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München - Mit der Verkündung seines Karriereendes gelingt Arjen Robben der schwierige Abschied zum richtigen Zeitpunkt. Geprägt hat er die Bundesliga wie wenige zuvor.

Es waren Szenen, die viel über Arjen Robben erzählten, zumal sein FC Bayern gerade 3:1 führte. Wütend trat Robben gegen den Pfosten, als Franck Ribéry und nicht er nach einer Stunde herbeigewunken wurde zur Einwechslung. Für Robben kam das einer Beleidigung gleich. Und als auch er sechs Minuten später das Signal bekam, an der Reihe zu sein, legte der 35 Jahre alte Niederländer von der Aufwärmzone einen Vollsprint zur Mittellinie hin, als gehe es um die wichtigsten Minuten seiner Karriere.

Keine Sekunde wollte er verschenken an diesem 18. Mai, bevor er für Serge Gnabry in der 67. Minute endlich den Rasen für seinen letzten Bundesligaeinsatz betreten durfte. Zumindest gefühlt waren es für ihn wohl tatsächlich mit die wichtigsten Minuten seiner Laufbahn.

Sein Jubel bald darauf später fiel sogar ähnlich euphorisch aus wie nach seinem wichtigsten Tor seiner Karriere, dem 2:1-Siegtreffer nach Ribérys Hackenvorlage im Finale der Champions League 2013 in Wembley gegen Borussia Dortmund auf dem Weg zum damaligen Triple. Das war ein Jahr nach Robbens schwierigster Phase in München samt Pfiffen der Fans nach seinen verschossenen Elfmetern gegen den späteren Meister Dortmund und im verlorenen Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea.

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Nun, bei seinem letzten Ligaeinsatz, gelang ihm ein vergleichsweise schnöder Treffer, sein 99. in der Bundesliga. Ein Zuspiel von David Alaba schob Robben aus zwei Metern zum 5:1 gegen Eintracht Frankfurt ins leere Tor. Danach lief Robben wie entrückt Richtung Eckfahne und rutschte auf den Knien über den Rasen. "Wenn man ein Drehbuch schreibt, kommt es so zu Ende", sagte Robben später über den fast kitschigen Ausstand aus der Münchner Arena, den auch Ribéry mit seinem letzten Tor für die Bayern gekrönt hatte.

"Wenn man ein Drehbuch schreibt..."

Seit Donnerstagabend weiß das Publikum, dass es vor anderthalb Monaten Robbens letztes Tor seiner Profikarriere gesehen hatte. In einer langen persönlichen Erklärung gab er das Ende seiner Laufbahn bekannt. Und wie er diesen Entschluss begründete, kam typisch für Robben daher. Er hat sich von all den Avancen möglicher neuer Arbeitgeber nicht beirren lassen, sein Ding zu machen, sich bei seiner Entscheidung ganz auf sich selbst zu verlassen. Und Robben kam bei seinem letzten Solo zu der Erkenntnis, dass es das Vernünftigste ist, nun endgültig Schluss zu machen.   

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"Ich habe mir nach meinem letzten Spiel für Bayern München bewusst die Zeit genommen, um eine gut überlegte Entscheidung über meine Zukunft zu treffen“, schrieb er, „das ist zweifellos die schwierigste Entscheidung, die ich in meiner Karriere treffen musste." Denn es sei eine Entscheidung gewesen, "bei der Herz und Verstand aufeinander prallten". Also "die Liebe für das Spiel und die Überzeugung, dass man noch immer alles kann, gegenüber der Realität, dass nicht alles so läuft, wie man will."

Aber die Entscheidung sei "gut so", zumal er gerade gesund sei und auch bleiben wolle nach den vielen Verletzungen in seiner Karriere. Robben hat in seiner Erklärung neben seinem Dank für all die Unterstützer in seiner bemerkenswerten Laufbahn noch einen kleinen Schwenk zu seinem Image eingebaut, das ihm einst den Spitznamen Alleinikov einbrachte. "Spitzensportler sind bekannt für ihre egoistische Haltung, und ich war da keine Ausnahme", schrieb er.

Auch diese Selbstreflexion sprach für jene Reife, die er mit seinem Entschluss zum Karriereende ebenso dokumentierte. Dem dribbelnden Holländer ist mit seinem Schlussstrich gelungen, was viele Topsportler verpassen: der schwierige Abschied zum richtigen Zeitpunkt. Nach 19 Jahren als Profifußballer, die letzten zehn Jahre davon beim FC Bayern, zu dem er 2009 von Real Madrid für 25 Millionen Euro Ablöse übergelaufen war. Zuvor hatte er für den FC Groningen, die PSV Eindhoven und den FC Chelsea gespielt.

Zwölf Meistertitel, einmal Vize-Weltmeister

Neben dem Gewinn der Champions League kamen unter anderem zwölf Meistertitel (acht davon mit Bayern) sowie die WM-Plätze zwei (2010) und drei (2014) mit dem niederländischen Nationalteam zusammen, aus dem er nach 96 Einsätzen und 37 Toren 2017 zurücktrat. Es gebe „nichts Schöneres, als für sein Land zu spielen", resümierte Robben.

Geprägt hat er die Bundesliga zusammen mit Ribéry wie nur wenige Spieler. Zwei solche Attraktionen auf den Außenbahnen hatte der FC Bayern sogar nie zuvor beschäftigt. Prägende Figuren wie Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg standen stets im Wortsinne im Zentrum des Münchner Denkens. Rib und Rob oder Robbéry kamen dagegen wie ein Artistenduo daher, das von links und rechts auf dem Trapez durch die Manege schwingt und schwindelerregende Kunststücke aufführt. Robben gehöre wie sein Partner vom linken Flügel, Ribéry, "in die Phalanx der ganz Großen", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß zuletzt.

Zur prägenden Figur wurde Robben mit seinen schnellen Trippelschritten im Nähmaschinenstil. Mit seinem außergewöhnlichen Ehrgeiz eines Musterprofis und zeitweiligen Eigensinn, womit er manch einem Kollegen auch mal auf die Nerven ging. Mit seiner klaren und nicht selten kritischen Meinung, die er oft kundtat. Wenn er nach den Spielen vor den Medien sprach, dann so laut und deutlich, dass ihn beinahe noch der Busfahrer vor der Tür hören konnte.

Vor allem aber war sein Robben-Move prägend, bei dem er von rechts außen nach innen abbog, um mit seinem stärkeren linken Fuß zu vollenden, in den linken oder rechten Winkel. Das Verblüffende dabei war, dass jeder wusste, was Robben vorhat, es aber nur äußerst selten zu verhindern war.

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"Es ist Zeit für das nächste Kapitel"

Das galt auch noch in seiner letzten Saison, in der er wegen anhaltender Verletzungsprobleme fast die gesamte Rückrunde verpasste. Doch als er zurückkam, lief er den Gegenspielern wieder davon. Er spürte aber, dass das nicht mehr lange gehen würde. Und er sah das auch beim fast ein Jahr älteren Ribéry, der immer seltener an den Gegenspielern vorbeikam.

Die Beliebtheit des volksnahen Ribéry aus einfachen Verhältnissen erreichte der weniger nahbare und skandalfreie Robben nie. Ribéry, der Robben in der Halbzeitpause beim Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid 2012 ein blaues Auge verpasste, will nach seinem Abschied vom FC Bayern nach zwölf Jahren noch weiterspielen. Während der Franzose Fotos in Luxusklamotten oder vor Luxuskarossen postet, wartet er auf ein überzeugendes Angebot.

Robben wartet darauf nicht mehr, und er braucht die Aufmerksamkeit auch nicht. "Es ist Zeit für das nächste Kapitel und ich freue mich darauf, mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern zu verbringen", schrieb er. Genießen wolle er all das Schöne, was vor ihm liege – und das vor allem privat. Vorerst noch ein Jahr in München, wo seine Kinder zur Schule gehen.

Und dann in seiner Heimatregion Groningen, in der Robben ein Haus für sich und seine Familie bauen lässt. Vielleicht hat ihm auch sein beinahe kitschiger Ausstand gegen Frankfurt samt abschließendem Gewinn des Doubles geholfen, den vernunftbetonten Entschluss zum Karriereende zu fassen. Schöner kann ein Abschied ja kaum gelingen. Und das nach der Wut, Ribéry den Vortritt lassen zu müssen. Robbens maximaler Ehrgeiz wurde danach noch ein letztes Mal krönend belohnt. 

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