unter die Zuschauer.

Um auswärts unerkannt zu bleiben, trug der BVB-Geschäftsführer schon mal Kappe und Sonnenbrille. "Mittlerweile nützt das nichts mehr, weil sich herumgesprochen hat, dass ich meinem Sohn zuschaue, so oft ich kann", sagte er im Interview mit Funke Sport. Dabei erklärte Watzke auch, dass die Erlinghäuser vermutlich Stolz entwickelt hätten ob des Werdegangs, den ihr "Aki" genommen hat.

Mourinho und Perez als Freunde

Watzke kommt aber nicht nur in der Heimat gut an. Watzke bewegt sich auch auf dem internationalen Parkett souverän. Er nennt Startrainer José Mourinho einen Freund. Auch mit Real Madrids allmächtigem Präsidenten Florentino Pérez versteht er sich ausgesprochen gut. Die beiden kennen sich aus vielen Champions-League-Duellen.

Perez steht einem Klub mit großer Tradition vor. Er ist somit auf Watzkes Seite. Von Konzernen oder Mäzenen alimentierte Klubs sieht Dortmunds Geschäftsführer hingegen kritisch. Mitgliederversammlungen nutzt er auch, um gegen ungeliebte Konkurrenten zu sticheln.

"Der VfL Wolfsburg reist mit 136 Fans durch die Gegend, dazu gucken vielleicht 100 Wolfsburger die Spiele auf Sky", spottete Watzke einst über die Niedersachsen. Auch Breitseiten gegen die TSG Hoffenheim und deren Mäzen Dietmar Hopp erlaubt sich Watzke gerne. Kostprobe gefällig? "Wo wären die ohne den weißen Ritter aus Hoffenheim? Wir können eben nicht sagen, lieber Dietmar Hopp, lass es Geld regnen!", sagte Watzke bei einer Versammlung ins Mikrofon.

Zudem arbeitet er sich gerne an RB Leipzig ab. Als die BVB-Mitglieder mal wieder Sticheleien in Richtung der Sachsen erwarteten, verpackte Watzke seine Kritik geschickt: "Alle 150 zahlenden Mitglieder von RB Leipzig können jetzt den Live-Stream abstellen, ich werde dazu nichts sagen."

Großes Ziel: Nochmal Meister mit dem BVB

Bei den ganzen Emporkömmlingen vergaß es Watzke zeitweise, sich seinen alten Lieblingsfeind vorzunehmen: den FC Bayern. Doch in diesem Frühjahr war es wieder soweit. Als Bayern und der BVB um die Meisterschaft kämpften, da hatte Watzke einen Spruch parat. "Wenn die Meisterfeier auf dem Marienplatz stattfindet, kommen 3000 Leute plus 1500 Touristen", sagte er in Richtung München.

Für Watzke hätte es ein anderes Gewicht, wenn ein Klub wie Dortmund den Titel gewinnen würde. Die Leute in der Stadt seien an den Spieltagen elektrisiert. Dass Watzke mal wieder die Meisterschaft am Borsigplatz feiern möchte, hat er zuletzt oft zum Ausdruck gebracht. Sieben Mal in Folge gewannen die Bayern den Titel. Mit Investitionen in Spieler wie Mats Hummels, Thorgan Hazard und Julian Brandt sah sich der BVB gut gerüstet, die Serie zu beenden.

Doch die aktuelle Lage lässt trefflich darüber diskutieren, ob der Zeitpunkt von Watzkes Buchveröffentlichung so klug gewählt ist. Und ob ein gemeinsamer öffentlicher Auftritt mit Klopp dem angezählten BVB-Coach Lucien Favre nutzt, darf bezweifelt werden.

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